Schmerzfreies Leben für Kater Rubin

Femurkopfresektion bei Kater Rubin", ruft Tierarzt Guido Schmuck seiner jungen Kollegin, der Tierärztin Theresa Fichtner, zu. Sie soll ihm assistieren, da solch eine Operation keine Routine ist. ,,Unser Patient leidet an einem gebrochen Oberschenkelhals, der entfernt werden muss", erläutert der promovierte Veterinär, der auch zweiter Vorsitzender im Tierheim Fulda ist, der Praktikantin Ayleen, die drei Wochen in der Fuldaer Kleintierpraxis arbeitet.

Ohne einen Eingriff hätte der junge Kater sein Leben lang starke Schmerzen beim Laufen. Auch könnte sich eine Arthrose im Hüftgelenk entwickeln. Deswegen ist eine Operation unausweichlich. Durch die Entfernung des Oberschenkelhalses wird ein Bindegewebe, auch Pseudogelenk oder Scheingelenk genannt, zwischen Becken und Oberschenkelknochen gebildet. So muss kein neues Gelenk oder eine teure Prothese eingesetzt werden. "Femurkopfresektion, Kater Rubin, 2015" - auf einem Display an der Wand prangt auch die zu vollziehende Operation. Es riecht nach Gummihandschuhen und Desinfektionsmittel. Damit werden vor der OP der stählerne Operationstisch und das Operationsbesteck, Skalpelle, Scheren, Hobel und Zangen gereinigt. Dann ist es so weit: Tierarzthelferin Andrea Küster schiebt den schweren OP-Tisch mitsamt dem in Narkose liegenden Kater in den Behandlungsraum. Ruhig atmend liegt der sechs Monate alte Rottiger auf einem Wärmepad, damit er nicht auskühlt. Mit großen Augen starrt der Kater ins Leere.

Zunächst waschen sich Schmuck und seine Kollegin gründlich die Hände. Danach werden sie noch desinfiziert, damit alle Keime oder Bakterien, die schädlich für den Kater sein können, abgetötet werden. Bereit liegen außerdem noch zwei weiße OP-Schürzen aus Plastik, die sich die beiden Tierärzte vor dem Eingriff anziehen. Theresa Fichtner, die in Gießen elf Semester lang Tiermedizin studierte und seit September 2013 in der Kleintierpraxis arbeitet, behandelt dort von mittwochs bis freitags die Lieblinge besorgter Tierbesitzer. Nebenbei schreibt sie ihre Doktorarbeit über Entzündungsreaktionen, die Spermien bei Kühen hinterlassen. Dabei arbeitet sie hauptsächlich im Labor, begutachtet, bewertet und analysiert entnommene Proben von weiblichen Rindern.

Tierarzthelferin Andrea Küster legt eine grüne, dünne Plane aus Plastik auf den schlafenden Rubin. ,,Jetzt schneide ich die zu operierende Stelle mit der Schere frei", erläutert Andrea Küster der Praktikantin Ayleen. Die kahlrasierte Stelle an der Hüfte wird so freigelegt. Guido Schmuck verlangt ein Skalpell und zieht damit oberhalb des Hüftgelenks einen etwa sechs Zentimeter langen Schnitt in die Haut des Katers. Blut fließt. Die OP-Lampe leuchtet grell auf den Schnitt an der rechten Hüfte. Mit einer Schere wird der Schnitt ausgedehnt und erweitert. Schmuck, der ebenso Tiermedizin in Gießen studiert hat und seit 2008 Chef der Kleintierpraxis in Fulda ist, durchtrennt nun die schwabbelige und dicke Schicht des Unterhautfettgewebes, das die darunter liegenden Muskelschichten verdeckt.

Alle Tierarzthelferinnen schauen gespannt auf das OP-Feld und verfolgen jeden Handgriff ihres Chefs. "Ohne meine Mädchen würde hier nix gehen. Die übernehmen hier ganz wichtige Aufgaben, wie zum Beispiel das Organisatorische oder das Assistieren bei einer OP", erläutert Schmuck. Nun ist der Operateur an den faserigen und tiefroten Oberschenkelmuskeln angelangt. Dabei hält Theresa Fichtner mit Wundhaken und Klemmen die schon durchtrennten Gewebeschichten, während sich Schmuck weiter dem Oberschenkelhalskopf nähert. Jetzt ist höchste Konzentration gefordert, denn die einzelnen Muskelfasern müssen durchtrennt werden, die von vielen Blutgefäßen durchzogen werden.

