Ausgestattet mit starkem Willen, wollte er unbedingt Profi werden

Es macht mir Spaß, weil es nie langweilig ist. Es ist immer was los, und man kommt mit vielen Menschen in Kontakt, von Kindern bis zu den Senioren. Es ist einfach ein total interessanter Job", sagt Peter Reichert über seine Arbeit als Fanbeauftragter beim Bundesligaverein VfB Stuttgart. Dabei hatte sich der ehemalige Mittelstürmer, der heute 54 ist und den größten Teil seiner fußballerischen Karriere beim VfB verbracht hat, eigentlich für einen ganz anderen Weg entschieden, einen mit Sport, aber ohne Fußball.

"Ich war schon immer sehr heimatverbunden. Und als ich meine Karriere beendete, war in meiner Heimatstadt Oberderdingen in der Nähe von Stuttgart gerade ein Sportzentrum in Planung, für Tennis, Squash und Badminton. Also habe ich da ein wenig investiert und dann die Leitung der Anlage übernommen. Ich war für Gastronomie und Organisation zuständig." Sich nach der sportlichen Karriere zur Ruhe zu setzen, wie es sich Fußballer mit ihren exorbitanten Gehältern heute leisten könnten, war keine Option: "Natürlich haben wir damals gut verdient, besser als andere in unserem Alter und genug, um eine Basis für das Leben nach dem Karriereende zu haben. Aber so große Summen wie heute waren das natürlich nicht."

So arbeitet er nach seiner Karriere an dem Ort, an dem sie auch begann: "Mit fünf Jahren habe ich angefangen, beim SV Obererdingen Fußball zu spielen. Mein Vater hat da auch gespielt, und ich wollte das auch. Es hat mir riesig Spaß gemacht." Darauf verlassen, dass ihn irgendwann ein Talentscout findet, muss er sich nicht, denn er nimmt sein Schicksal selbst in die Hand: "Als ich siebzehn war, hat mich mein Vater einfach mal zum Training des VfB gefahren. Ich habe nachgefragt, ob ich mal mittrainieren darf. Die zweite A-Jugend-Mannschaft hatte gerade Training, und da habe ich einfach mittrainiert." Der junge Mittelstürmer wusste zu überzeugen: "Sie haben gesagt, ich soll nächste Woche noch einmal kommen, wenn die erste A-Jugend trainiert, da habe ich vier Wochen mittrainiert. Dann hat man mir gesagt, ich soll meinen Spielerpass mitbringen, damit ich zu ihnen wechseln kann." Von da an spielte er für den schwäbischen Traditionsverein, einfach war das aber nicht: "Ich hatte viermal die Woche Training in Stuttgart, dafür musste ich jedes Mal sechzig Kilometer mit dem Auto fahren. Ich musste jeden Morgen in die Schule, mittags schnell Hausaufgaben machen und dann zum Training." Nachdem er ein Jahr in der A-Jugend gespielt hatte, landete er bei den Stuttgarter Amateuren, und mit etwas Glück bekam er einen Profivertrag: "Ich habe bei den Amateuren relativ viele Tore geschossen, obwohl ich eigentlich nicht der talentierteste oder technisch begabteste in der Mannschaft war, ich war ja schließlich nicht von einem Erstligaverein ausgebildet worden. Ich hatte aber einen sehr starken Willen, wollte unbedingt Profi werden. Und als es dann beim Stürmer in der ersten Mannschaft, Dieter Müller, gerade nicht so lief, hat man mich bei den Profis aufgenommen, um Konkurrenzdruck aufzubauen."

Dafür gab er seinen "Plan B" auf, eine Polizistenausbildung, die er nach seinem Abitur begonnen hatte. Anfangs wurde er vor allem eingewechselt, aber am Ende der Saison 1984/85 war er Stammspieler und der VfB Deutscher Meister: "Ich hatte ein paar wichtige Tore gemacht, so konnte ich mich etablieren. Wir hatten damals eine tolle Mannschaft, auch mit Nationalspielern wie Guido Buchwald, aber vor allem waren wir ausgewogen und hatten einen guten Zusammenhalt. Das lag auch daran, dass bis auf wenige Ausnahmen und die zwei ausländischen Spieler - mehr waren damals nicht erlaubt - alle aus dem Südwesten Deutschlands kamen. Für fünf Jahre spielt Reichert beim VfB, bis 1986 ein neuer Trainer kam und sein auslaufender Vertrag nicht verlängert wurde. "Das fand ich korrekt, schlimmer wäre es gewesen, wenn er mir gesagt hätte, dass ich bleiben soll und mir dann keine Chance gegeben hätte. Beim VfB hat dann Racing Straßburg angerufen und nach meinen Kontaktdaten gefragt, damals lief das noch ohne Spielerberater. Und so bin ich nach Straßburg gefahren, habe mit Hilfe eines Spielervermittlers einen Vertrag ausgehandelt und dann für sie gespielt."

