Der Commodore und andere faszinierende Kisten

Ohrenbetäubender Lärm. Laute Musik dringt bis in den kleinsten Winkel der Halle 10 der Gamescom, die einmal im Jahr in Köln stattfindet. Doch die neuesten Errungenschaften der Technik sind dort nicht ausgestellt, ganz im Gegenteil: Dort befindet sich unter anderem der Stand für sogenannte Retrocomputer, also Computer aus den siebziger bis achtziger Jahren. Mit etwa einem Fünftel der Fläche der gesamten Halle ist der Stand einer der größten. Gespielt wird nicht das neueste, futuristisch aussehende Videospiel, wie sie Spieleentwickler jährlich auf den Markt bringen, nein, gespielt werden Klassiker wie Pac-Man, Donkey Kong oder Super Mario auf mehr als 30 Jahre alten Spielekonsolen. Was für ältere Videospieler ein nostalgisches Paradies ist, ist für andere Technik aus der Steinzeit. Inmitten der unüberschaubaren Menschenmenge passt Programmierer Dirk Vroomen auf seine Retrocomputer auf, die er während der Gamescom für Interessierte ausstellt. Auf Klappstühlen kann man mit seinen Computern simple 2D-Videospiele spielen oder einfach nur die bis heute einwandfrei funktionierenden Computer bestaunen. Im Gegensatz zu den oft wild kostümierten Messebesuchern wirkt der bärtige Vroomen mit seinen ergrauenden Schläfen, den dunklen Jeans und passendem Hemd angenehm seriös.

Sein Interesse an altmodischen Computern stammt noch aus seinen Jugendtagen. Während seiner Kindheit wollte er sich immer schon einen der begehrten Computer kaufen. "Das war so Anfang der achtziger Jahre. Da war der Gedanke schon da." Für einen Schüler waren die damals teuren Computer allerdings nur schwer bezahlbar, die meisten kosteten mehrere tausend D-M.

1982 kaufte der damals 16-Jährige aus dem rheinhessischen Westhofen, wo er immer noch lebt, sich seinen ersten Computer, einen Commodore VC 20, der zu dieser Zeit etwas weniger als 1000 D-M kostete. "Das war der Einzige, der so mehr oder weniger noch erschwinglich war", erinnert sich Vroomen. Seine spärliche Ausstattung von 5 Kilobyte Arbeitsspeicher und einer Textauflösung von 22 mal 23 Zeichen hielten den Jugendlichen nicht davon ab, sich intensiv damit zu beschäftigen. "Das war schon eine faszinierende Kiste", meint Vroomen träumerisch.

Im Gegensatz zu heutigen Jugendlichen, die ihre Computer fast ausschließlich für Videospiele oder soziale Netzwerke nutzen, programmierte der Student aus Rheinhessen seinerzeit selbst damit. Während seines Informatikstudiums kaufte er sich seinen zweiten Computer, den Atari ST, den er ebenso wie den VC 20 zum Programmieren nutzte. Nach seinem Studium hatte er zehn Jahre lang nichts mehr mit diesen Computern zu tun, da das Interesse fehlte. Ende der neunziger Jahre änderte sich das. "Ich habe gemerkt, dass es doch noch sehr viele Leute gibt, die sich dafür interessieren."

Seine Computersammlung umfasst inzwischen mehr als 30 Exemplare aus der Zeit bis 1985 und besteht fast ausschließlich aus Commodore-Computern, in der sein erster Computer, der VC 20, natürlich auch nicht fehlt. Die älteren Computer wurden mit der Zeit immer günstiger, was dem Sammler entgegenkam. Er hätte sich diese Preisveränderung nur schon 30 Jahre früher gewünscht. "Diese Computer hätte ich natürlich damals schon gerne gehabt, das war aber aus finanziellen Gründen nicht möglich." Nur wenige Teile seiner Sammlung hat er im Einzelhandel oder im Internet gekauft, den Großteil bezieht er von anderen Sammlern, die er auf Sammlertreffen kennengelernt hat.

Die Sammler treffen sich dabei in einem Club oder einem freien Raum, um sich über Neuigkeiten zu unterhalten oder anderen bei der Reparatur ihrer Computer zu helfen. Informationen werden über Internetforen verbreitet, und so bilden sich regelmäßige Treffen in der nächstgelegenen Stadt oder im nächsten Ort, meistens einmal im Monat.

Viel Aufwand ist das Ganze laut Vroomen nicht: "Das Einzige, was man organisieren muss, ist ein Raum, da bringt dann jeder mit, was er möchte. Entweder Hardware zum Reparieren oder einen Rechner zum Aufbauen. Ich nehme meistens irgendeinen Rechner mit und baue den dann vor Ort auf. Wenn es was zum Reparieren gibt, nehme ich Lötzeug und Bauteile mit, und dann wird das vor Ort repariert. Wir freuen uns immer, wenn neue Leute dazukommen." Auch sein 16-jähriger Sohn begleitet ihn manchmal. Auf die Frage, ob er ihn dafür begeistern will, meint er: "Wenn er das möchte, ja, aber ich werde ihn zu nichts zwingen, das bringt ja nichts, dafür muss er sich selbst entscheiden."

Außerhalb seines Berufs beschäftigt sich der angestellte Programmierer nicht mit modernen Computern, sein Interesse gilt primär den Computern aus seiner Jugend. Doch neben Nostalgiegründen haben die alten Computer auch einige Vorteile gegenüber modernen Geräten. "Der Vorteil an diesen Systemen ist, dass man es schaffen kann, das System komplett zu verstehen." Mit ein wenig Fachwissen kann man die alten Computer sogar selbst reparieren, was bei den heutigen Rechnern selbst für Experten zur Mammutaufgabe wird, da die Hersteller die Schaltpläne der Computer nicht bekanntgeben. "Wenn heute die Grafikkarte kaputt ist, heißt es eigentlich immer: rausnehmen und neu kaufen, mehr ist da nicht zu machen."

Als Aussteller ist Vroomen erst zum zweiten Mal auf der Gamescom, davor war er bereits mehrmals als Besucher dort. "Einige Leute von diesem Stand habe ich schon früher kennengelernt, und eines Tages wurde ich dann gefragt: Hey, hast du nicht auch mal Lust, hier mitzumachen?" Vroomen war sofort begeistert von der Idee, die alten Computer so auch jüngerem Publikum zugänglich zu machen. Da er genügend Geräte hatte, sagte er zu. Der 49-Jährige hofft, mit seinem Stand auch junge Leute begeistern zu können. "Es ist wichtig, dass es auch Jüngere gibt, die das Ganze weiterführen. Solange ich die Möglichkeit dazu habe, mache ich das natürlich weiter", sagt er enthusiastisch. Er freut sich vor allem darüber, dass das Interesse an den alten Computern so groß ist. "Es lebt noch, das sieht man ja auch an der Größe des Standes." Natürlich wünscht er sich, dass das in 20 Jahren auch noch so ist, doch den Kopf zerbricht er sich darüber nicht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Commodore und andere faszinierende Kisten
Autor
Philipp Althaus
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.02.2016, Nr. 32, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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