Wenn Mama ihr Leben verspielt

Ich will nur eben schnell einen Kaffee trinken", sagt Karin Meier jeden Tag zu ihren zwei Kindern. Sie wohnt in einer ländlichen Gegend in Norddeutschland und heißt in Wirklichkeit anders. Und somit wird der Knopf des familieneigenen Computers gedrückt. Einen Kaffee trinken heißt bei ihr, erst einmal mehrere Online-Spiele einer Social-Media-Plattform zu spielen.

Karin Meier ist eigentlich eine unauffällige Hausfrau und Mutter von Anfang vierzig, die zusätzlich eine geringfügige Beschäftigung bei einer internationalen Hilfsorganisation tätigt. Doch vor ungefähr drei Jahren begann ihr Interesse am Internet, insbesondere an Online-Spielen. Ihr Liebling "Candy Crush Saga" ist ein Puzzle-Videospiel von King und nur eines von mehreren Spielen. Und damit ist sie nicht allein. "Meine Freunde spielen das doch auch", bekommt die Familie als Grund für das Spielen gesagt. Über zwei Millionen Deutsche teilen ihre Situation und verdrängen ihr eigentliches Leben.

Vor allem ihre Familie leidet stark unter dem Suchtverhalten. "Es passiert des Öfteren, dass wir darauf warten, abgeholt zu werden. Dann müssen wir erst anrufen und Mama noch mal erinnern", klagt ihre 12 Jahre alte Tochter. Es tritt bei vielen Fällen der Spielsucht auf, dass familiäre Pflichten vernachlässigt werden. Im Haushalt wird nur das Nötigste gemacht, weil viel Zeit am PC verbracht wird.

Auch ihr Ehemann wird dadurch unter Druck gesetzt. Er arbeitet ganztags und sieht seine Familie nur spätabends. Dann muss er dafür sorgen, dass Haushalt, Versicherungen und Ähnliches geregelt werden. "Ich kann auch nicht mehr lange so weiterleben. Gearbeitet wird zu Hause noch bis spät in die Nacht, und ich bekomme nur wenige Stunden Schlaf. Dies belastet mich stark", klagt er. Die ständigen Streitereien mit seiner Frau setzen ihm körperlich und seelisch zu: "Ich sehe meine Kinder echt selten. Nur noch kurz an den Abenden. Und Sonntags bin ich so kaputt, dass ich mich ausruhen muss."

Der wenige Kontakt zwischen den Familienmitgliedern wirkt sich auch schlecht auf den familiären Zusammenhalt aus. "Dass meine Frau wieder mal am PC war und im Haushalt nur wenig geschafft hat, erfahre ich meistens von meinen Kindern. Meiner Meinung nach ist das unfair, denn ich arbeite, um Geld zu verdienen und die Familie zu ernähren. Sie hingegen sollte, solange ich außer Haus am Arbeiten bin, unser Zuhause herrichten und dort arbeiten." Seine Frau hingegen kann nicht verstehen, dass die anderen sich vernachlässigt fühlen. Diese Situation führt häufig zu heftigen Auseinandersetzungen.

"In meiner Welt kann ich mich entspannen und habe keinen Stress mit meiner Umwelt", erklärt sie. Ein häufig genutzter Satz von Betroffenen. Durch den starken Bezug zum Spiel und dem damit verbundenen Eintauchen in die eigene Parallelwelt wird alles andere vergessen oder verdrängt.

"Wir sind die Leidtragenden", behaupten die beiden Töchter und der Ehemann. " Selbst wenn wir Mama ansprechen, reagiert sie nicht. Sie wirkt so oft abwesend und verschließt sich vor uns. Sie erzählt uns nichts mehr. Und wir können ihr kaum etwas erzählen, da Mama selten ernsthaft zuhört." Durch die starke Konzentration auf das Spiel ist für Karin Meier der Rest zur unwichtigen Nebensache geworden. Außerdem leidet sie zunehmend unter Stimmungsschwankungen, die auch ihr Umfeld stark belasten. Wenn sie längere Zeit nicht gespielt hat, wirkt sie gereizt. Dies setzt die ganze Familie unter Druck. Besonders die Töchter leiden darunter, da kein Interesse an guten Leistungen besteht, bei schlechten Leistungen gibt es nur Wutausbrüche. "Man kann es ihr nie recht machen", meint die 17-jährige Tochter, "dadurch fehlt auch die Motivation zum Lernen."

Sätze wie "ich möchte nur schnell einen Kaffee trinken" oder "nur fünf Minuten" sind Rechtfertigungen seitens der Mutter gegenüber ihrer Familie. Diese werden allerdings immer häufiger nicht eingehalten. Mittlerweile beschäftigt sich die Mutter am Tag bis zu fünf Stunden mit ihren Spielen. "Ich höre erst auf, wenn meine fünf Leben bei Candy Crush Soda Saga und Candy Crush Saga auf Facebook aufgebraucht sind. Wenn ich früher aufhören würde, würden die Leben ja verloren gehen." Jedoch gibt es nicht nur diese zwei, sondern bis zu vier Spiele, die Karin Meier regelmäßig spielt. Sobald in dem ersten Spiel die Leben verbraucht sind, wird ein anderes gespielt. Da sich die Leben jedoch jede halbe Stunde aufladen, nimmt dies kein Ende. Eine Art Teufelskreis für sie und ihre Familie.

"Erst gestern ist wieder einmal ein Brötchen im Backofen verbrannt", sagt ein Familienmitglied, "und das passiert öfters." Darin zeigt sich, dass Dinge, die die Mutter als unwichtig im Vergleich zum Spiel ansieht, sofort verdrängt oder sogar vergessen werden. "Einmal ist sie so stark ausgerastet, dass sie die Maus lautstark auf den Tisch gehauen hat, so dass sich sogar unser Kaninchen erschrocken hat. Und das nur, weil der PC von den Spielen überfordert war und stehengeblieben ist", schildert die jüngere Tochter einen der nicht selten vorkommenden Wutausbrüche.

Beinahe hätte sich die Familie von Karin Meier getrennt, weil es nicht mehr möglich war "mit ihr unter einem Dach zu leben". Aber es wird jetzt gemeinsam nach einer Lösung gesucht. "Eine Krankheit kann man behandeln, somit auch diese", meint die Familie. "Ich versuche bewusst, das Spielen einzugrenzen, damit ich meine Familie unterstützen kann", schaut die Mutter positiv in die Zukunft. Und auch die Kinder unterstützen sie, indem sie beispielsweise Aufgaben im Haushalt übernehmen, um die Mutter nicht direkt zu überfordern. Die Familie hat wieder zusammengefunden, und das ist das Wichtigste.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wenn Mama ihr Leben verspielt
Autor
Christin Vössing
Schule
Albertus-Magnus-Gymnasium , Friesoythe
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.02.2016, Nr. 32, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180