Einfach alles geben

Deutschland gegen Zypern. 15. November 2013, U-16-Fußball-Länderspiel in Rödinghausen. Unter den 22 Spielern sticht an diesem Freitagabend einer heraus: Justin Petermann, ein 1,67 Meter großer und flinker Außenbahnstürmer. "Ich war nervös vor diesem Spiel, nach dem 0:1 im Hinspiel mussten wir Leistung zeigen." 2000 Zuschauer unterstützen die junge Truppe von Trainer Stefan Böger. "In den ersten zehn Minuten habe ich gespürt, dass heute etwas möglich ist. Die Spieler waren motiviert, alles zu geben für das Team."

November zwei Jahre später. Donnerstagmorgen, 6.15 Uhr, der Tag beginnt für Justin Petermann, der das Gymnasium Nieder-Olm besucht. Doch der 17-Jährige packt an einem Donnerstag nicht nur seine Schultasche, sondern auch seine Fußballtasche. Mit dem Bus fährt er jeden Morgen zwanzig Minuten von Hahnheim nach Nieder-Olm. Justin spielt für die A-Jugend des FSV Mainz 05. Trotz seines Traums, Fußballprofi zu werden, vernachlässigt er die Schule nicht: "Mein Abitur ist mir sehr wichtig, damit mir später mal alle Wege offen sind." In der Oberstufe hat sich Justin gegen den Leistungskurs Sport entschieden: "Mit sechsmal die Woche Fußballtraining und meinen bisherigen Verletzungen, war mir das Risiko einer weiteren Verletzung bei dem intensiven Schulsport zu hoch. Außerdem ist Sportleistung mit mehr Stunden verbunden, was mir bei meinen durchgeplanten Tagesabläufen noch die letzte freie Zeit nehmen würde." Stattdessen hat er Sozialkunde, Biologie und Deutsch als Leistungskurse gewählt.

Donnerstags hat er bis 17 Uhr Schule. Ohne Pause geht es direkt auf den Sportplatz zum Training, wohin ihn seine Eltern oder sein Bruder fahren. "Es ist großartig, dass meine Familie mich in jeder Situation unterstützt, anders würde alles nicht so reibungslos funktionieren, und ich wäre sicher nicht da, wo ich heute bin." Früher war das alles einfacher, bevor Justin bei einem E-Jugend Hallenturnier seines Heimatvereins SC 1962 Hahnheim von Mainz-05-Scouts entdeckt wurde. Von 18 bis 20 Uhr heißt es dann volle Energie ins Training investieren, damit man am Wochenende unter den ersten elf steht und sich mit den Besten seiner Altersklasse in der A-Jugend-Bundesliga messen kann. Im Training wird akribisch gearbeitet, um aus jedem das Bestmögliche herauszuholen. Zusätzlich macht Justin dienstags ein individuelles Training, um nach den Verletzungen, einem knöchernen Sehnenausriss und einer Schambeinentzündung, wieder hundert Prozent Fitness zu erlangen.

Gegen 21 Uhr ist er zu Hause. Zeit zum Ausruhen bleibt ihm nicht. Er muss Hausaufgaben machen und lernen. Um 22.30 Uhr ist das Tagesprogramm bewältigt. "So anstrengend, wie das alles klingt, so viel Spaß macht es aber auch. Fußball ist meine Leidenschaft." Und wenn die Motivation mal nachlässt, erinnert er sich gerne an jenen einmaligen 15. November 2013.

Zwölf Minuten sind gespielt, als Justin den Ball auf der Außenbahn zugespielt bekommt. "Ich nahm Tempo auf ging ins eins gegen eins, und nachdem ich vorbei war, steckte ich den Ball durch die Gasse zu Jonas, der machte ihn eiskalt rein." 1:0 war der Spielstand nach 12 Minuten, vier Minuten später ist es wieder Justin, der zum 2:0 auflegt: "Der Ball kam wieder auf die Außenbahn, diesmal suchte ich den Weg zur Linie, um den Ball in den Rückraum zu legen. Tom hat sich das 2:0 anschließend nicht mehr nehmen lassen." In der 22. Minute krönt Justin seine überragende Leistung mit dem 3:0. "Es gab Eckball, für uns, der Ball fliegt auf mich. Ich kontrolliere ihn und schloss dann aus der Drehung ab." Drei Torbeteiligungen in zehn Minuten, damit ging die Mannschaft in die Pause. Dann erhöht Deutschland auf 4:0 (54. Minute). Der Ehrentreffer für Zypern gelang zwar noch (65. Minute), aber die Hoffnung wurde erstickt durch den Treffer zum 5:1-Endstand. "Die Atmosphäre war unbeschreiblich", sagt Justin.

Informationen zum Beitrag

Titel
Einfach alles geben
Autor
Niclas Lanzerath
Schule
Gymnasium Nieder-Olm , Nieder-Olm
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.02.2016, Nr. 26, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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