Dexters Erfolg als rappender Arzt

In Stuttgart kommt es schon manchmal vor, dass ich wegen meiner Musik angesprochen werde, vor allem bei Konzerten. Aber in anderen Städten, wenn ich so durch die Einkaufsstraße laufe, ist es doch eher selten. Mir ist das unangenehm, ich weiß immer gar nicht, was ich sagen soll", sagt Dexter, mit bürgerlichem Namen Felix Göppel. Der Produzent von Liedern der deutschen Hip-Hop-Größen Cro und Casper hat Gold und Doppelplatin erreicht. Dem stereotypischen Rapper ähnelt er allerdings nicht, der 32-Jährige trägt keine Goldketten, eher unauffällige Klamotten, hat einen kurzen Bart und etwas längere, blonde Haare. Und obwohl sein Name nicht in großen Buchstaben auf den Alben steht und der ganz große Ruhm bis jetzt ausbleibt, liefert er einen essentiellen Teil der Musikstücke: den sogenannten Beat.

"Der Beat ist die musikalische Grundlage für die meisten Rapproduktionen. Traditionellerweise werden dabei Ausschnitte aus alten Schallplatten aneinandergereiht, und das ist auch das, was ich hauptsächlich mache: Ich lasse mich von alten Platten inspirieren, vornehmlich aus dem Jazz-, Funk- und Soulbereich. Um diese Basis herum spiele ich eigene Sachen ein, mit analogen Synthesizern, anderen Geräten und auch mit dem Computer." Die Musik, die Dexter selbst als "organisch, nicht künstlich, aber auch gleichzeitig modern und up to date" beschreibt, unterlegt aber nicht nur die Sprechgesänge hauptsächlich deutscher Rapper, sondern wird auch separat auf Alben als Instrumentalmusik veröffentlicht - und das auf der ganzen Welt. "Neulich habe ich einen Anruf gekriegt, da hat jemand in einem Plattenladen in Südafrika eine Platte von mir gesehen, aber auch in Japan oder den USA werden viele verkauft. Für diese reine Instrumentalmusik ist man in anderen Ländern auch ein bisschen offener als in Deutschland."

Finanziell auf den internationalen Erfolg seiner Instrumentalplatten verlassen muss er sich aber nicht, denn Dexter hat ein zweites Standbein: Er arbeitet als Assistenzarzt in der Kinderklinik in Ludwigsburg und macht dort im Moment seine Facharztausbildung. Seine medizinische Laufbahn begann mit dem Zivildienst in ebenjenem Krankenhaus, in dem er arbeitet: "Ich habe als Helfer im OP gearbeitet, und irgendwie hat mich das Medizinische interessiert, es hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Am liebsten wollte ich nach der Schule schon Musik machen, aber zu dem Zeitpunkt war gar nicht daran zu denken, dass das irgendwann mal meine Miete finanzieren könnte. Also habe ich brav studiert. Ich habe eigentlich aber auch gar nicht so richtig damit gerechnet, einen Studienplatz zu bekommen. Mein Abiturschnitt war nämlich eine 2,5. Aber ich habe den Platz bekommen."

Dass er schulisch nicht weit überdurchschnittlich abschnitt, könnte daran gelegen haben, dass er schon früh seine musikalische Karriere verfolgte: "Ich und meine Freunde haben uns in der Schule immer Zettel hin- und hergeschoben, auf denen irgendwelche Reime standen, anstatt wie andere Liebesbriefchen zu schreiben. Ich hab mir die ganzen Seiten auch aufgehoben, ist ganz witzig, das zu lesen." Weiter ging es mit dem Erwerb eines Plattenspielers: "Ich habe dann Single-Platten gekauft, auf denen gab es auch eine Instrumentalseite, darüber haben wir gerappt und das mit dem Kassettenrekorder aufgenommen. Meistens waren das Vierzeiler aus der Schule. Und irgendwann dachten wir eben, dass wir auch selber mal Beats machen müssten, und so hat das dann eben angefangen."

Einfach war dieser Einstieg nicht, weil die heute selbstverständlichen Hilfsmittel fehlten: "Ich habe viele Hip-Hop-Platten gekauft und angefangen, als DJ aufzulegen und sie auch zu mixen. Aber als ich mit dem Beatmachen anfangen wollte, wusste ich gar nicht so richtig, wie das geht. Das Internet in der Form von heute, wo man sich einfach irgendwelche Tutorials anschauen kann, gab es damals ja noch nicht. Also musste man selber schauen, ob man vielleicht irgendwelche Freunde hat, die einem das irgendwie zeigen, oder man musste einfach selber draufkommen."

Auf seine Anfänge beruft sich Dexter nach wie vor. "Ich komme von den Plattenspielern, die habe ich noch, und ich kaufe immer noch ganz viele Platten. Ich bin auch über meine Arbeit im Hip-Hop ein großer Fan von Jazz geworden." Klassische Musik beeinflusste ihn dagegen wenig. "In der Grundschule war ich mal im Klavierunterricht, das habe ich aber nur drei Jahre durchgezogen. Dann sind wir umgezogen, und ich habe das nicht weiterverfolgt. Geholfen hat es mir insofern, dass ich Noten lesen kann, Harmonien höre und verstehe. Aber das habe ich mir zum größten Teil selber beigebracht. Einen großen Einfluss auf mich hatte die Musik nicht, die ich da gespielt habe. Deutlich wichtiger war da die Musik, die mein Vater gehört hat, eben Jazz und Blues."

