Stauen und Bauen

Der Bau eines Wasserkraftwerks mitten in den Schweizer Alpen ist fast beendet. Was für die zum Teil im Berg verborgene Baustelle benötigt wird, muss den Weg mit der Seilbahn nehmen. Die Glarner Alpen ragen in den Himmel. Eine Barriere trennt das künstlich angelegte Areal im Tal ab, auf dem Container übereinandergestapelt sind, Zementsilos und die Autos der Angestellten stehen. Es ist sieben Uhr. Rafael Mazzetta ist seit drei Stunden wach und führt zum Besucher-Container, wo Neugierige mit Overalls und Helmen ausgestattet werden. "Diese Schutzmaßnahmen sind notwendig, denn wir befinden uns auf der zurzeit größten Baustelle in Europa", erklärt der 54-Jährige. Das Projekt Linthal 2015 ist der Bau einer zweiten Staumauer, über dem Stausee Limmern, und eines neuen Pumpspeicherwerks im Kanton Glarus. Das Wasser wird so bei billigem Nachtstrom durch die angelegten Wasserleitungen in den oberhalb gelegenen Muttsee gepumpt und bei teurem Tagesstrom hinuntergelassen.

Wie werden Material und Maschinen auf 2500 Meter Höhe befördert? Die erste Bahn ist unscheinbar im Berg verborgen. Es geht einen dunklen Tunnel entlang bis zur Standseilbahn. "Jetzt fahren wir vier Kilometer in den Berg hinein", erklärt Mazzetta, der als Logistiker dafür zuständig ist, dass alles zur rechten Zeit am rechten Ort ist. "Diese Standseilbahn kann bis zu 215 Tonnen Fracht ins Bergesinnere befördern. Sie wurde extra für die schwersten Teile, die zwei Generatoren und Turbinen, gebaut. Parallel zu ihr verläuft draußen eine Drahtseilbahn, die bis in die Nähe des ersten Stausees, des Limmern, geht." Oben angekommen, führt er durch die labyrinthartige Baustelle in eine riesige Halle im Bergesinnern. Dafür sind 225000 Kubikmeter Stein, so viel wie zweimal der Hauptbahnhof von Zürich, herausgebrochen und als Beton für die Bauarbeiten wiederverwendet worden. Die Maschinenkaverne beherbergt die Pumpturbinen, die mit der Kraft von vier Wasserleitungen, die vom Muttsee herunterführen, die Generatoren antreiben, die den Strom produzieren. "Da der einzige Zugangs- und Transportweg die Seilbahnen sind, muss alles genau koordiniert werden. Zeitverzögerung bedeutet immer Geldverlust. Bei der Anfangsphase war es so, dass ich manchmal 16 Stunden am Tag arbeitete, da man zuerst ein Konzept für den optimalen Transport entwickeln musste. Viele Arbeiter übernachten oder wohnen sogar für eine Zeitlang hier in den Camps." Mazzetta führt zu einem weiteren Erschließungstunnel, der Weg endet am Fuß des Stausees. Die riesige Staumauer ragt kahl zwischen den Bergen empor. Danach geht es mit der Drahtseilbahn zum Muttsee. "Diese Bahn kann nur 30 Tonnen befördern, da sie über eine Erhöhung in der Mitte der Strecke führt", sagt Mazzetta. Gerade wird ein Container mit laufenden Zementmischern heraufbefördert. Riesige Arme bilden die Verbindung zu den faustdicken Stahlseilen, an denen die Last hängt.

"Die Bahn hat zwei Fahrwerke, die je 15 Tonnen halten, immer gekoppelt sind und wie riesige Arme die Fracht halten. Sie wurde speziell für diese Baustelle entwickelt und kann ganze Lastwagen durch die Luft schweben lassen." Tonnenschwere Krane wurden auseinandergebaut, transportiert und wieder zusammengesetzt. Etliche Autos für die Arbeiter wurden heraufbefördert, da die Baustelle so weitläufig ist. Bohrmaschinen, die Wege freilegten, durch die es überhaupt erst möglich wurde, im Berg zu bauen, wurden in Einzelteilen an die Seilbahn gehängt. Nun, nach sechs Jahren, hat man damit angefangen, alle Bauutensilien wieder gen Tal zu befördern. 2016 wird die Baustelle, mitsamt den zwei Drahtseilbahnen und der Standseilbahn, wieder vollständig abgeräumt sein, noch brauchbare Baumaschinen werden verkauft und Baugerüste eingeschmolzen. Nach vier Stunden ist die Führung beendet. "Jetzt nehmen wir den gleichen Weg wie alles andere, das hier zu sehen ist: die Seilbahn", sagt Mazzetta.

Informationen zum Beitrag

Titel
Stauen und Bauen
Autor
Julie Vaucher
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.03.2016, Nr. 73, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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