Zwei Schüler, eine Lehrerin

Es ist Znünipause im Rehabilitationszentrum für Kinder und Jugendliche in Affoltern am Albis. Von überallher kommen Kinder zum Znüniwagen. Es ist der Moment, wo sich die Schüler der verschiedenen Klassen treffen. Einige zu Fuß, einige auf Rädern - im Rollstuhl. Martina Leiser kennt alle und verteilt Dinkelcracker, Pfirsichstücke, Apfelsaft und sonstige Häppchen. Sie ist eine der 16 Lehrerinnen und hat Pausendienst. An der Wand hängt eine Liste, auf der allfällige Unverträglichkeiten oder Allergien der Patienten aufgeführt sind. Ein Mädchen darf zum Beispiel nur weiche Kost zu sich nehmen.

Die 57-Jährige macht einen sportlichen Eindruck, der von ihrer Kurzhaarfrisur unterstrichen wird. Ein Mädchen im Primarschulalter bittet um ein Glas Saft. Die zierliche Schülerin verbringt vier Wochen im Rehabilitationszentrum, um sich von einer Operation zu erholen. Es ist ersichtlich, dass sie schon gesund geworden ist. Sie steht also kurz vor ihrem Austritt.

Um 10.15 Uhr beginnt die nächste Schulstunde. Ein Junge im Mittelstufenalter fährt in seinem Rollstuhl auf den Lift zu. Vernarbte Wunden und ein eingegipstes Bein zeugen von seinem schweren Unfall. Seine Ferien verbrachte er im Rehabilitationszentrum. Er schiebt sein Gefährt kräftig an. Martina Leiser lacht und weist ihn darauf hin, dass hier nur 30er-Zone sei. Der Junge schmunzelt.

Im Schulzimmer gibt es eine Wandtafel, Ordner, Spiele, Bücher. In der Ecke steht ein alter Computer. Die Bänke sind ungewöhnlich hoch eingestellt. Es ist ruhig, denn nur zwei Schüler sind anwesend, das zarte Mädchen von eben und der Junge im Rollstuhl. Die Lehrerin sieht sich mit dem Mädchen Rechenaufgaben an. Es scheint noch etwas Mühe mit der schriftlichen Substraktion zu haben. Nach einigen Ansätzen klappt es aber schon gut.

"Einen Schüler dort abzuholen, wo er es nötig hat, hat mich schon immer interessiert", sagt die Lehrerin. Nachdem sie mehr als 20 Jahre lang an der öffentlichen Schule gearbeitet hatte, entschied sie sich für eine Zusatzausbildung, um beruflich neue Perspektiven zu erhalten. So machte sie von 2006 bis 2009 an der Heilpädagogischen Fachhochschule in Zürich die Ausbildung zur schulischen Heilpädagogin. Im Rehabilitationszentrum arbeitet sie mit Kindern, die nach einer Krankheit oder einem Unfall dort sind. Diese stammen aus Regelklassen oder weisen Lernschwierigkeiten oder eine geistige Behinderung auf. Leiser fühlt sich am sichersten im Schulstoff von der ersten bis zur sechsten Klasse. Sie mag diese Altersstufe besonders, weil die Schüler zwischen Kind und Jugendlichem schwanken.

An der Arbeit im Rehabilitationszentrum schätzt Leiser, dass sie individuell auf jeden Einzelnen eingehen kann. So muss sie für jeden Schüler ein eigenes Programm zusammenstellen. Ferner wisse sie nie lange im Voraus, welche Schüler sie bekommen werde. Einige haben nur eine Stunde Schule am Tag - diejenigen, die noch müde sind von einer Operation. Zuerst sind die Schüler meistens still, mit sich und der Krankheit beschäftigt. Und plötzlich merkt man, wie sie wieder bereit sind, in den normalen Alltag zu steigen. Nach einiger Zeit ist zu spüren, dass der Junge genug vom Rechnen hat. Zur Abwechslung gibt die Lehrerin ihm einen Somawürfel. Der Junge scheint Vergnügen am Knobeln zu finden. Als der Junge eine Figur geschafft hat, jubelt er. "Das Gute an der Schule hier ist, dass ich nicht ganz so viel Unterricht habe wie zu Hause", meint er und schmunzelt.

Ein wenig später ist auch das zarte Mädchen mit ihren Aufgaben fertig und schaut sich die digitale Zeit an. Damit hat sie keine Mühe. "Meine Oma hat eine digitale Uhr zu Hause, da habe ich geübt", sagt sie. Martina Leiser lobt sie. Das Mädchen wird bald wieder in die Volksschule gehen können. "Du bist nun bereit für die fünfte Klasse." Die Pädagogin möchte den Kindern in dieser ungewöhnlichen und schwierigen Zeit der Heilung eine gewisse Normalität vermitteln, indem sie versucht, die Kinder zumindest in den Schulstunden die Krankheit vergessen zu lassen.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Zwei Schüler, eine Lehrerin
Autor
Mira Luttikhuis
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.03.2016, Nr. 56, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180