Probleme, sich zu integrieren, hatte er nicht: "Ich habe mich in Straßburg wohlgefühlt, weil es nicht zu weit von meiner Heimat entfernt war. Außerdem hatte ich in der Schule Französisch, das ich vor Ort natürlich noch weiter verbessert habe." Mit Reichert als einer der Stars stieg der Club nach zwei Jahren aus der zweiten in die erste französische Liga auf, landet dort aber auf einem Abstiegsplatz. "Wir bekamen dann vom Verein mitgeteilt, dass er finanzielle Probleme hätte und wir uns, wenn möglich, einen neuen Verein suchen sollten. Ich hatte mir in Frankreich einen Namen gemacht, also kam ich problemlos beim FC Toulouse unter." Dort klappt es aber nicht so, wie der Stürmer sich das vorgestellt hat, er ist mit dem System der Mannschaft unzufrieden und entscheidet sich nach einer Aussprache mit dem Trainer, zurück in die Bundesliga zu wechseln. Dass er zum Karlsruher SC, dem Rivalen seines Stuttgarter Ex-Vereins, wechselte, erregte damals deutlich weniger Aufmerksamkeit, als es heutzutage normal ist. "Man sieht das als Spieler etwas anders als der Fan. Die Rivalität zwischen den beiden Vereinen war damals einfach noch nicht so ausgeprägt wie heute." Noch zwei Jahre spielte er in Karlsruhe, dann verletzte er sich und entschloss sich, die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen.

Danach konzentrierte er sich auf seine Arbeit im Heimatdorf, verlor aber nie ganz den Kontakt zum VfB. Als er nach dreizehn Jahren seine Tennisplätze verkauft hatte, erfuhr er, dass ein Posten als Fanbeauftragter frei wurde. "Für mich passte das einfach super, ich habe mich mit VfB-Verantwortlichen getroffen und wurde eingestellt." Als Fanbeauftragter ist er Bindeglied zwischen Fans und Verein, da ist seine Kernqualifikation klar. "Das ist kein Job, den jeder machen kann. Ansonsten muss man kommunikativ sein und vermitteln können, das ist ein wichtiger Teil des Berufs." Die Identifikation mit dem Verein ist bei Reichert selbstverständlich. Der hochgewachsene Schwabe, dessen ehemalige blonde Mähne ein wenig ergraut ist, trägt auch im Büro ein Polohemd mit VfB-Aufdruck, neben seiner freundlichen Art und seinem schwäbischen Akzent hat er als Meisterschaftsgewinner mit dem Verein bei den Fans einen Stein im Brett. "Wir sind drei Fanbeauftragte, zusammen kümmern wir uns um alles, was mit den Fans zu tun hat. Einer meiner Kollegen kümmert sich hauptsächlich um Fanclubs, der andere ist gelernter Sozialpädagoge." Dazu gehören viel Büroarbeit und Organisatorisches. "Wenn wir zum Beispiel ein Auswärtsspiel haben, kommunizieren wir mit unseren mitreisenden Fans viel. Die sagen uns, was sie ins Stadion mitnehmen wollen, Fahnen, Banner, Trommeln und so weiter. Wir geben das an den gastgebenden Verein weiter, der hat aber möglicherweise andere Vorstellungen. Die müssen wir den Fans übermitteln, auch mal einen Kompromiss finden."

Reichert kümmert sich auch um das soziale Engagement des Vereins: "Mit der wachsenden Bedeutung der Vereine wächst auch ihre Verantwortung, wir wollen Vorbilder sein." Es gibt zahlreiche Projekte: "Wir unterstützen zum Beispiel eine Kinderkrebs-Nachsorgeklinik in Tannheim im Schwarzwald, mit der Baden-Württemberg-Stiftung haben wir eine gemeinsame Initiative, bei der wir Kinder aus leseschwachen Familien über den Fußball zum Lesen motivieren wollen. Schon lange unterstützen wir auch ein Projekt der Polizei gegen Gewalt und Drogen." Zum Thema Ultra-Fans und Gewalt hat er eine klare Meinung: "Ich halte die Ultra-Bewegung prinzipiell für gut, weil sich die Fans stark mit dem Verein identifizieren und ihn unterstützen. Sie sorgen für die Organisation der Fangesänge und -rufe, bei uns mobilisieren sie die vielen VfB-Fans sehr gut, machen gemeinsam mit ihnen immer richtig gute Stimmung."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Ausgestattet mit starkem Willen, wollte er unbedingt Profi werden
Autor
Nicolas Walka
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.02.2016, Nr. 26, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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