Für die anderen ist Lena nicht etwas Besonderes

Es ist extrem still in der Klasse 2a der Florenbergschule in Pilgerzell bei Fulda. Nach dem Erzählkreis, bei dem alle 19 Kinder von ihrem Wochenende berichten durften, warten sie nun voller Vorfreude auf den "Schubidubiduba-Tanz". Er beginnt mit kleinen Bewegungen eines Fingers und endet bei der Bewegung des ganzen Körpers. Ein Mädchen verfolgt aufmerksam die Bewegungen der Klassenlehrerin mit einer Kamera und einem dazu gehörigen Bildschirm, um sie dann, leicht verzögert, nachzuahmen.

Dies ist nicht etwa eine besondere Ausstattung für Schulen, um den Unterricht mediengestützt durchführen zu können, sondern ein notwendiges Hilfsmittel für die achtjährige Lena (Name geändert). Sie ist schwer sehbehindert und besucht die Regelschule als sogenanntes Inklusionskind. Um am Unterrichtsgeschehen teilnehmen zu können, die Tafel zu lesen und die Lehrerin zu sehen, hat Lena ihre Kamera. Völlig selbstverständlich zoomt das aufgeweckte Mädchen mit den blauen Delphinspängchen im braunen Haar die Lehrerin heran, um genau zu sehen, was diese tut oder an die Tafel schreibt. Lenas Tisch ist höhenverstellbar und größer als die anderen Tische. Während des Unterrichts flüstert sie ihrer Freundin geheimnisvoll zu, dass sie sich auf die Pause freut, und grinst frech durch ihre Zahnlücken.

Im Jahr 2009 verpflichtete sich Deutschland, die UN-Konvention für Behinderte umzusetzen, also niemanden aufgrund einer Behinderung vom normalen System auszuschließen. Seitdem besuchen etwa ein Viertel der Kinder mit geistiger oder körperlicher Einschränkung und Förderbedarf eine Regelschule.

"Inklusion ist die Integration von Kindern mit Einschränkung in den normalen Schulalltag. Hier geht es nicht um ein friedliches Nebeneinander, eine stille Akzeptanz, sondern vielmehr um ein Miteinander. Menschen mit Behinderung sollen nicht länger isoliert von Gesunden leben", sagt Sandra Both, Lenas Klassenlehrerin und selbst Mutter eines blinden Jungen. Sieht man Lena, wie sie sich durch den Klassenraum bewegt, mit ihren Mitschülern spricht oder im Erzählkreis sitzt, würde man nicht auf die Idee kommen, dass sie lediglich fünf Prozent Sehkraft hat. Erst wenn man ihr in die Augen sieht, wird man stutzig. Im einen Moment wirkt es, als würde sie ins Leere blicken, im nächsten Moment strahlen ihre hellen, blauen Augen voller Leben. Spätestens an ihrem Arbeitsplatz wird deutlich, dass sie Hilfsmittel benötigt. Ihre Arbeitsblätter sind auf A3-Papier kopiert und haben dicke Linien. Möchte sie etwas lesen, so beugt sie sich so weit nach unten, bis sie nur noch wenige Zentimeter vom Blatt entfernt ist. Erst jetzt kann Lena erkennen, was dort geschrieben steht. Bei ihren Aufgaben hilft ihr an einigen Tagen in der Woche eine Förderschullehrerin der Blindenschule aus Friedberg. Außerdem hat Lena eine Schulassistenz von den Maltesern, die ihr hilft, sich im Alltag zu orientieren und sicher zur Schule und nach Hause zu kommen.

