Niclas wechselt für sein geliebtes Badminton aufs Internat

Die Sporthalle in Eggenstein-Leopoldshafen ist seit Jahren wie ein zweites Zuhause für Niclas Kirchgeßner. Das Geräusch von Schlägern, die den Ball in die Luft katapultieren, und die stickige Hallenluft gehören zu seinem Alltag, seit er seine Schwester Jana 2007 das erste Mal ins Training begleitet hat. Mittlerweile ist Badminton seine größte Leidenschaft, die er auch zu seinem Beruf machen will. "Sobald ich alt genug bin, will ich in der Nationalmannschaft und in der ersten Liga in Deutschland und England spielen", sagt er. Wegen seines Talents durfte er bereits die drei niedrigsten Ranglisten für sein Alter überspringen. Zurzeit wartet er nur darauf, alt genug zu sein, um in der Liga für Erwachsene mitspielen zu dürfen.

Fünfmal in der Woche verbringt er meist mehrere Stunden mit seinen Teamkollegen in der Halle, regelmäßig sogar mit Privattrainer. Vor wichtigen Turnieren kann es sein, dass er täglich bis zu drei Stunden trainiert. Wenn er ankommt, verschwendet er keine Zeit, sondern sucht sich direkt einen Partner und geht gleich zum richtigen Spiel über, bis sein Trainer eintrifft. Zusätzlich besucht er Kader- und Lehrgänge. Das zahlt sich aus. Niclas' Zimmer ist geschmückt mit Trophäen und Medaillen. Sein größter Erfolg war bisher die zweifache deutsche Vizemeisterschaft im Einzel und Doppel im vergangenen Jahr. "Ich will demnächst in die Verbandsliga einsteigen und mich so hocharbeiten", erklärt er.

Wie vereinbart er Training und Turniere mit der Schule? "Es ist oft schwierig, den Sport mit der Schule zu vereinbaren. Das stellt einen vor Herausforderungen", sagt Niclas. "Aber Badminton bietet mir auch einen guten Ausgleich zu dem ganzen Schulstress, und daher versuche ich es irgendwie zu vereinen." Dass ihm wenig Zeit für andere Aktivitäten bleibt, zeigt sich auch, wenn man seinen Terminkalender betrachtet. Fast jedes Wochenende sowie in den Ferien spielt er Turniere oder ist wegen seiner anderen sportlichen Leidenschaft, dem Fußballspielen, unterwegs. Der Sport führt ihn in Nachbarländer Deutschlands. Oft spielt er internationale Turniere in Holland, reist aber auch in die Schweiz oder nach Luxemburg. Das reicht Niclas bei weitem nicht. "Ich will unbedingt noch auf alle anderen Kontinente. Vor allem Asien ist ein großer Traum von mir." Doch trotz seines Ehrgeizes, die Welt als erfolgreicher Badmintonspieler zu bereisen, zählt für Niclas vor allem der Spaß beim Sport und mit seinen Kollegen. Daher lässt sich der Trainer manchmal Strafen einfallen, falls sich Niclas' Motivation zu verringern scheint. "Einmal musste ich ein rosa Tutu tragen und so weiterspielen, weil ich gegen meinen Trainer verloren hatte. Aber auch er musste schon öfter damit spielen, weil ich ihn besiegt hatte", erzählt er schmunzelnd.

Auch seine Vereinsfreunde haben jede Menge Unsinn im Kopf und stecken voller Energie, die nicht immer beim Sport ganz aufgebraucht wird. "Wenn wir zu einem Turnier unterwegs sind, können auch mal diverse Unfälle passieren. So kommt es vor, dass mal ein Bett im Hotel einkracht vom Herumspringen oder das ganze Hotelzimmer unter Wasser steht", berichtet er lachend.

All das hat seinen Preis. "Momentan sind nur meine Eltern mein Sponsor, aber ich hoffe bald auch einen anderen zu finden, der mich dann finanziell unterstützen kann", erklärt er. Knapp 100 Euro müssen seine Eltern monatlich mindestens ausgeben, um seinen Sport und besondere Förderung zu bezahlen. Doch der Filialleiter der Raiffeisenbank Südhardt und Niclas' Mutter sind von ihrem Sohn überzeugt und tun alles dafür, dass er die bestmöglichen Chancen erhält.

Neben dem kraftvollen Schmettern der Bälle und den schnellen, reibungslosen Bewegungen kann es auch mal nicht so einwandfrei laufen. "Ich selbst habe mich noch nie wirklich ernsthaft beim Badminton verletzt. Außer einer Bauchmuskelzerrung ist nie etwas passiert, aber ich weiß auch, dass es anders laufen kann", sagt Niclas und spielt auf seine ältere Schwester an, die durch den Sport Schmerzen an der Hand und dem Ellenbogen hat. Auch andere Vereinskollegen von ihm mussten schon die Schattenseite des Sports Badminton kennenlernen. "So ein Badmintontraining kann auch sehr gefährlich sein", sagt Niclas mit einem leichten Grinsen. "Wenn es hart auf hart kommt, passiert es auch mal, dass man sich die Handwurzel und Speiche bricht, wenn man ausrutscht und gegen eine Wand knallt." Das und diverse andere Verletzungen hat er schon bei Sportkameraden gesehen. Dennoch gibt er beim Sport alles und blendet jede mögliche Verletzungsgefahr aus.

Für Niclas gibt es keine Pausen, er steht ständig unter Strom und muss sich sportlich betätigen. Sein Ehrgeiz und Talent bringt ihn demnächst nach Mülheim an der Ruhr in ein Sportinternat, in dem er noch mehr gefördert und es ihm erleichtert wird, seine Leidenschaft mit der Schule zu vereinbaren. Nach einer Probewoche in den Ferien und einem Ausschlussverfahren wurde er unter drei Bewerbern ausgesucht und wird nun in Kürze dort auf die Schule gehen. Für die Familie ist es eine große Umstellung, den erst 14-Jährigen auf ein Internat zu schicken, aber Niclas ist zuversichtlich und gespannt auf seinen neuen Alltag.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Niclas wechselt für sein geliebtes Badminton aufs Internat
Autor
Tammy Schikalla
Schule
Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium , Durmersheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2016, Nr. 68, S. 24
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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