Neue Tiere auf dem Display bescheren ihm Glücksgefühle

Graubraune Haare, blaue Augen und von guter Statur. Der 48-jährige Thomas Marent ist gelernter Maschinenzeichner und wohnt im untersten Stockwerk eines Mehrfamilienhauses in Neuenhof bei Baden im Kanton Aargau. Seit seiner Kindheit ist er ein begeisterter Naturliebhaber. Einen großen Teil seiner Freizeit verbrachte er schon als Kind damit, die Tiere und Pflanzen zu beobachten. Mit 16 Jahren kaufte er sich seine erste Spiegelreflexkamera, da er das Ganze, wie er sagt, "auf einem Bild festhalten wollte".

"Am Anfang war es schwer, ins Fotobusiness reinzukommen, da ich noch nicht wusste, auf was es beim Fotografieren ankommt", erklärt er, mit seinen Händen gestikulierend. Mit der Zeit konnte er dann wichtige Kontakte knüpfen und lernte verschiedene Leute aus der ganzen Welt kennen, die ihm die Tipps und Tricks beim Fotografieren zeigten. Mit immer mehr Wissen im Gepäck machte Thomas Marent 1990 seine erste Regenwaldexpedition in Australien. Der Hauptzweck seines siebenmonatigen Aufenthalts in Australien war aber vor allem, Englisch zu lernen.

Doch der Regenwald packte ihn sofort. "Das Feuchte, Dunkle, Grüne und Mystische wird in vielen verrückten Formen ausgedrückt", berichtet er mit funkelnden Augen. Durch die Eindrücke inspiriert, knipste er ein Foto nach dem anderen und reiste in weitere Regenwälder wie zum Beispiel in Kenia, Costa Rica oder Sulawesi. Finanziell konnte er sich mit seinem Job als Maschinenzeichner immer über Wasser halten. Und wenn er dann wieder genug Geld gespart hatte, reiste er ins nächste Land. Am besten war es für ihn, mit noch jemandem zu reisen, da er sich so die Reisekosten teilen und die Gefahren und Risiken senken konnte. Am häufigsten reist er mit dem Franzosen David Weiller, der ihn einmal kontaktierte, als er Fotos von Marent sah, und fragte, ob er einmal auf eine Reise mitkommen könne. Tatsächlich suchte Marent bei einer Reise noch jemanden, der ihn begleitete, und fragte dann Weiller. Dieser war sofort begeistert. Seither unternehmen die beiden immer mal wieder eine Reise zusammen.

Damit eine Tour zustande kommt, braucht es eine gute Vorbereitung. Marent verbringt viel Zeit mit der Internetrecherche und schaut, wann die beste Jahreszeit für eine Reise ist. "Das ist das A und O", erklärt er. Dennoch reichen die Internetrecherchen alleine nicht aus, um auf Fotojagd zu gehen. Ebenfalls durchforstet er sein Kontaktnetzwerk, um an Informationen zu kommen, wie etwa: Wo findet man zum Beispiel einen besonders geeigneten Ort zum Fotografieren oder einen guten Guide vor Ort?

Auf seinen Expeditionen hat Thomas Marent schon viel erlebt, und so ist er sich einer Sache ganz sicher: "Es sind die Menschen, die gefährlich sind, und nicht die Tiere. Die Wahrscheinlichkeit, von einem Menschen angegriffen zu werden, ist viel größer als jene, dass man versehentlich auf eine Schlange tritt", erklärt er mit herzhaftem Engagement. Schon mehrmals wurden ihm Teile der Kamera gestohlen, und er wurde einmal verfolgt, wobei er sich knapp retten konnte. Nichtsdestotrotz hat er auch schon unangenehme Bekanntschaften mit Tieren gemacht. Vor 18 Jahren kam er zum Beispiel beim Fotografieren in einem Regenwald von Uganda zu nah an einen Schimpansen heran, und dieser schlug Alarm. "In dieser Situation hatte ich extreme Angst, aber es ist mir ja nichts passiert", sagt er schmunzelnd.

Die Fotografie im Regenwald ist aber nicht nur gefährlich, sondern auch technisch eine Herausforderung. Das Licht und die Feuchtigkeit machen das Fotografieren schwer, da es oft zu wenig Licht gibt oder die Kameralinse beschlagen ist. Bei einem Foto schaut er besonders auf den Hintergrund, die Schärfe, den Blickwinkel und eben auf die Komposition sowie das Licht. Wenn alle diese Kriterien erfüllt sind, kann man von einem wahren Schnappschuss sprechen. Bis man aber so ein Foto machen kann, braucht man zum Teil viel Geduld. Es kam auch schon vor, dass er an einem Tag durch den Regenwald streifte, ohne ein passendes Sujet zu finden.

Darum empfindet er bei jeder Tierart, die er auf das Display bekommt, "ein schönes Glücksgefühl". Diese Glücksgefühle spornen ihn immer weiter an, auch wenn er mal einen schlechten Tag erwischt. In seinem 30. Lebensjahr wurden immer mehr seiner Fotos in Magazinen oder Kalendern publiziert, und schließlich kam er dazu, mit dem Buchverlag Dorling Kindersley einen Vertrag abzuschließen. Mit seinem ersten Fotobuch mit dem Titel "Rainforest" erfüllte sich für ihn ein großer Traum. "Der Bildband Regenwald hat mir alle Türen geöffnet, um mein Hobby zu meinem Beruf zu machen", sagt er sichtlich gutgelaunt.

Seitdem ist Thomas Marent ein gefragter Mann in der Fotografenszene und kann sich über mehrere Aufträge freuen, die es ihm ermöglichen, von der Fotografie zu leben. Seit zehn Jahren macht er für Ökobüros das Monitoring von Schmetterlingen, Tagfaltern und Heuschrecken, und seit drei Jahren leitet er Naturfotoreisen in Peru, Uganda, Madagaskar und noch vielen weiteren Ländern in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsschule KV Baden. In Kontakt mit dieser Schule kam er, weil er einmal in einer Schweizer Zeitschrift eine Bilderstory über Schmetterlinge veröffentlicht hatte und der Schulleiter ihn fragte, ob er einen Schmetterlingsworkshop leiten wolle. Marent sagte zu, und so entwickelten sich die Workshops von der nationalen Ebene auf die internationale Ebene. In Zusammenarbeit mit dem Reisebüro Dreamtime Travel in Baden organisiert Marent seither Reisen zu verschiedenen Destinationen.

Auf sein erstes Album folgten in den darauffolgenden Jahren noch vier weitere. Im Oktober soll sein nächstes Werk mit dem Titel "Butterfly" veröffentlicht werden, das aber nur in Englisch erhältlich ist, da der Verleger aus Kanada kommt. "Die Bücher verkaufen sich recht gut, wobei man schon merkt, dass die neueren Bücher auf Grund der größeren digitalen Konkurrenz schwerer abzusetzen sind und nicht mehr so viele Leute Bücher kaufen." Für die Zukunft hat er eine lange Wunschliste: "Eines meiner Hauptziele ist es, die Paradiesvögel einmal abzulichten."

Informationen zum Beitrag

Titel
Neue Tiere auf dem Display bescheren ihm Glücksgefühle
Autor
Fabian Osterwalder
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.01.2016, Nr. 20, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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