Aus der Spur laufen

Verschneite Bäume vor der Bergkulisse, die Sonne strahlt vom stahlblauen Himmel. Eine Langlaufloipe schlängelt sich durch die Landschaft in der Surselva im oberen Vorderrheintal hinter Chur. Am Pistenrand steht ein: "Achtung Ski-OL! Langläufer von allen Seiten!" Wie ernst das gemeint ist, wird dem ahnungslosen Touristen bewusst, wenn zwischen den Bäumen plötzlich ein Athlet im Renndress hervorgeschossen kommt und mit atemberaubender Geschwindigkeit auf die Hauptloipe einbiegt. Nach einigen Metern verlässt er die Piste wieder elegant und verschwindet im Wald. Schemenhaft kann man weitere Gestalten herumflitzen sehen und, einem scheinbar unbestimmten Muster folgend, orange-weiße Stoffflaggen anlaufend.

Andrin Kappenberger schmunzelt. "Orientierungslauf würde ich heute, vor allem in der Schweiz, nicht mehr als Randsportart bezeichnen. Ski-OL hingegen schon, wir sind eine kleine Gruppe Angefressener. Interessierte sind immer willkommen." Die Schweizer Orientierungslauf-Szene hat sich zu einer der prominentesten der Welt entwickelt. Ihr kleiner Bruder, der Ski-OL, ist zahlenmäßig etwas bescheidener geblieben. Knapp 200 Läufer bestreiten jedes Jahr die vom Dachverband Ski-O-Swiss durchgeführten Wettkämpfe, die Anlässe haben einen beinahe familiären Charakter. Auch das Junioren- und das Elitekader bestehen nur aus wenigen Athleten. Neuzuwachs bekommt der Sport meist vom Orientierungslauf, Langläufer finden eher selten zur Karte.

Andrin Kappenberger bildet da eine Ausnahme. Der 33-Jährige wuchs im Tessin nahe Locarno auf, wo er die Matura abschloss. Nebenbei betrieb er Langlauf als Leistungssport. Später begann er in Zürich Bewegungswissenschaft zu studieren. Zum Ski-OL kam er durch seine Partnerin, mit der er das nationale Ski-O-Trainingslager besuchte. Kappenberger wurde von den offenen Lager-Verantwortlichen als Technik-Lehrer eingestellt und verguckte sich dabei in die neue Sportart. Ein Jahr später hatte er bereits seinen ersten Weltcup-Einsatz. "Die Faszination am Ski-OL macht für mich die Kombination aus. Einerseits die physische Seite, bei der man im Gegensatz zum Langlauf nicht nur auf breiten Loipen, sondern vor allem in den unpräparierten Spuren unterwegs ist und sich manchmal auch eine Steigung hinaufwürgen muss, weil der Schnee so weich ist. Auf der anderen Seite die Arbeit mit der Karte, die einen immer vor neue Probleme stellt."

Die Karte im Ski-OL ist häufig auf einer herkömmlichen OL-Karte aufgebaut, wird aber weniger detailreich gezeichnet. Höhenkurven geben einen Eindruck der topographischen Beschaffenheit des Geländes, weiße oder gelbe Flächen weisen auf Wald oder offene Gebiete hin. Den größten Unterschied zur Fuß-OL-Karte stellen grüne Linien dar. Sie symbolisieren die Loipen und Scooter-Spuren, die mit Schneemobilen, Scootern, angelegt werden. So entsteht ein Labyrinth aus schmalen Pfaden, das verschiedene Routen von Posten zu Posten bildet. "Wenn wenig Schnee liegt oder die Oberfläche gefroren ist, kann man die Scooter-Spuren natürlich schneiden. Bei viel Schnee ist das ausgeschlossen. Du verlierst nur Zeit oder bleibst sogar mit der Skispitze in der Schneewand hängen. Dann liegst du im nächsten Moment am Boden", sagt der Routinier. Seine elf Jahre Erfahrung beschreibt Kappenberger als größte Stärke: "Bei schwierigen Routenwahlen bekommt man mit der Zeit schon so ein Bauchgefühl." Auf der anderen Seite ist er aber einfach physisch nicht stark genug.

Die nordische Konkurrenz hat immer noch einen großen Trainingsvorsprung. Der Ski-OL kommt ursprünglich aus Skandinavien, wo die Möglichkeiten größer sind als in Mitteleuropa. In der Schweiz werden meist bestehende Loipen genutzt und mit zusätzlichen Scooter-Spuren versehen. Ski-OL-Skis sind meist etwas kürzer als Langlaufskier. Ski-OL-Läufer benötigen eine große Oberkörperkraft, da sie sich häufig nur durch Stoßen vorwärtsbringen können, "für den Skating-Schritt fehlt einfach der Platz".

Da beide Hände mit der Stockarbeit beschäftigt sind, wird die Karte auf einem Gestell vor der Brust montiert, das frei drehbar ist, damit die Karte immer nach Norden ausgerichtet werden kann. Jede Bahnanlage und jedes Gelände ist anders aufgebaut. Neben der mentalen Vorbereitung ist die Präparation der Skier elementar. Beim Elitekader übernimmt diese Aufgabe der Wachsmann. Er kennt die Bedingungen vor Ort, wachst und schleift die Wettkampfskier entsprechend und testet die Geräte vor dem Rennen. "Die richtige Wachsmischung ist dabei ausschlaggebend. Das bringt den Ski zum Gleiten", erklärt Kappenberger. Die Prozedur nimmt viel Zeit in Anspruch. Auf den Ski wird eine Schicht geschmolzenes Wachs aufgetragen, danach wird das Wachs bis auf einen hauchdünnen Schliff wieder entfernt. Zum Schluss wird der Ski mit einer Bürste behandelt, um eine Struktur in das Wachs zu bringen.

Mit dem Wachsmann ist das Schweizer Eliteteam zu fünft. Drei Athleten und eine Athletin reisen zu den Weltcup-Läufen. "Natürlich wäre es gut, wenn wir einen Betreuer hätten", findet Kappenberger. "Aufgaben wie Kochen, Informationsbeschaffung oder Reiseorganisation fielen dann weg. Aber wir sind nun mal nicht allzu viele, und die Ski-OL-Szene an sich ist etwas chaotisch."

Informationen zum Beitrag

Titel
Aus der Spur laufen
Autor
Andrin Bieri
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.02.2016, Nr. 50, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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