Müll nur für die Mädchen

Treffen wir uns heute Abend?" "Nein, ich darf nicht." Diese Antwort bekommt Joelle oft von ihrer Freundin. Joelle Hascher und Aysenur (Name geändert) sind seit Jahren gute Freundinnen, sie besuchen die gymnasiale Oberstufe eines Gronauer Gymnasiums. Joelles Eltern haben zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Ihre Eltern erziehen beide ohne Unterschiede. Joelle möchte nach ihrem Abitur Jura studieren. Ihren Eltern ist es wichtig, dass ihre Kinder später einmal mit beiden Beinen fest im Leben stehen.

Bei Joelles Freundin Aysenur sieht das anders aus. Sie ist eine junge Frau, die sich gern modisch kleidet und viel Wert auf ihr Äußeres legt. Ihre langen braunen Haare trägt sie offen, an ihren Ohren fallen die Perlenohrringe ins Auge, als modisches Accessoire ergänzt ein kariertes Schultertuch eines bekannten Designers das Erscheinungsbild. Aysenur hat fünf Geschwister, ältere Brüder und Schwestern. "Bei uns Türken ist die Erziehung ganz anders als bei den Deutschen, viel strenger und konsequenter." In ihrer Familie gibt es feste Regeln, die nach Jungen und Mädchen unterschieden werden.

"Während meine Brüder nachmittags faul auf der Couch rumhängen, muss ich den ganzen Haushalt erledigen: Toilette putzen, staubsaugen, überall Staub wischen, die Wäsche aufhängen und falten, das schmutzige Geschirr meiner Brüder spülen und den Müll rausbringen. Am liebsten hätten es meine älteren Brüder noch, dass ich sie bediene, das sehe ich jedoch nicht ein. Ich beneide meine Freundin Joelle, die nie so viel zu tun hat." Deren einzige Aufgabe im Haushalt besteht darin, ihr Zimmer einigermaßen sauber und in Ordnung zu halten, den Rest erledigt ihre Mutter.

Aysenurs Brüder haben mehr Freiheiten als sie und ihre Schwestern. Abends mit Freunden rauszugehen ist für die Jungen kein Problem. Einen Freund zu haben kommt für Aysenur nicht in Frage. Die älteren Brüder müssen dafür sorgen, dass die weiblichen Familienmitglieder ihre Ehre bewahren. Wenn Aysenur zum Beispiel mit einem fremden Jungen gesehen wird, hat sie sofort einen schlechten Ruf in ihrer Familie und der türkischen Nachbarschaft. Türkische Familien achten stark darauf, was andere über sie denken. Türkische Jugendliche haben aufgrund ihrer Tradition auch weniger Möglichkeiten, selbständig und frei über etwas, wie zum Beispiel ihren späteren Beruf, zu entscheiden. "Eigentlich habe ich mir vorgenommen, nach meinem Schulabschluss Medizin in Münster zu studieren. Meine Eltern haben damit jedoch noch so ihre Probleme. Dass ich alleine in einer Wohnung oder in einer WG leben könnte, ist für sie unvorstellbar."

Respekt gegenüber Älteren ist in türkischen Familien einer der wichtigsten Erziehungsgrundsätze. Aysenur spricht zum Beispiel ihre Mutter mit "Anne" an, was übersetzt "Mutter" heißt. Aysenur spricht ihre jüngeren Geschwister mit ihren Vornamen an, ihre älteren Geschwister heißen für sie jedoch "Abi", "großer Bruder". "Abla" heißt große Schwester, und ihre anderen Familienmitglieder wie zum Beispiel Onkel und Tanten sind "Amca" und "Hala". Alle wichtigen Entscheidungen trifft der Vater als Familienoberhaupt. Wenn er etwas nicht erlaubt, kann auch die Mutter an dieser Entscheidung nichts ändern. "Baba, ich will doch nur mit Joelle in ein Café und ein bisschen quatschen und außerdem...". "Nein bleibt Nein, Aysenur. Bitti!" - "Fertig. Ende!"

Informationen zum Beitrag

Titel
Müll nur für die Mädchen
Autor
Helin Karakoc, Carla Jager
Schule
Werner-von-Siemens-Gymnasium , Gronau
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2016, Nr. 62, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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