Wieder fließt Blut. Nach und nach fällt OP-Besteck klirrend in sterile Metallschüsseln. Es herrschen heiße Temperaturen im Raum. Schmuck schwitzt. Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn. Sein Gesicht ist rot. Es gelingt ihm, die aufgetretene Blutung mit Tüchern und Tupfern zu stillen. Der junge Rubin schläft noch immer. Er atmet ruhig. Dabei testet Andrea die Reflexe am Auge des Katers. Sie berührt dabei kurz mit ihrem Zeigefinger das Augenlid. Wenn der Kater darauf mit einem Zucken oder leichtem Blinzeln reagiert, sollte man sich mit dem Eingriff beeilen, denn dann droht das Aufwachen. Nun ist Guido Schmuck am Oberschenkelhals angekommen. Er hebt mit einem Knochenhebel den gebrochenen Kopf des Oberschenkelknochens aus der Beckenpfanne. "Da ist das Ding." Mit dieser Äußerung entfernt er nun erleichtert und auch stolz den gebrochenen Oberschenkelhals und legt diesen auf ein weißes Tuch.

"Jetzt müssen die einzelnen Gewebe- und Muskelschichten wieder zugenäht werden", erklärt er Ayleen, die angespannt auf das OP-Feld starrt. Diese Aufgabe übernimmt Theresa Fichtner. Routiniert vernäht sie das Muskel- und Fettgewebe schichtweise. Im Anschluss verschließt sie die Wunde mit einem dünnen weißen Faden, der in etwa zehn Tagen gezogen werden kann. Das restliche schon getrocknete Blut, das im Fell des jungen Katers zurückgeblieben ist, entfernt die junge Tierärztin mit Wasserstoffperoxid, einer wässrigen, dünnflüssigen Lösung. Außerdem wird auf die Wunde ein Antibiotikum in Form einer weiß-gräulichen Paste aufgetragen. "Normalerweise benutzt man diese bei Großtieren, also bei Kühen oder Pferden", erklärt Theresa Fichtner, "aber bei Kleintieren kann man die auch super verwenden, weil sie einfach toll auf der Wunde hält". Gekonnt zieht Fichtner eine lange Spritze auf. Das Schmerzmittel wird in den seitlichen Gesäßmuskel gespritzt. Alle Operationen, die an diesem Tag anstanden, werden nun von der Tafel an der Wand weggewischt.

Immer noch schlafend und ruhig atmend erwartet den jungen Rubin noch eine Tätowierung - sowohl am rechten als auch am linken Ohr. Eine Tätowierung ist eine Erkennungsmarke des Katers. "Dabei wird die Tätowierung mittig im Ohr eingestanzt, damit man sie gut erkennen kann", erklärt Tierarzthelferin Andrea Küster der Praktikantin Ayleen. Fachmännisch drückt sie mit einem riesigen metallenen Stanzer die Tätowierungsmarke in beide Ohren ein. Schwarze, dickflüssige Farbe wird nun auf beide Ohren aufgetragen und wieder mit einem Tuch abgewischt. "Die restliche Farbe bleibt dann nur in dem Bereich, der eingestanzt wurde, zurück", erläutert Andrea Küster.

Immer noch schlafend, aber schon mit Lebenszeichen, wird Rubin abschließend in seine Aufwachbox gelegt. "Da kann er jetzt erst mal seinen Rausch ausschlafen", scherzt Guido Schmuck, der noch einmal vorbeigekommen ist, um nach dem Rechten zu schauen. Hundegebell und Katzenmiauen schallt durch die Behandlungsräume der Kleintierpraxis. Erleichtert und stolz auf die geglückte Operation verlassen die beiden Tierärzte den OP-Raum, schon auf dem Weg, um anderen Tieren und besorgten Tierbesitzern zu helfen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Schmerzfreies Leben für Kater Rubin
Autor
Katharina Roth
Schule
Marienschule , Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.02.2016, Nr. 44, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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