Die Isar im Beton-Korsett hat das Problem verschärft

Wasserwirtschaftsamt München. Im Raum 48 im zweiten Stock wartet Thore Gauda. Das Klopfen des Regens ans Fenster bestärkt das Gefühl, jeden Moment einen Einblick in die Tiefen der Isar zu bekommen und sie nicht nur oberflächlich zu betrachten. ,,Bei uns im Haus arbeiten knapp 140 Leute", erklärt der Rheinländer in seinem blauen Schutzoverall. "Zusätzlich haben wir noch zwei Flussmeisterstellen und eine Außenstelle in Dachau. Vor Ort gibt es zehn Arbeiter, die kleinere Renaturierungsmaßnahmen wie das Bauen und Erneuern von Deichen oder auch die Umwandlung von Uferzonen direkt durchführen."

Die Arbeitsverteilung erfolgt durch verschiedene Abteilungen. Fachbereich A beschäftigt sich mit der Gewässeraufsicht, der chemischen und biologischen Überprüfung der Flüsse. Fachbereich G ist für Gewässerschutz/Abwasserentsorgung und die Beaufsichtigung von Kläranlagen zuständig. "Die größte Abteilung ist wohl Fachbereich B. Sie kümmert sich um den Wasserausbau, also um die Renaturierung von Flüssen und die Gewässerentwicklung. Auch Fachbereich W gehört dazu und ist zuständig für die Wasserversorgung und den Grundwasser- und Bodenschutz. Dann gibt es noch die Abteilung Z. Das ist die gesamte Verwaltung, der Haushalt, das Personal, die IT-Abteilung. Da bin ich auch dabei", schmunzelt der Forstwissenschaftler.

"Die Hauptaufgaben sind ganz allgemein der Schutz des Menschen vor dem Wasser, also Hochwasserschutz und Maßnahmen, die in diesen Bereich fallen", erklärt Gauda. "Aber auch der Schutz des Wassers vor dem Menschen ist von Bedeutung." Neben der Vermeidung von Verunreinigungen der Seen durch Schadstoffe beispielsweise, die zu einer der wichtigsten Überwachungsaufgaben zählt, spielt der Isar-Plan eine große Rolle, der 1985 ins Leben gerufen wurde. Die Isar, die früher als "die Reißende" galt und daher ihren mittelhochdeutschen Namen hat, verursachte während der jährlichen Hochwasserzeit Überschwemmungen, Unglücksfälle und Brückeneinstürze in den anliegenden Städten und Gemeinden. Um einerseits die Bevölkerung besser davor zu schützen und andererseits mehr Fläche für die Landwirtschaft zu gewinnen, wurde der Fluss vor knapp 100 Jahren in ein enges Beton-Korsett gezwängt. Ein geordnetes Wasserverhältnis war geschaffen.

Damit erreichte man aber genau das Gegenteil. Seit Mitte der achtziger Jahre gab es deshalb schon Pläne, die Isar in einigen Abschnitten aus ihren befestigten Ufern zu befreien und zu renaturieren, obwohl dies aufgrund der neuen Bebauung damals für unmöglich gehalten wurde. Von 2000 bis 2011 wurde die Isar bereits auf einer acht Kilometer langen Strecke zwischen der Wehranlage Großhesselohe und dem Deutschen Museum naturnah umgestaltet. Inzwischen ist sie einer der beliebtesten Orte für Münchner. "An einem nicht so schönen Sommertag habe ich einer Gruppe aus Norddeutschland den Isarplan erklärt. Ich kam darauf zu sprechen, dass bei schönem Wetter im Hochsommer gewöhnlich kein freier Platz mehr zu finden sei und Leute sich ihr Feierabendbier an der Isar gönnen. In dem Moment kam ein Schwerlastrad einer Münchner Brauerei vorbei und schenkte allen Gruppenteilnehmern ein Freibier aus. Besser könnte eine Führung nicht laufen."

Unabhängig von all den Veränderungen bleibt die Isar ein Lieblingsort vieler Münchner. Sie gilt als eine erfrischende Oase mitten in der Stadt. "Ich war mit der Gruppe auch bei der Weideninsel, deren Betreten zum Schutz der Tiere verboten ist. Bootsfahrten sind in dem Gebiet ein Tabu. Ausgerechnet in diesem Moment kam ein junger Mann mit Schlauchboot, Campingausrüstung, Grill und Bier und setzte auf die Weideninsel über, um dort seinen Grillabend vorzubereiten."

Hinter der schönen Landschaft stecken zahlreiche Arbeitstage. Und damit ist man wieder im Wasserwirtschaftsamt in der Heßstraße 128. "Wasser gehört niemandem, oder Wasser gehört allen", bekräftigt Gauda. Seit dem Mittelalter wurden Wassermühlen durch die Wasserkraft der Isar angetrieben und Flusswasser in kleinere Mühlkanäle abgeleitet. Die Stadtmühlen sind verschwunden, Nachfolger sind die Wasserkraftwerke im Stadtgebiet, deren Wassernutzung vertraglich festgelegt ist. "Natürlich wollen Firmen wie Uniper und SWM, was auch logisch ist, das ganze Wasser verwenden, denn jeden Kubikmeter Wasser, den sie nutzen dürfen, bringt ihnen Geld. Im Gegenzug dieser wirtschaftlichen Nutzung muss aber ein Ausgleich im Rahmen ökologischer Maßnahmen stattfinden. Zahlungen und Arbeiten werden von uns grundsätzlich koordiniert und durchgeführt." Wieviel Geld Firmen jeweils beisteuern oder selber investierten, könne man pauschal nicht sagen. "Das wird in jedem Einzelfall entschieden."

Auch die Bevölkerung hat einen Anspruch auf das Wasser. So entstanden die Bäche im Tierpark, der Eisbach im Englischen Garten und der Schwabinger Bach, die künstlich angelegt wurden und in denen das Wasser der Isar weiterfließt. "Das sind rein ästhetische Gründe. Als man damals den Englischen Garten errichtet hat, war ein Bach ein schickes Landschaftselement. Dafür sind die Park- und Schlossverwaltung zuständig, mit der wir eng zusammenarbeiten. Wir als Wasserwirtschaftsamt kümmern uns um die Isar als Fluss selber und versuchen so viel Wasser wie möglich aus den verschiedenen Kanälen und Bächen zurückzuleiten", beteuert Gauda. "Alle paar Jahre gibt es neue Verhandlungen. Mit dem Bau des Isar-Plans konnten wir da eine Regelung treffen, dass in der Isar nicht wie üblich fünf Kubikmeter Wasser eingeleitet werden, sondern mittlerweile wieder 12 bis 17 Kubikmeter, was den Fischen und der Bevölkerung gleichermaßen zugutekommt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Isar im Beton-Korsett hat das Problem verschärft
Autor
Vanessa Damian
Schule
Asam-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.03.2016, Nr. 73, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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