"Ich hatte bisher noch nie einen Fall, bei dem Inklusion so gut funktioniert hat wie bei Lena", sagt Dominique Weß, die Förderschullehrerin, stolz. Die große Frau mit blonden Locken lässt keine Zweifel daran, dass Lena sich wohl fühlt. "Natürlich braucht sie ihre spezielle Ordnung bei Heften und Schulsachen, hat zum Beispiel einen bunten Klebestift, damit sie ihn besser sieht, und wir haben mit ihr vor dem ersten Schuljahr das Gelände erkundet, damit sie sich orientieren kann, aber letztlich wollen wir sie so normal wie möglich behandeln, und so möchte Lena auch behandelt werden." Dennoch ist Inklusion häufig eine Gratwanderung. Zum Beispiel könne man sich nie ganz sicher sein, ob ein Rechtschreibfehler wirklich ein Rechtschreibfehler ist, weil Lena nicht aufgepasst hat, oder eine Unsauberkeit, weil sie es nicht richtig sieht. Häufig stelle sich Sandra Both die Frage, ob Lena einen Fehler auch ohne Sehbehinderung gemacht hätte. Wo also hört die "Sonderbehandlung" eines Kindes auf? "Inklusion kann super funktionieren und ist eine tolle Idee - für meinen Sohn wünsche ich mir das auch, aber an einigen Stellen muss man an der Ausführung arbeiten." Ohne Inklusion müsste die Mutter dreier Kinder ihren Sohn mit sechs Jahren auf ein Internat geben, da es hier in der Nähe keine Schule für Sehbehinderte gibt. "Allein deshalb befürworte ich Inklusion."

Kritisch sei aber zum Beispiel, wenn Kinder besondere Förderung brauchen, dies aber nicht schon bei Schuleintritt ärztlich bestätigt ist. "Bei Lena ist ihr Handicap offensichtlich, wenn ich aber einen Schüler habe, der erst im Laufe der Zeit geistige Defizite entwickelt, stehe ich vor großen bürokratischen Hürden und bekomme, wenn es sehr gut läuft, lediglich vier Stunden in der Woche eine zweite Lehrkraft für dieses Kind." In so einem Fall laufe dann einiges schief, und es sei schwierig, allen gerecht zu werden. Wenn alles gut läuft, dann profitieren auch die anderen Kinder. Sie lernen Rücksicht zu nehmen, tolerant und offen zu sein. Manchmal kann der Aufwand für die Schule groß sein. So mussten für ein Inklusionskind, das im Rollstuhl sitzt, Umbaumaßnahmen erfolgen. In Lenas Fall sei nur die Nähe zu den Toiletten bei der Wahl des Klassenraums wichtig gewesen. Den Eltern war es ein Anliegen, dass Lena die Möglichkeit hat, den Notausgang zu benutzen, während alle anderen durch das Treppenhaus gehen, da sie sich bei schlechten Lichtverhältnissen in Menschenmassen nicht zurechtfindet. Die spezielle Kamera werde vom Landkreis finanziert, erklärt die vierzigjährige Lehrerin mit kurzen, braunen Haaren.

Beobachtet man die Klasse, fällt auf, dass Lena mit ihrer Einschränkung akzeptiert und nicht als etwas Besonderes angesehen wird. Eifersucht, Hänseleien und Ausgrenzung scheinen kein Thema zu sein. So antwortet eine Mitschülerin auf die Frage, ob Lena denn in den Pausen mit ihnen spiele: "Natürlich spielt sie mit uns! Sie ist doch ein ganz normaler Mensch." Lediglich im Sportunterricht gebe es manchmal Beschwerden, weil Lena nicht ganz so schnell agieren könne, wie andere, sagt Dominique Weß ein wenig nachdenklich. Sandra Both bringt es auf den Punkt: "Inklusion kann gut klappen, doch pauschalisieren darf man es nicht. Es kommt immer auf die Form der Behinderung, die Bereitschaft und Motivation der Lehrer und die Kooperation mit Eltern und Förderschullehrern an."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Für die anderen ist Lena nicht etwas Besonderes
Autor
Lisa Kortüm
Schule
Marienschule , Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.03.2016, Nr. 56, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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