Mutter arrangierte Hausunterricht

Die Flucht war schlimm. Wir liefen teilweise 18 bis 20 Stunden zu Fuß und waren hungrig, durstig und müde, aber wir haben alle gekämpft." Aarian (Name geändert) war gerade einmal siebzehn Jahre alt, als er aus Iran nach Deutschland floh. "Meine Mutter kann mir nicht sagen, wann ich genau geboren wurde, es ist damals so viel passiert", lächelt der Schwarzhaarige mit den freundlichen, wachen Augen. "Als die Taliban meinen Vater erschossen hatten, fasste meine Mutter einen wichtigen Entschluss. Es gab keine Arbeit, und man musste dauernd Angst wegen der politischen Verhältnisse haben. Deshalb ist sie dann mit meinen acht Geschwistern und mir aus unserem Heimatdorf in Afghanistan nach Iran geflohen. Bis auf zwei meiner Schwestern wollten alle unbedingt weg."

In Iran war die Familie in Sicherheit. Aber mit welchen Aussichten? "Afghanistan und Iran hatten keine guten Beziehungen. Darum durften Afghanen sich nur mit einem Visum, das jedes Jahr gegen Geld verlängert werden musste, aufhalten. Sie werden geduldet, aber haben wenige Rechte. Außerdem dürfen sie keine hochqualifizierten Berufe ausüben", erklärt er ernst. "Den Afghanen ist es nur erlaubt zu arbeiten, wenn sie in der Müllentsorgung, auf dem Bau oder Feld oder in Schlachtereien tätig sind, also in Berufsfeldern, die kein Iraner ausführen möchte." Dann fügt Aarian lachend hinzu: "Zum Glück ist das in Deutschland anders."

Er war damals sechs Jahre alt und durfte ebenso wenig wie alle anderen Afghanen die Schule besuchen. Da aber seine Mutter wollte, dass ihre Kinder etwas lernten, arrangierte sie unter großem Aufwand Hausunterricht für mehrere Jahre. Obwohl es illegal war, arbeitete Aarian später in einer Autowerkstatt. "Jedoch wurde die Polizei auf mich aufmerksam, brachte mich in eine Art Gefängnis, und ich wurde nach Afghanistan transportiert. Da hatte ich das erste Mal richtig Angst", gibt er zu. "Doch ich kam nach Iran zurück zu meiner Familie."

Aarian hatte den Wunsch, etwas aus seinem Leben zu machen. Deshalb beschloss der zum Zeitpunkt der Flucht noch Minderjährige, sich allein auf die gefährliche Reise zu begeben, um ein besseres Leben mit Arbeit und Bildung zu finden. "Bis zur iranisch-türkischen Grenze fuhr ich per Lastwagen und Auto. Aber ich konnte die Grenze nicht einfach an dem Grenzposten überqueren, da ich keinen dafür gültigen Pass hatte. Deshalb schloss ich mich mit anderen Flüchtlingen zusammen, und als Gruppe liefen wir einen Umweg durch die Berge - bei Nacht im schlechtbegehbaren Gelände."

Die Türkei durchquerte die Gruppe überwiegend zu Fuß, wobei sie 18 bis 20 Stunden am Tag lief oder manchmal auf Lastwagen fuhr. "Ich war hungrig und durstig, aber meine Hoffnungen auf ein besseres Leben trieben mich voran. In Griechenland trennte sich unsere Gruppe, ein Teil lief den Weg über Kroatien und Slowenien. Aber ich fuhr mit der Fähre nach Italien." Bei seiner Reise durch Italien hielt er sich 24 Stunden unter einem fahrenden Lkw auf, bis er gesehen und vertrieben wurde. Deshalb setzte er seine Reise zu Fuß fort, wobei er Essen in den Obstplantagen der Bauern fand. "Ein Bauer erwischte mich, wie ich ihm etwas Obst klaute. Aber anstatt mich der Polizei zu übergeben, nahm er mich mit zu ihm nach Hause, gab mir Essen, neue Kleidung und sogar genug Geld für ein Zugticket. Diese Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft faszinierte mich sehr."

So erreichte Aarian Deutschland in nur eineinhalb Monaten, während andere länger als acht Monate brauchten. Im Raum Mainz setzte sich sein Glück fort: "Da ich einen Deutschkurs machte, um die Sprache zu lernen, musste ich auch an einem Praktikum teilnehmen. Weil mich Autos immer fasziniert haben und ich schon in Iran als Mechaniker gearbeitet hatte, machte ich ein Praktikum bei einer Autowerkstatt." Die Praktikumsbetreuer waren von seinen Fähigkeiten und seiner Freundlichkeit so begeistert, dass sie ihm eine Lehrstelle anboten. Voraussetzung war nur noch, dass er seinen Schulabschluss schaffte. Außerdem fand er eine Familie, die ihn bei sich aufnahm und nicht nur in schulischen, sondern auch in kulturellen Fragen unterstützte. Er lernte ehrgeizig und beendete die Hauptschule mit Bestnoten. Zurzeit macht er eine Lehre als Automechatroniker, was er sich schon immer gewünscht hatte.

"Wie mir Deutschland gefällt? Eigentlich ist alles perfekt, besonders aber meine Arbeit, die Zuverlässigkeit der Menschen und dass alles so klar geregelt ist. Und was ich besonders vermisse? Meine Mutter. "Sie hat so viel für mich getan, und leider kann ich nur einmal im Monat mit ihr sprechen. Denn sie hat keinen eigenen Telefonanschluss."

Informationen zum Beitrag

Titel
Mutter arrangierte Hausunterricht
Autor
Alexander Buzek
Schule
Gymnasium Nieder-Olm , Nieder-Olm
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.02.2016, Nr. 38, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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