Schnitzen am Pilatus

Mit dem sorgfältig nach hinten gekämmten weißen Haar und der modernen Metallbrille sieht Josef Stocker eher aus wie ein pensionierter Modeberater als wie ein Alpöhi. Dabei ist er einer der ältesten noch produzierenden Schweizer Alphornbauer. Der 74-Jährige besitzt einen Einmannbetrieb, eingebettet in die malerische Kulisse des Luzerner Hausbergs Pilatus. Seine Werkstatt liegt versteckt hinter einem Wald oberhalb der Kleinstadt Kriens auf einer Höhe von 620 Metern und bietet einen Ausblick auf die Hügellandschaft und den Vierwaldstätter See. Sobald man den Lagerraum betritt, empfängt einen der Geruch von frischem Holz und Sägemehl. An den Wänden hängen etliche Alphörner, und jedes denkbare Alphornersatzteil ist in der Werkstatt zu finden. Draußen pfeifen Vögel, es riecht nach den Kühen, die neben dem Holzhaus mit den roten Fensterläden weiden.

1971 gründete er seine Firma, die er nach sich selber und nach der tourismusträchtigen Kantonshauptstadt benannte: Alphorn Stocker Luzern. Swiss Made Alphorn steht in seinem Firmenlogo. Anfangs besaß der gelernte Schreiner eine großräumige Schreinerei mit sieben Mitarbeitern. "Eines Tages kam ein Bastler, der Miniaturalphörner herstellte, in meine Werkstatt und bat mich um Hilfe." Andere Schreinereien hatten ihn abgewiesen, da sie keine konischen Löcher bohren konnten. Stocker nahm die Herausforderung an und den Bastler in seine Firma auf. "Als dieser dann pensioniert wurde, führte ich seine Idee weiter und sattelte schon bald auf richtige Alphörner um."

Nach seiner Pensionierung stellte er auf einen Einmannbetrieb um. "Heute habe ich fast dieselbe Effizienz erreicht wie damals mit zwei bis drei Mitarbeitern", erzählt der Innerschweizer stolz. Stocker richtet sich nicht nur an die Schweizer Alphornszene. "Früher verkaufte ich meine Alphörner in die ganze Welt, sogar bis nach Japan. Heute konzentriere ich mich vor allem auf die einheimische Kundschaft. Knapp zehn der fünfzig jährlich produzierten Alphörner gehen aber immer noch ins Ausland."

Er baut die Hörner in der in der Schweiz gebräuchlichen Ges-Stimmung in einer Länge von 3,40 Metern, aber auch solche in der in Deutschland verbreiteten F-Stimmung mit einer Länge von 3,60 Metern. "Mir ist es wichtig, der Tradition des Alphorns treu zu bleiben, daher stelle ich meine Alphörner seit 30 Jahren auf dieselbe Art und Weise her."

Die Qualität des Holzes ist entscheidend für den Klang des Instruments. Josef Stocker achtet streng darauf, dass sich weder Astlöcher noch Harzeinlagerungen im Holz befinden. Schließlich muss das Holz grob ausgehöhlt werden, damit es gleichmäßig trocknen kann. Danach lässt er das Holz kurz an der Luft vortrocknen und lagert es später etwa vierzehn Tage in einem speziellen Trocknungskeller. "Ist das Holz nicht vollständig ausgetrocknet, verzieht es sich im Lauf der Jahre, und das Instrument wird unspielbar." Dann schneidet er den Fichtenstamm von Hand auf, höhlt ihn aus und verleimt die beiden Hälften später. "Genauigkeit ist der wichtigste Punkt beim Alphornbau." Er arbeitet von Hand und extrem vorsichtig, denn zum einen müssen die einzelnen Stücke exakt aufeinanderpassen, und zum anderen muss das etwa drei Meter lange konische Rohr eine konstante Wanddicke haben.

Stocker arbeitet so genau, dass er bei den Messingverbindungen zwischen den drei Teilen des Alphorns auf die Gummidichtungen verzichten kann. Das ist von Vorteil, weil diese jeweils rasch ersetzt werden müssen. Um dem Alphorn den typischen runden, mächtigen Klang, ein schönes Aussehen und lange Haltbarkeit zu verleihen, umwickelt er es stramm mit Peddigrohr, einem Material aus der malaiischen Rattanpalme, und verziert es mit liebevollen Malereien von Edelweiß, Enzian und Alpenrosen.

"Grundsätzlich ist die Nachfrage weder gestiegen noch gesunken. Einzig die Alphornspieler sind jünger geworden. Mittlerweilen kann Alphorn sogar an der Musikhochschule in Luzern belegt werden. Noch vor 20 Jahren wäre dies undenkbar gewesen." Sein persönliches Lieblingsalphornstück ist "Uf de Bänklialp". "Das ist das offizielle Stück der Zentralschweiz. Jeder hier kann das spielen."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Schnitzen am Pilatus
Autor
Lina Ringli
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.04.2016, Nr. 78, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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