Auf dem Fest der Liebe

Lisdoonvarna ist ein verschlafenes Dorf im Westen von Irland. Einmal im Jahr erwacht es aus seinem Dornröschenschlaf. Dann pilgern 60 000 Menschen in das 1000-Einwohner-Dorf, um die wahre Liebe zu finden. Sechs Wochen lang tobt in Lisdoonvarna das größte "Verkupplungsfest" Europas. Das Erste, was man dann auf Lisdoonvarnas Straßen sieht, sind leicht lallende, knappbekleidete Frauen zwischen 30 und 50, deren Gesichter karottenfarben von Selbstbräunern sind. Besonders herausgeputzte, heimische Bauern schwenken ihre Pints und feuern das irische Rugbyteam im Spiel gegen England beim Public Viewing auf den Bildschirmen an. Überdimensionale rosa Herzen hängen an Straßenlampen und Häuserfassaden. Aus den Pubs hört man die typisch irische Fiddle Music.

Wenn man an dem kleinen Tante-Emma-Laden und den beiden Pubs vorbeiguckt, sieht man am Ende der Straße ein großes, weißes Hotel. Dort wird das Festival organisiert und nachts gefeiert. Es sieht ein bisschen aus wie ein nicht poliertes Disney-Schloss. Schon tagsüber trudeln viele Liebeshungrige die ungefähr 50 Meter lange Hauptstraße des Dorfes entlang. Bei Sonnenuntergang geht es richtig los. Das Aftershave der Männer hängt in der Luft, die Highheels werden höher, das Bier fließt schneller. Hauptbetriebszeit für Marcus White, den Manager des Hotels. Er könnte auch der Türsteher eines Clubs sein. Sein breiter, muskulöser Körper presst gegen die Knöpfe seines lilafarbenen Seidenhemds. Er ist um die 30.

In seinem Büro tippen die beiden Sekretärinnen wild in ihre Laptops. Warum findet das Festival so viel Anklang? Marcus White seufzt kurz und starrt an die Decke: "Mmh, wir machen das jetzt jedes Jahr. Seit 1870. Die Tradition ist unser größter Erfolg. Im Internet jemanden kennenzulernen, das ist nie dasselbe, wie wenn man jemanden persönlich sieht. Die Verkuppler machen hier einen tollen Job. Man sagt, nach fünf Sekunden Gespräch weiß man, ob man die Person mag. Es ist schön, gemeinsam zu tanzen, Spaß zu haben und sich kennenzulernen."

White streicht sich über die glänzend polierte Glatze: "Was wichtig ist, ist, dass man mit der Zeit geht." Vor drei Jahren gab es das erste Homosexuellen-Festival: Ein riesiger Erfolg im katholischen Irland. Und das, obwohl ihn alle davor gewarnt hatten. Nun ist es ein wichtiger Bestandteil des Festivals. Die bekannteste irische Drag Queen "Panti Bliss" ist ein gerngesehener Gast.

Plötzlich springt White auf. Er muss Discolichter organisieren. Er zwinkert noch einmal kurz: "Hoffentlich sehe ich euch heute Abend bei uns in der Disco!" Draußen ist es finster geworden, doch niemand scheint müde zu sein. Mitten im Trubel der Menge schlendert ein Paar die Hauptstraße herunter. Ein scheuer Mann hakt sich bei seiner Frau ein, die einen Schal und einen langen dunkelgrünen Mantel trägt. Aus den Massen der jungen Leute, die vor den Pubs rauchen und sich lautstark miteinander unterhalten, sticht dieses Paar hervor. Die beiden sind älter als die meisten Leute. Obwohl sie in den Siebzigern sind, wirken sie verliebt: "Wir haben uns vor sechs Jahren auf einem Kreuzfahrtschiff kennengelernt. Ich komme eigentlich aus Chicago", sagt die Frau mit einem amerikanischem Akzent und strahlt. "Mein Mann ist aus Cork." "Wir kommen jedes Jahr zurück nach Lisdoonvarna", verrät dieser und lächelt seine Partnerin liebevoll an.

