Wursti, Tunti und eine herausfordernde Grammatik

Wursti, kahvipaussi, lamppu, tunti, herra ..." Die Schüler sind unruhig und blödeln. Draußen ist es bereits dunkel. Die Luft ist stickig, der Raum gut geheizt. Niemand scheint frische Luft zu brauchen bei minus 18 Grad Außentemperatur. Nur für einen Moment sind die Blicke alle starr nach vorne gerichtet, als Hannele Luoma übersetzt. Sie trägt einen dunkelblauen Strickpulli, ihr aschblondes Haar reicht bis zum Kinn. Die zierliche Frau, Mitte 50, blickt mit einem herzlichen Lächeln in die Runde. Ihr liegt am Herzen, den Schülern ihre Muttersprache Finnisch näherzubringen.

Thomas und Helena gehören zu den 17 Jugendlichen im Alter von 16 bis 19 Jahren, die bei ihr den Kurs "Finnisch Fremdsprache Fortgeschrittene" an der Deutschen Schule mitten in Helsinki besuchen. Das Sandsteingebäude der DSH steht in der Malminkatu 14, direkt neben dem Einkaufszentrum Kamppi. "Die Deutsche Schule Helsinki ist eine private Schule, die es sich zum Ziel gesetzt hat, junge Menschen in die Sprachen und geistigen Inhalte zweier Kulturen einzuführen: in die des finnischen und die des deutschen Kulturkreises", stellt sich die Schule auf ihrer Homepage vor. In diesem Jahr feiert sie ihr 135-jähriges Jubiläum.

"Finnisch Fremdsprache Fortgeschrittene" wird hier nur FFF genannt, doch wirklich fortgeschritten im Durcheinander von Ös, Üs und Ys und rollenden R's fühlt sich keiner der anwesenden Schüler der zehnten Jahrgangsstufe. "Niemand von uns ist mit dem Finnischen aufgewachsen, wir besitzen zwar unterschiedliche Sprachkenntnisse, jedoch kann es keiner von uns gut. Da ist es wichtig, dass jeder jedem hilft und wir über die eigene Aussprache, die eher nach einem Zungenbrecher klingt, lachen können", erklärt Helena, während ihre Nachbarin, eine blonde Ungarin, in gebrochenem Deutsch auf sie einredet. Mehr als 600 Schüler 18 verschiedener Nationalitäten gehen hier täglich ein und aus. Die Räume sind hell, es gibt eine große Dachterrasse. Das Schulsystem ist dem deutschen ähnlich, aber auch an das finnische System angepasst, indem es einzelne Elemente miteinander mischt. Der Lehrplan der Oberstufe etwa orientiert sich am Lehrplan für Gymnasien in Thüringen, enthält aber auch finnische Geschichte und finnische Sprache. "Der Grund dafür ist ganz einfach, die deutschen Auslandsschulen der Nordhalbkugel orientieren sich am Thüringer Lehrplan, die der Südhalbkugel an Baden-Württemberg. Das wurde einfach irgendwann so festgelegt und hat keine tiefergehende Begründung", erklärt Schulleiter Frank Kühn.

Helena Jetses ist Deutsche. Ihr Vater bekam in der Elektrotechnik einen Job in Finnland angeboten. Gemeinsam entschied sich die Familie, die Pfalz zu verlassen und nach Helsinki zu ziehen. Im Kurs mit dabei ist auch Thomas Falkvoll. Auch er hat keine finnischen Wurzeln, er ist halb Norweger und halb deutsch. Als "Botschaftskind" ist er schon viel herumund mit einigen Sprachen in Kontakt gekommen. "Mir fällt es schwer, Finnisch zu lernen, aber ich versuche es, da ich mich ja schon integrieren möchte. In Restaurants, Bars oder im Kino kann ich mein Gelerntes dann zum Teil anwenden, aber mehr als Smalltalk ist nicht möglich."

Finnisch ist für viele eine schwierige Sprache, denn es unterscheidet sich stark von den indogermanischen Sprachen, zu denen die meisten europäischen Sprachen gehören. Es gehört zu den agglutinierenden Sprachen, in denen die grammatische Funktion eines Wortes, zum Beispiel Numerus, Tempus und Kasus, über Affixe, also unselbständige Wortteile, das sind beim Finnischen Nachsilben, deutlich gemacht werden. Für die Substantive gibt es außerdem nicht nur vier Fälle wie im Deutschen. Bevor man ein Substantiv benutzen kann, muss man wissen, welchen der 15 Fälle man anwenden möchte, welche Endung dieser Fall hat, welche Stammform für diesen Fall gebraucht wird, zu welchem Deklinationstyp das Substantiv gehört, wie bei diesem Deklinationstyp die eben genannte Stammform abgeleitet wird und welche Veränderung des Konsonanten der letzten Silbe sich aus allen diesen Dingen ergibt. Zudem ist die Phonologie, das heißt die Lautbildung, komplex, es gibt kein grammatisches Geschlecht und nur wenige Konsonanten.

"Ich freue mich immer über jeden kleinen Erfolg. Wenn ich zum Beispiel die Werbung an der Straßenecke verstehe oder ein paar Brocken der Unterhaltungen zwischen den finnischen Schülern", sagt Helena und spielt damit auch auf den Unterschied zwischen Schrift- und Umgangssprache an. So heißt es beim Finnischlernen nicht nur, dass man von den Listen der finnischen Deklinations- und Konjugationstypen erschlagen wird - die kürzeste Liste umfasst 39 Deklinations- und 29 Konjugationstypen -, man muss auch den Partitiv oder Illativ durchschauen. In Alltagssituationen wird abgekürzt, und Laute, Grammatik und Satzbau sind oft anders als in Texten.

In der Schule wird deswegen viel Wert aufs Sprechen gelegt. "Am meisten Spaß haben mir diese Spiele bereitet, weil das alle erheitert hat und coole Worte in Erinnerung geblieben sind", sagt Thomas und lacht. Auch wenn man alles andere außer wursti, kahvipaussi, lamppu, tunti, herra wieder vergisst, diese Worte bleiben.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wursti, Tunti und eine herausfordernde Grammatik
Autor
Smilla Harmia
Schule
Gymnasium am Rittersberg , Kaiserslautern
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.03.2016, Nr. 56, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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