3000 Tonnen Weizen durchschleusen

Albrecht Zöller ist mit der Nepomuk auf Europas Gewässern unterwegs und kämpft um Aufträge. Aufgewachsen auf einem Binnenschiff, hat er es vom Leichtmatrosen zum Kapitän gebracht.

Stetig steigt der Wasserspiegel. Unmengen Mainwasser strömen in die Schleuse und füllen diese mit leicht grünem Flusswasser. Kleine Strudel bilden sich am Rand der großen, metallenen Tore. Mit Leichtigkeit hebt das Wasser den tonnenschweren Flussfrachter wie durch Zauberhand um mehrere Meter, alles ohne den Eingriff von Menschen und komplett automatisiert, denn viele der Schleusen sind längst nicht mehr besetzt. "So war das früher noch nicht", sagt Flussschiffer Albrecht Zöller, der mit seinem Schiffsverband aus dem Schubgütermotorschiff Joh. v. Nepomuk und dem Schubleichter Nepomuk auf dem Main unterwegs ist. "Früher war jede Schleuse pro Schicht mit drei Mann besetzt. Einen Handbetrieb gab es nur an wenigen Schleusen, zum Beispiel an der alten Schleuse in Würzburg."

Der 1957 geborene, in Marktheidenfeld wohnende Kapitän mit dem grauen Vollbart spricht aus Erfahrung. Seit mehr als 40 Jahren ist der "Flussbär" auf Binnenschiffen unterwegs und blickt auf eine lange Familientradition zurück. Schon die Ururgroßväter von Albrecht Zöller haben Fracht den Main entlang transportiert. Die Familiengeschichte lässt sich bis 1640 zurückverfolgen. Damals natürlich nicht auf hochmodernen Binnenschiffen aus Stahl mit starken Motoren, sondern auf Holzschiffen, die noch von Ochsen gezogen, getreidelt wurden und ein großes Segel benötigten. Ein Vorfahre war sogar Mitbegründer der großen Main-Schifffahrts-Genossenschaft, die seit 1916 existiert und zu der sich heute rund 70 Binnenschiffer, Partikuliere wie Albrecht Zöller, bekennen und die diese mit den Transportaufgaben beauftragt. Insgesamt arbeiten laut Zöller deutschlandweit nur noch rund 6000 Personen in diesem Gewerbe.

Sie müssen jeden Tag aufs Neue gegen starke Crews um die Lieferaufträge kämpfen. "Jedes Schiff ist Konkurrenz, das nicht in der Genossenschaft ist", erklärt er. Den Markt regieren, wie er meint, mittlerweile die holländischen Unternehmen. Zöller ist auf einem Binnenschiff aufgewachsen und begann 1972 im Alter von 15 Jahren seine Lehre beim Vater. "Die ersten zehn Jahre war ich ja kaum daheim und nur auf dem Schiff unterwegs."

Lehrlinge machen zunächst ein Praktikum, um ihre Tauglichkeit zu testen. Denn nicht jeder kommt mit der beengten Situation auf dem Schiff oder den anderen an Bord klar. Abhängig von der Schulbildung dauert die Ausbildung zwei, zweieinhalb oder drei Jahre. Es startet jeder als Leichtmatrose, am Ende der Lehre darf man sich offiziell mit dem Titel Bootsmann schmücken. Derzeit gehen zwei seiner Crewmitglieder bei Zöller in die Lehre. Nach fünf Jahren können sie das Kapitänspatent erwerben. Für allerhand ist auf dem 10 Meter breiten und 185 Meter langen Schiff Platz, wie zum Beispiel für drei Küchen, zwei Wohnzimmer und sechs Schlafzimmer.

So ergibt sich ein stolzes Leergewicht von rund 600 Tonnen. Unten im Schiffsbauch lagern bei der heutigen Fahrt 3000 Tonnen Weizen, die in Rotterdam gelöscht werden sollen. Aber auch exotischere Ware transportiert die Nepomuk auf den Gewässern Europas. Von heimischer Gerste über Soja bis hin zu riesigen Transformatoren oder Eisen in Barrenform, vieles war schon im Bauch des Gütermotorschiffs. Oben an Deck laufen die Matrosen die Seiten des Schiffs auf und ab, kümmern sich um die Vertäuung und verrichten ihre tägliche Arbeit. Am Ende des Koppelverbands befindet sich, höher gelegen, der Steuerraum des Kapitäns, unter dem nur wenige Meter entfernt der 1700 PS starke ABC-Motor des Flussgiganten das gesamte Schiff mit seinem 50 000-Liter-Tank zum Vibrieren bringt.

