Geheimrezepte für den letzten Schliff

Wachsgeruch hängt in der Luft, zwischen etlichen Skiern stehen große Maschinen, die schleifen und wachsen. Matthias Pfeiffer gibt einem Paar Abfahrtsski den letzten Schliff. In seinem Geschäft für Skisport mit kleinem Verkaufsraum und Werkstatt im Süden von München kümmert er sich jährlich um einige tausend Paar Ski, als Skitechniker betreut er außerdem Profis und präpariert deren Ski. Aufgrund einer Zusammenarbeit mit dem Deutschen Paralympic-Skiteam ist er bei den wichtigsten Ereignissen des alpinen Wintersports dabei. Seine Erfahrung will er in seinem parallel betriebenen Laden, überall mit Trophäen von Wettkämpfen aus Vancouver oder Sölden geschmückt, auch anderen Wintersportlern zur Verfügung stellen.

Zum Beruf des Skitechnikers kam der 31-Jährige wie andere auch durch seine Vergangenheit als Athlet. Bereits mit drei Jahren stellte ihn sein Vater auf Ski, als Jugendlicher besuchte er ein Sportgymnasium und gehörte zu den besten Rennläufern seines Alters. Mit 18 Jahren endete seine Karriere als Athlet wegen eines schweren Sturzes in einem Wettkampf abrupt. Und weil er nicht mehr auf eine Karriere als Ski-Profi hoffen konnte, entschied er sich, seine Leidenschaft dennoch zum Beruf zu machen. "Heute bin ich eigentlich ganz froh, dass es damals so gekommen ist. Wenn ich mir die Profis in meinem Alter anschaue, hab ich einen stressfreieren und alterssicheren Job", sagt er zurückblickend. Skitechniker kann man allerdings nicht durch eine Ausbildung oder ein Studium werden, die einzige Möglichkeit ist Engagement und das Lernen von anderen. Nur wer wirklich gut ist und vor allem gute Kontakte hat, kann an einen Job bei einer erfolgreichen Mannschaft kommen.

Angefangen hat Matthias Pfeiffer seine Laufbahn als Assistent beim Jugendkader des Deutschen Skiverbands DSV. Aufgrund seiner eigenen Erfahrungen und durch die Einweisungen seines Vaters kannte er sich bereits im Umgang mit dem Material einigermaßen aus und lernte schnell dazu. "Das Wichtigste ist definitiv der Austausch mit Besseren und Erfahreneren", sagt der athletische, in Jeans, T-Shirt und Schürze gekleidete Mann. Heute gehört er selbst zu den Besten der Szene. Doch als Skitechniker reicht es keinesfalls, nur technisches Wissen mitzubringen. Oft testen die Techniker das Material nämlich nicht zusammen mit den Athleten, da das zu zeitaufwendig wäre. Vor allem die selbstentwickelten und streng gehüteten Rezepte für Wachs werden von den Technikern selbst ausprobiert. Dass für das effektive Testen außergewöhnliche Fahrfähigkeiten benötigt werden, versteht sich von selbst.

Entgegen dem weitverbreiteten Eindruck, der Skitechniker spiele nur eine untergeordnete Rolle für den Erfolg der Athleten, ist Profis klar, dass sie ohne perfektes Material keine Chance auf Erfolg haben. Es geht nicht nur um das einfache Wachsen des Belags und Schleifen der Kanten, hinter der Vorbereitung steckt mehr. Für jeden Schneetyp und jede Temperatur muss das passende Wachs gefunden werden, die Kantenwinkel müssen zu Disziplin und Gelände passen. Die besten Ski müssen in langwierigen Tests herausgefiltert werden, selbst bei der Wahl und Anpassung der Skischuhe sind Skitechniker beteiligt. Für Matthias Pfeiffer ergab sich durch seine Zusammenarbeit mit dem Deutschen Paralympic-Skiteam eine besondere Herausforderung.

Die Athleten haben unterschiedliche Behinderungen und fahren in unterschiedlichen Klassen. So gibt es Kategorien für Sehgeschädigte und Fahrer ohne Arme oder mit Beinprothesen, die auf zwei Skiern fahren, aber auch Kategorien für sitzende Fahrer, die in einem Skibob und mit Krücken fahren. Vor allem wegen anderer Fahrtechniken und anderen Materials ist es für den Skitechniker schwierig und nur in enger Zusammenarbeit mit den Athleten möglich, optimale Lösungen zu finden.

Pfeiffer reist mit den Athleten regelmäßig um die Welt und arbeitet nächtelang an der Perfektion der Ski. Wenn im Wettkampf doch mal etwas schiefgeht, dann ist meist der Techniker der Sündenbock. Obwohl er ein entspannter Mensch ist, bringt ihn eine Sache aus der Ruhe: "Wenn die Athleten auf der Piste nicht ordentlich mit dem Material umgehen, werde ich richtig sauer, meine Arbeit war umsonst, und ich krieg die Schuld dafür." Gerade das Perfektionieren im Austausch mit den Athleten macht den Reiz für ihn aus: "Ich bin einfach ein Perfektionist. Ich kann nie Ruhe geben, bis auch wirklich alles stimmt und wir alle mit dem Ergebnis zufrieden sind."

Für die aufwendige Arbeit werden die Techniker meistens vom DSV, seltener von den Skiherstellern, bezahlt. Da sie oft nicht fest angestellt und in den Sommermonaten arbeitslos sind, hat Pfeiffer sich selbständig gemacht. Inzwischen hat er so großen Erfolg, dass er nicht nur zwei Angestellte hat, sondern auch als Vertreter einer Skiherstellergruppe für ganz Deutschland agiert und sämtliche Skitests organisiert und einen großen Teil des Rennskivertriebs übernimmt.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Geheimrezepte für den letzten Schliff
Autor
Leo Kapfhammer
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.02.2016, Nr. 50, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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