Die Übriggebliebenen setzen auf den Love-Bus

Konfuzius sagt: Man sollte unabhängig sein, wenn man 30 Jahre alt ist. Unabhängig sein bedeutet nach chinesischer Auffassung, selbständig zu sein, eine Arbeit zu haben und eine Familie zu gründen. Ist das einer Frau im Land der Mitte nicht vergönnt, so zählt sie zu den "leftover women", erzählen zwei in Peking lebende junge Chinesinnen. Um das 30. Lebensjahr wird der Druck auf eine Frau groß. Liyan Hui aus der Provinz Hunan, sagt, dass ihre Eltern ihr zum 29. Geburtstag zwei heiratswillige Männer "auf dem Serviertablett" präsentiert haben. Mit Mühe konnte sie die Eltern davon überzeugen, dass sie sich ihren Mann fürs Leben selbst aussuchen möchte und darauf achten wird, auch ihre Eltern glücklich zu machen.

Gehörst du zu den Übriggebliebenen, was großgewachsenen, erfolgreichen Frauen leicht passieren kann, gibt es verschiedene Möglichkeiten, an einen Partner zu kommen, wie zum Beispiel einen Heiratsmarkt oder einen Love-Bus. Geht man in einen Park, findet man eine Wäscheleine voller Steckbriefe über heiratsfähige Chinesen. Steigt man in einen bestimmten Bus ein, so bekommt man zwei Zettel mit einem lachenden und einem traurigen Smiley in die Hand. Man nimmt Platz, und wenn jemand vorbeiläuft, kann man der Person mit einem lachenden oder einem traurigen Smiley anzeigen, ob sie einem gefällt oder nicht.

"Ja, ich will dich lieben und ehren": In China bedeutet dies, nicht nur seinen Partner, sondern auch dessen Familie zu lieben. Die Schwiegereltern werden wie die leiblichen Eltern mit Mutter und Vater angesprochen. Die Eltern des Bräutigams haben vor denen der Braut den Vorrang. Die Schwiegertochter sollte in erster Linie nach den Schwiegereltern schauen. Sobald die Entscheidung zur Heirat gefallen ist, beschleunigen die Eltern diesen Prozess. Alles wird getan, um eine adäquate Mitgift von beiden Seiten für die Kinder zu gewährleisten wie zum Beispiel Möbel, ein Auto, eine Wohnung oder einen "red envelope" . Zu ihrer Verlobung bekommt die Braut von ihrem Zukünftigen ein Schmuckset mit Halskette, Ring und Ohrringen aus Gold geschenkt. An einem "guten Tag" besucht die Familie des Bräutigams die Brautfamilie und übergibt Hochzeitsgeschenke wie Geld, Süßigkeiten, Schweinefleisch und vieles mehr. Somit ist das Eheabkommen der beiden Familien besiegelt. Jetzt können die Vorbereitungen für das Hochzeitsfest beginnen. Um einen geeigneten Termin zu finden, geht die Bräutigamfamilie mit den eigenen sowie den Geburtsdaten der Braut und deren Eltern zu einem Wahrsager. Dieser sucht ein passendes Datum aus, das nach chinesischem Kalender aus geraden Zahlen bestehen muss. Eine gerade Zahl ist das Symbol für ein Paar. Sobald das Datum festgelegt ist, bucht die Bräutigamfamilie das Restaurant, den Zeremonienmeister mit Service wie Foto-Show, Musik und vielem mehr.

Die Braut trägt bei der Hochzeitsfeier ein weißes westliches und beim Essen ein rotes chinesisches Kleid, erzählt die frischvermählte Chinesin Yang Kai aus Shandong, einer Provinz im Osten Chinas. Der Ehering ist meist aus Platin. Bevor die Feier stattfinden kann, muss das Paar zum Civil Affairs Bureau, um sich anzumelden. Jetzt ist das Paar vor dem Gesetz "Mann und Frau".

In den Morgenstunden der Hochzeitsfeier fährt der Bräutigam mit seinen Verwandten in geschmückten Autos zur Braut nach Hause. Dabei ist es wichtig, dass die Autos in gerader Anzahl und nur in den Farben Schwarz, Weiß oder Rot sind. Bevor der Bräutigam die Türe zu seiner Braut öffnen darf, muss er erst knifflige Fragen beantworten und Prüfungen bestehen, wie einen versteckten Schuh finden und ein Lied singen. Nach dem gemeinsamen Genuss einer Suppe mit Markknochen wegen der Fruchtbarkeit darf er seine Angetraute küssen. Zum Auto wird die Braut von Bruder und Cousin, in einem Stuhl sitzend, getragen. Sie darf vor der Zeremonie den Boden nicht mit den Füßen betreten.

Nun fahren alle im Verbund zusammen ins Restaurant, wo die Zeremonie sein wird. Ist es die erste Hochzeit, so ist das meist vormittags. Heiratet man zum zweiten Mal, gibt es die Zeremonie nachmittags oder abends. Ein Moderator begrüßt das Paar und betet an den Himmel und an die Erde für das Eheglück. Dann übergeben die Eltern die Geschenke. Der Hochzeitszeuge bestätigt die Gültigkeit der Ehe und gratuliert dem Ehepaar. Dann reden die Eltern. Die frischvermählten Kinder bedanken sich bei ihnen und sprechen gute Wünsche aus.

Vor dem Mittagessen hüllt sich die Braut in das traditionelle, rote Gewand. Auf das frisch vermählte Paar kann nun angestoßen werden. Nach dem Essen muss der Bräutigam oft an Spielen von Freunden teilnehmen, um die Stimmung zu steigern. Nach drei Tagen Erholungszeit fährt das Ehepaar zu den Eltern der Braut, um sie zu besuchen und ihnen Geschenke zu überreichen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Übriggebliebenen setzen auf den Love-Bus
Autor
Leonie Deiß
Schule
Theodor-Heuss-Schule , Reutlingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2016, Nr. 62, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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