Elif und Nadja sind Weltenwandler

Dafür, dass du eine Ausländerin bist, sprichst du aber gut Deutsch." Diesen Satz hört die siebzehnjährige Türkin Elif Yildiz aus Aachen häufiger. Das Dramatische: Oft sind es wildfremde Menschen, die sie auf der Straße ansprechen, erzählt das Mädchen mit den langen schwarzen Haaren. "So was macht mich wütend, diese Leute kennen mich doch gar nicht!" Entrüstet schüttelt sie den Kopf.

Rund 16 Millionen Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Ein Großteil von ihnen gehört mittlerweile zur zweiten oder sogar dritten Generation und ist hier aufgewachsen und verwurzelt. Trotzdem ist Fremdenfeindlichkeit immer noch ein empfindliches Thema. Umfragen zeigen, dass ausländerfeindliches Gedankengut weit verbreitet ist. Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung mit rund 2500 Befragten in Deutschland findet jeder Dritte: "Deutschland ist durch Ausländer in gefährlichem Maße überfremdet." 33 Prozent aller Deutschen fühlen sich bedroht - von Menschen, die sie nicht kennen, aus Ländern, über die sie nichts wissen. Was vielen nicht klar ist: Es gab eine Zeit, in der Deutschland in Ländern wie der Türkei ausdrücklich nach Gastarbeitern gesucht hat.

"Mein Großvater kam 1967 nach Deutschland. Damals wurden Gastarbeiter gezielt angeworben", erzählt Elif. Das Gerücht, dass Ausländer sowieso nicht arbeiten wollen, entspricht nicht der Wahrheit. "Mein Vater kam wegen des Studiums nach Deutschland. In Niger hat man trotz einer guten Ausbildung keine guten Chancen auf einen Job", erklärt die neunzehnjährige Nadja Issifu aus Aachen. Heute arbeitet ihr Vater als Dolmetscher und spricht neun Sprachen fließend.

Aber auch in Deutschland ist es schwer, an gute Jobs zu kommen. Zumindest für Ausländer. Zahlreiche Faktoren erschweren es den Migranten, Fuß zu fassen. Neben der fremden Sprache, die es zu erlernen gilt, gibt es auch Probleme mit der Anerkennung von bereits absolvierten Studien und Ausbildungen. Migrantenkindern geht es oft ähnlich. "Migrantenkinder waren nicht gern gesehen an sogenannten besseren Schulen", sagt Elif. Kinder mit Migrationshintergrund erbringen häufig schlechtere schulische Leistungen und sind in Hauptschulen deutlich über- und auf Gymnasien unterrepräsentiert. Dabei ist Deutschland auf Zuwanderer angewiesen. Unsere Gesellschaft altert und benötigt deswegen junge, arbeitswillige Menschen, die die freigewordenen Stellen ausfüllen.

Jugendliche wie Elif und Nadja haben es schwerer als andere. Sie sind Weltenwandler: Sie müssen den Spagat schaffen zwischen dem Heimatland ihrer Familie und ihrer Heimat in Deutschland. Denn das ist Deutschland für sie, Heimat. Sie sind hier aufgewachsen oder sogar geboren. Nadja hat die deutsche Staatsbürgerschaft, Elif möchte bald die doppelte Staatsbürgerschaft annehmen, beide sind im Deutsch-Leistungskurs. Trotzdem werden sie von vielen noch als Ausländer gesehen.

Neben allen vergessen sie auch nicht ihre Wurzeln. Mit ihrer Mutter spricht Nadja zu Hause Asanti. "Meinen Eltern ist es wichtig, dass ich auch etwas von der Kultur mitbekomme", erzählt das Mädchen mit den kurzen schwarzen Haaren. Nichtsdestotrotz bleibt Deutschland ihre Heimat. "Meine Familie wohnt in der Türkei, klar fühlt man sich da verbunden. Aber hier sind meine Freunde, mein Leben", erklärt auch Elif. Nadja empfindet ähnlich: "Ich weiß gar nicht, wie ich mich jetzt in Niger zurechtfinden würde. Es ist ungewohnt, klar, aber ich denke schon, dass ich mich an das Leben dort gewöhnen könnte." Trotzdem gibt es immer wieder Menschen, die nicht glauben können, dass diese jungen Menschen hier ihre Heimat gefunden haben, und viele können es nicht lassen, die Mädchen direkt darauf anzusprechen:

"Ich wurde schon häufiger am Flughafen gefragt, ob mein Aufenthalt in Deutschland denn schön gewesen sei und ob ich mich schon darauf freuen würde, nach Hause zurückzukehren", erzählt Elif fassungslos. In ihrer Neugier vergessen die Menschen schnell, wie verletzend diese Fragen für die Betroffenen sein können.

So wird Nadja beispielsweise häufig auf das europäische Wetter angesprochen: "Die Leute wollen wissen, ob ich besonders kälteempfindlich bin, und wenn ich mich im Sommer über die Hitze beschwere, heißt es meist, dass ich mich ja nicht beschweren dürfe. Dabei bin ich an das Wetter hier genauso gewöhnt wie jeder andere hier in Deutschland. Ich bin in meinem Leben erst dreimal in Afrika gewesen. Ich denke, das erklärt, welche Wetterbedingungen ich eher verkrafte." Nadjas Stimme ist ruhig, während sie so von ihren Erlebnissen erzählt. Sie gibt auch zu, dass sie die Menschen um sie herum verstehen kann. Allerdings wäre es ihr lieber, wenn ihre Mitmenschen sie nicht anders behandeln würden, nur weil sie sich äußerlich von ihnen unterscheidet.

Denn häufig werden die Leistungen, die Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund erbringen müssen, unterschätzt. Man mag es ihnen vielleicht nicht direkt ansehen, aber sie sind oftmals "deutscher", als man denkt, vielleicht sogar mehr als man selbst.

Informationen zum Beitrag

Titel
Elif und Nadja sind Weltenwandler
Autor
Jil Haak
Schule
Inda-Gymnasium , Aachen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.02.2016, Nr. 38, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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