Zöllers Blick schweift über den Main, mit dabei seine drei Dackel, die der passionierte Jäger auf seine Fahrten mitnimmt. Auf dem Echolot prüft er noch einmal die Flusstiefe, nur noch 1,5 Meter bis zum Grund. "Da vorne links liegt Sand. Da haben die vor einigen Monaten gebaggert. Ich fahr den Fluss nun schon 40 Jahre, ich kenn hier jede Stelle."

Seit seiner Jugend hat sich einiges verändert. "Als ich angefangen habe, da war es schon spartanisch auf dem Schiff. Ich musste noch per Hand, wenn wir nachts einmal unterwegs waren, mit dem Suchscheinwerfer den Weg ausleuchten." Dort, wo früher nur eine Holzverkleidung war, zieren nun mehrere Monitore das Cockpit, die Zöller das gesamte Schiff überblicken lassen. Dort, wo einst noch ein richtiges Steuerrad war, ist heute nur noch ein simpler Hebel, ein Stick, und vor dem modernen Sitz thront ein riesiger Bildschirm und zeigt den Flussverlauf, Position per GPS und Wassertiefe. Der 58-Jährige überlegt, seine Fahrten allmählich zurückzuschrauben. Während seiner Vier-Wochen-Schicht verbringt er mit den verordneten Pausen normalerweise 14 Stunden hinter dem Steuerhebel. "Auf 14 Stunden hab ich aber grad kein' Bock. Wenn die Tage im Winter so kurz sind, dann fahre ich lieber nur 12 Stunden. Im Dunkeln fahre ich nicht mehr so gern."

Seine drei Söhne haben schon einige Zeit an Bord verbracht. Sohn Tobias, der während seines Logistik-Studiums an der Fachhochschule Schweinfurt eine Facharbeit über die Familiengeschichte geschrieben hat und mittlerweile 20 Prozent der Nepomuk besitzt, soll der nächste Binnenschiff-Kapitän werden. "Über meine Söhne kann ich mich nicht beschweren", sagt der Vater stolz. "Und wenn Tobias an Bord ist, koche ich auch mal was. Er soll sich voll aufs Fahren konzentrieren."

Stetig fährt der Schubverband, gefolgt von einem Schwesterschiff aus der Genossenschaft, den Main entlang. Acht bis neun Stundenkilometer fährt der Frachter bergwärts, alles andere wäre unnötiger Spritverbrauch: "Gerade Diesel mit einem Stundenverbrauch bei voller Fahrt von 340 Liter die Stunde rentiert nur bei starker Gegenströmung, sonst fahren wir mit 80 bis 160 Liter je Stunde", erklärt der Pfeifenraucher. "Hinzu kommt, dass der Verkehr immer schlimmer wird. Vor allem auf dem Rhein. Ich bin immer am Hupen", sagt er und lässt demonstrativ das Horn des Schiffes ertönen.

Normalerweise haben Schiffe, die flussabwärts fahren, Vorrang, doch daran halten sich nicht alle. Er greift zum Hörer des Funkgeräts. "Schleuse Schweinfurt, Nepomuk, Mainberg, zu Tal." So kündigt er sich über Funk an. Langsam drosselt er den Motor und beginnt, Schiff und Ladung abzubremsen, ehe er die mäßig breite, gebogene Schleuse ansteuert. Mit gekonnten Hebelbewegungen und mit Hilfe der Monitore fädelt er das klobige Schiff ins Nadelöhr, bis er perfekt am Ende der Schleuse mittig zum Stehen kommt.

Informationen zum Beitrag

Titel
3000 Tonnen Weizen durchschleusen
Autor
Felix Hauck
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.03.2016, Nr. 73, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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