In den Pubs geht es derweil rund. Die Musik pumpt auf die Straße. Nie verliert die Atmosphäre den irischen Charme. Junge und ältere Menschen üben Tanzschritte auf der Straße. Andere stehen nur da und reden, nie ohne Pint in der Hand. Ein etwas kräftiger Mann stolpert fast beim Tanzen, so wild hat er sich gedreht. Gellendes Lachen ertönt aus einer Bar. Das Pub ist mit Holz verkleidet. Discokugeln aus den achtziger Jahren drehen sich. Ganz in der Ecke, in einem winzigen Nebenzimmer sitzt einer der wichtigsten Männer des Festivals: Willie Daly, der Matchmaker. Alle kennen ihn. Er ist das Gesicht des Festivals. Seit Jahrzehnten bringt Daly beim Liebesfestival die Paare zusammen. Er selbst sieht sich als den Letzten seiner Zunft. Er ist 70 Jahre alt. Seine grauen, schulterlangen, fusseligen Haare passen zu seinem gestrickten blauen Pullover und dem hellen Hemd. Er ist beschäftigt und will zuerst keine Fragen beantworten. Der berühmte Drink, hier Whiskey mit Orangenlimonade, bewirkt Wunder. Nichts bringt ihn aus der Ruhe, obwohl der gesamte Raum voll mit Leuten ist, die darauf warten, ihn nach ihrem Traumpartner zu befragen.

Vor Willie liegt sein "Lucky Book", ein zerfetztes ledernes Heft, das nur noch mit zwei zerfledderten Plastikschnüren zusammengehalten wird. "Das kommt von meinem Vater, der hat es von seinem Vater. Berührt es! Es bringt Glück", raunt er. "Ich hab das Ding seit 20 Jahren nicht mehr aufgemacht", gesteht Willie und nimmt einen kräftigen Schluck seines Whiskylimogetränks. Neben ihm, auf den kahlen Bänken sitzen zwei junge Leute, die Willys Liebesfragebogen ausfüllen. Auf den Fragebögen steht: "Name", "Telefonnummer", "Beruf", "generelle Interessen" und "persönliche Vorlieben". Wie funktioniert das Verkuppeln? Willie sammelt diese Bögen ein und guckt dann, welche Leute am besten zueinander passen. "Das kostet 5 Euro", sagt er. "Aber wenn irgendein Typ Stress macht, dann kostet das mehr." Wenn das Festival vorbei ist, ist er Farmer. "Ich hab acht Kühe und 20 Schafe auf meiner kleinen Farm." Das Interview wird von einer scheuen alten Dame mit ihrem Mann unterbrochen. Unsicher fragt der Mann, ob seine Frau nicht ein Foto mit Willie haben könne, und hält seine Einweg-Kamera hoch.

Eine extrem blondierte Frau, mit vielen Haar-Extensions kaut laut und indiskret Kaugummi. Sie gibt vor, den Fragebogen ausfüllen zu wollen. Eigentlich aber will sie Willie für ein Radiointerview gewinnen. "Ich mach das jetzt schon seit 50 Jahren. Als Matchmaker muss man immer cool bleiben." Und ja, er glaubt an Liebe auf den ersten Blick. "Ich habe die Gabe, Menschen zusammenzubringen. Hochzeiten sind für mich das große Ziel." Er selbst ist geschieden, hat aber eine holländische Freundin, die stumm neben ihm sitzt und hilft. Zusammen mit einem Ghostwriter hat Willie ein Buch über seine Erfahrungen als Matchmaker geschrieben. "Das Buch hab ich nie gelesen", bekennt er amüsiert. "Wozu auch? Ich weiß ja, was ich mache."

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf dem Fest der Liebe
Autor
Nina Heisterkamp, Emma Prehn, Freya Tacke
Schule
St. Kilian's Deutsche Schule , Dublin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2016, Nr. 62, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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