Die ersten Zeugnisse seiner Musik kommen aus der Schulzeit: "Es gab da so eine Zeit, da haben wir selber CDs gebrannt, in der Schule Cover kopiert und das dann selber zusammengebastelt und für fünf Mark bei irgendwelchen Jugendveranstaltungen verkauft." Zu seinen Freunden von damals hält er den Kontakt. "Die meisten, die damals mit mir angefangen haben, sind irgendwie in dem Bereich untergekommen, nur keiner als Musiker. Einer arbeitet für ein großes Hip-Hop-Festival, ein anderer als Fotograf für ein Hip-Hop-Magazin." Dexter dagegen macht während des Studiums weiter Musik, aber ohne Zwang: "Es ist meistens so, dass ich sowieso die ganze Zeit Beats mache, dabei sind viele auch gar nicht mal dafür gedacht, dass da jemand noch darüber rappt. Manchmal ist dann eben Interesse von jemand da, der kommt mal vorbei oder fragt an, ob ich einen Beat für ihn hab. Und dann spiele ich ihm ein paar Sachen vor. Und wenn ihnen dann irgendetwas gefällt, können sie das mitnehmen und ihre Texte drauf schreiben. So richtig auf Auftrag arbeiten kann ich gar nicht."

Von der in der Branche üblichen Selbstinszenierung ist er weit entfernt: "Ich kann wegen meines Berufs deutlich lockerer Musik machen, habe nicht wie andere den Zwang, mit ihr Geld zu verdienen. Ich habe schon einen Manager, der kümmert sich aber mehr um die Steuern, Gema und das ganze Verhandeln. Das könnte ich sonst auch zeitlich gar nicht leisten. Aber ich will nicht, dass er mich irgendwo anbietet. Ich habe ja auch eigene Projekte, es ist mir wichtig, nicht nur der Produzent für andere zu sein, sondern selber etwas zu machen." Bei den Produktionen, die schließlich Gold und Platin erreichten, war es nicht anders: "Casper hatte mich mal bei einem Produzenten-Wettstreit gesehen und wollte danach etwas mit mir machen. Und Cro ist einfach mal bei mir vorbeigekommen, hat sich einen Beat ausgesucht und mir schon am nächsten Morgen den fertigen Rap geschickt." So entstanden die Lieder "Blut sehen" von Casper und "Ein Teil" von Cro.

Im Arztberuf bei den Patienten mit seinem Status als Hip-Hopper zu glänzen, um einen besonderen Draht zu jungen Patienten herzustellen, ist dagegen nicht ganz einfach: "Ich behandele vor allem Babys. Aber die Mütter kennen mich manchmal." Insgesamt ist ihm allerdings wichtig, seine beiden Berufe zu trennen: "Das sind einfach zwei komplett verschiedene Welten. Natürlich sprechen einen die Schwestern mal auf die Musik an, aber ich will, dass das eher getrennt bleibt. Nach zwei Wochen auf Tour ist es schon auch angenehm, wieder das geordnetere Berufsleben mit festen Zeiten zu haben."

Bei den vielen Beschäftigungen lässt es sich nicht ganz verhindern, dass Dexter mal in Stress kommt. Denn neben seinen zwei Berufen, Auftritten als DJ, im Produzenten-Trio mit dem Namen "Betty-Ford-Boys" und Albumaufnahmen, auf denen er selber rappt, will er mit seiner Freundin eine Familie gründen. "Es ist schon schwer, man muss sich ein bisschen zerreißen. Aber dadurch, dass ich nur eine Halbtagsstelle habe, zwei Wochen am Stück arbeite und dann wieder frei habe und ich meine musikalische Tätigkeit auf nachts verlege, finde ich schon irgendwie Zeit."

Bei seiner musikalischen Karriere zurückzustecken kann er sich nicht vorstellen. "Wenn ich meine Facharztausbildung fertig habe, kann ich mir vorstellen, mich für ein paar Jahre nur auf die Musik zu konzentrieren. Aber dann will ich wieder einsteigen, zum Beispiel in eine Praxis." Medizinisch die Karriereleiter nach ganz oben zu klettern kann er sich aber nicht vorstellen: "Heutzutage braucht man eigentlich keinen Doktortitel mehr, und ich habe keine Lust, eine Arbeit über ein Thema zu schreiben, das mich nicht interessiert. Chefarzt werden will ich definitiv nicht, das wäre mir zu viel Stress."

Auch lokal sind für ihn keine großen Veränderungen geplant: "Wenn ich ein gutes Angebot aus einer anderen Stadt bekomme, kann man sich das natürlich überlegen. Ich möchte es nicht ganz ausschließen, aber wahrscheinlich bleibe ich im Schwabenländle." Also gleich ob als Doktor Felix Göppel oder nicht - Dexter wird wohl der rappende Arzt aus Süddeutschland bleiben. Wo kommt eigentlich sein Künstlername her? "Ich glaube, das hat in der Schule seinen Ursprung, irgendein Freund hat mich so genannt, wegen der gleichnamigen Zeichentrickserie. Aber so ganz genau weiß ich das nicht mehr."

Informationen zum Beitrag

Titel
Dexters Erfolg als rappender Arzt
Autor
Nicolas Walka
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.01.2016, Nr. 20, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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