Volk über den Dächern von Zürich

Etwa ein Fünftel aller Bienenvölker überlebt den Winter nicht, das ist Tatsache", sagt Thomas Zähner. Der 44-Jährige Familienvater betreibt seit fünf Jahren eine Imkerei. Sein Onkel motivierte ihn, eine Ausbildung zum Imker zu machen, so lernte er in zwei Jahren neben seiner Tätigkeit als Elektrotechniker das Imkerhandwerk. Das beinhaltet unter anderem die Fütterung, Pflege, aber auch die Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten innerhalb des Bienenstocks. "Das Bienenvolk ist ein äußerst komplexer Organismus, den ich möglichst natürlich halten möchte und so wenig wie möglich in ihrem Lebensraum störe", sagt Zähner. Deshalb findet das Interview auch nicht bei seinen Bienenstöcken statt, sondern in seinem Stadtgarten.

Häufige Besuche und das Öffnen der Bienenkästen möchte Zähner vermeiden. Zwei- bis dreimal im Monat besucht er seine Bienenkästen, die mitten in Zürich auf dem Flachdach eines Alterszentrums stehen. "Es ist wichtig für die Bienen, dass sich ihr Stock in nicht zu großer Höhe befindet, ausreichend Nahrung in der Nähe ist und ihre Flugbahn nicht von zu vielen Menschen gestört wird", betont er. "Entgegen der häufigen Meinung sind Bienen nicht von Natur aus gereizt und aggressiv, das sind eher die Wespen. Bienen stechen nur in Panik zu ihrem Eigenschutz." Trotzdem mussten Personal und Bewohner im Umgang mit Bienen instruiert und geschult werden. Mit Zähner öffneten sich neue Türen, indem das Alterszentrum als Anlaufstelle für Interessierte dient und der Zürcher Bienenzüchterverein dort Informationsveranstaltungen durchführt.

Der Jahreskreislauf fängt im April an. "Nach der Überwinterung in der sogenannten Wintertraube beginnen die Bienen, sich ab April wieder zu rühren. Sie legen täglich bis zu 2000 Eier und expandieren den ganzen Frühling über, bis das Bienenvolk ein Maximalgewicht von etwa sechs Kilogramm erreicht." Einige Imker verwenden inzwischen Webcams zur Zählung der Bienen. Nicht aber Zähner, er wiegt das Volk regelmäßig, um festzustellen, wie viele Bienen sich im Stock befinden. Je Kilo Bienen rechnet er mit 10 000 Bienen. Nach der großen Fortpflanzungswelle im Frühling wird es im Bienenstock zu eng. Eine neue Königin wächst heran und vertreibt die bisherige Königin, die mit der Hälfte des Volkes auszieht.

Dieser Schwarm sucht sich in der Nähe einen neuen Standort. "Viele Imker unterbinden diesen Vorgang damit, indem sie mit neuen Kästen mehr Platz schaffen." Gleichzeitig betont der Hobbyimker, wie wunderbar es jedes Mal sei, dieses Spektakel des Schwärmens zu betrachten. "Es ist einfach wichtig, sein Volk beisammen zu haben, um die Kontrolle nicht zu verlieren." Auch er siedelt die Königinnen in neue Kästen um, um somit die Gefahr des Bienenverlusts zu minimieren. In den Monaten Mai und Juni findet die größte Veränderung im Bienenstock statt. Er kontrolliert, ob mit der Königin und den Larven alles in Ordnung ist. "Im Winter hingegen brauchen die Bienenstöcke wenige Besuche, außer man muss die Fluglöcher von Schnee befreien."

Der Honig werde weder durch Feinstaub, Abgase oder andere Verschmutzungen verunreinigt. "Die Biene wirkt wie ein Katalysator und reinigt den Honig, jedoch produzieren Stadtbienen keinen sortenreinen Honig", erklärt Zähner. Deshalb kann sich dieser jeden Monat in Farbe und Konsistenz unterscheiden, da jeweils immer andere Pflanzen blühen. Das lobt Zähner am Standort der Stadt: "Nicht nur das leicht wärmere Klima ist hilfreich für die Bienen, sondern auch die Artenvielfalt der Blumen." Für die Bienen sei es wichtig, stets blühende Pflanzen um sich zu haben, die es in Vorgärten und Grünanlagen gibt. Im Gegensatz zu ländlichen Gebieten, in denen häufig landwirtschaftliche Monokultur betrieben wird. Dort trägt auch der Einsatz von Pestiziden zur hohen Bienensterblichkeit bei.

Mitten in der Stadt, wo Urban Gardening immer populärer wird, sind Bienen gerngesehene Gäste auf bepflanzten Balkonen. Zähner verkauft seinen Honig auf dem Wochenmarkt und in Quartiergeschäften, wo seine Kunden großes Interesse am Stadtbienenhonig zeigen.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Volk über den Dächern von Zürich
Autor
Ann-Sophie Marz
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.01.2016, Nr. 20, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180