Im falschen Körper geboren

Gitarrentöne erklingen aus einem Raum. Inmitten von Kleidungsstücken sitzt ein junger Mann und spielt Gitarre. Ab und zu schreibt er etwas auf, spielt wieder ein paar Töne und singt. Oliver (Name geändert) ist 20 Jahre alt, Praktikant und möchte beruflich etwas mit Film machen. Für den ersten Moment ist er ein ganz gewöhnlicher junger Mann. Doch dem ist nicht so. Im November 1995 kam Oliver als Mädchen auf die Welt.

Und bis zu seinem 13. Lebensjahr lebte er auch das Leben eines Mädchens. "Damals trug ich noch, typisch für ein Mädchen, lange Haare", erzählt er. Doch als dann die Pubertät begann, bemerkte er, dass er anders ist als die anderen Mädchen in seinem Alter. "Ich habe mit ungefähr 13 bemerkt, dass ich kein Mädchen mehr sein möchte. Ich trug zwar schon immer eher jungenhafte Kleidung, aber ab da verstärkte sich das Gefühl immer mehr." Immer öfter begann er seitdem, sich die Brüste abzubinden, um vor allem für sich selbst männlicher zu wirken. "Als ich mich dann mit 14 entschied, mir die Haare abschneiden zu lassen, hielten mich im ersten Moment viele für einen Jungen", sagt er mit einem Lächeln. Er öffnete sich mit seinen Problemen zuerst seiner Kinderärztin. Gemeinsam füllten sie einen Fragebogen zu seinem Befinden aus, in dem er deutlich machte, dass er lieber ein Junge sein möchte. Seine Freundin war die zweite Person, die davon erfuhr. "Sie hat es sehr gelassen genommen und mir gesagt, sie würde immer zu mir stehen." Der Schritt, seinen Eltern davon zu erzählen, war der schwerste, gibt er zu. "Meine Mutter hat zuerst nur geweint. Ich war ihre einzige Tochter, und sie hat sich wirklich viele Sorgen gemacht", offenbart er. Sein Vater hingegen nahm die Sache nicht ganz so schwer. Für ihn war klar: Er hatte nun drei Söhne und keine Tochter mehr. Auch Olivers Brüder sahen das unterschiedlich. Der jüngere habe es wie der Vater hingenommen und nicht weiter darüber nachgedacht. Der Ältere sah es nicht ganz so gelassen. "Er hatte eine Zeit, in der er hin und wieder totale Aussetzer bekam und mich beschimpfte. Irgendwann hat er sich gefangen. Er geht jetzt mit der Situation so gut um, wie es für ihn möglich ist." Der Bewohner einer ostdeutschen Kleinstadt war sich trotz der Bedenken seiner Mutter ganz sicher: Er wollte diesen Weg unbedingt gehen. In dieser Zeit hätten sich seine wahren Freunde gezeigt. "Den Menschen, die mich wirklich mögen, war es egal, die haben einfach zu mir gehalten und tun es natürlich auch heute noch", versichert er. Es gab nur ein paar Einzelfälle, die mit der Situation nicht klargekommen sind, und zu denen hat er keinen Kontakt mehr. Er ist trotzdem froh, diesen Schritt gegangen zu sein.

Eine Operation im Brustbereich ermöglicht ihm, wie jeder andere Junge schwimmen zu gehen oder sich einfach oberkörperfrei zu zeigen. Es hat lange gedauert, bis Olivers Krankenkasse ihr Einverständnis zur Übernahme der Kosten gegeben hat, nun hat es geklappt, und er ist glücklich mit dieser Entscheidung. "Auch für die Zukunft habe ich noch viele Veränderungen an meinem Körper vor - aber das alles zu seiner Zeit." Was wünscht er sich für seine Zukunft? "Ich wünsche mir vor allem viel mehr Fortschritte in der Medizin, die transexuellen Menschen wie mir einen viel schnelleren und besseren Weg in ihren richtigen Körper ermöglichen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Im falschen Körper geboren
Autor
Vivien Häser
Schule
Augustum-Annen-Gymasium , Görlitz
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2016, Nr. 62, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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