Auf der Suche nach dem schönsten Euter

Auf einem Parkplatz im ländlichen Bäretswil, einer Gemeinde mit knapp 5000 Einwohnern im Kanton Zürich, stehen 180 braune Kühe. Um 1880 lebte die Hälfte der Bevölkerung dieser Schweizer Gemeinde von der Textilindustrie. Heutzutage kann man in den alten, nicht modernisierten Fabrikgebäuden eine der ehemaligen Spinnereien besichtigen, Doch an diesem Samstag besuchen die Zürcher Oberländer die alljährliche Viehschau. Kurz vor Mittag trudeln Frauen, Männer und Kinder ein und gehen am Muhen und Glockengebimmel vorbei. Da riechen sie schon Bratwürste, Raclettekäse und Pommes frites.

Auf den zwölf Bauernbetrieben wurden am Vortag die besten Kühe ausgesucht und geputzt. Am Samstagmorgen hilft dann die ganze Bauernfamilie, den Kühen Halfter anzuziehen. "Einige Bauer schmücken die Kühe noch mit Blumen und ziehen ihnen Glocken an", erzählt Bauer Rudolf Rüegg, Anschließend werden die Tiere in Anhängern zum Schulhaus Letten transportiert.

Die Leute vom Morglenhof in Adetswil treiben ihre Kühe jedoch zu Fuß an den Veranstaltungsort. Eine Stunde lang sind sie auf Wiesen und Straßen unterwegs. Auf dem Parkplatz werden die Kühe in neun Gruppen an Eisenbalken angebunden. Das Jungvieh wird gemäß Alter in drei Kategorien eingeteilt, darauf folgen fünf Kategorien, die nach der Anzahl Abkalbungen bestimmt sind, und schließlich gibt es noch die Dauerleistungskühe, das sind Tiere mit mehr als fünf Abkalbungen.

Von neun Uhr an wird das Braunvieh in den Altersabteilungen den Experten vorgeführt. Martin Gafner und Roman Auer beurteilten die Kühe nach Schönheitsmerkmalen. Welches Tier hat das schönste Euter? Welches ist die Kuh mit der besten Beckenneigung? Solche Fragen stellen sich die Experten und vergleichen die Kühe. Nach genauem Abwägen entsteht für jede Alterskategorie eine Rangliste, zuoberst jeweils das Tier mit dem besten Gesamtbild. Gafner und Auer sind beide Bauern. Sie haben einen zweitägigen Kurs besucht, um jeweils im Herbst an verschiedenen Viehschauen die Tiere aus neutraler Sicht zu bewerten. "Bringen die Bauern gute Kühe mit, ist es nicht sehr schwer, die beste auszuwählen. Es ist schwieriger, wenn die Qualität nicht so gut ist", meint Roman Auer. Beide mögen diese Arbeit. "Die Freude an der Braunviehzucht und die Freude an der Herausforderung", sind laut Martin Gafner die Gründe, weshalb sie das machen. Sie sind überzeugt, dass ihre Arbeit wichtig ist für die Tradition und das Image der Landwirtschaft. Denn ohne Experten gäbe es auch keine Viehschauen, und somit könnten die Bauern sich und ihre Viehhaltung nicht mehr mit den anderen aus dem Dorf vergleichen.

Bis zum Mittag ist für jede der neun Alterskategorien eine Rangliste entstanden. So weiß jeder Bauer, welche Kühe überhaupt eine Chance auf den Sieg bei den verschiedenen Disziplinen am Nachmittag haben. Nun haben auch die Bauern eine Pause. Sie lassen die Kühe allein zurück und überqueren die Straße. Auf einer Wiese streicheln einige Kinder die weißen Schafe, die meckernden Ziegen und die Kälber, die für den heutigen Anlass hergebracht wurden. Ein paar Schritte weiter oben beginnt die Festwirtschaft. Wo normalerweise Schüler herumtoben, kann man heute frisches Raclettebrot oder Grilliertes kaufen. Wegen der Kälte sind diese Essensstände aber weniger beliebt als das Menü, das in der danebenliegenden Turnhalle serviert wird. Hier sitzen rund 500 Dorfbewohner, Interessierte, Neugierige und Bauern an Festtischen gemütlich, wenn auch etwas eng beisammen. "Wir mussten warten, bis ein Sitzplatz frei wird", betont ein Ehepaar. Nach einem traditionellen Gericht, Kartoffelstock mit Hackbraten und Sauerkraut, genießen die Leute noch einen Kaffee, ein Kuchenstück, eine Meringue oder eine andere Nachspeise. Neben dem Dessertbuffet verkaufen Bäuerinnen hausgemachte Marmelade, Zöpfe, Gebäck, Gemüse und Früchte.

Plötzlich leert sich die Sporthalle, denn um 13.30 Uhr beginnt der Kälberwettbewerb. Im Nieselregen führen zehn bäuerlich angezogene Kinder je ein Kalb vor. Die Kinder versuchen, mit den Tieren, die sie gut am Strick halten, auf dem Sägemehl einen Kreis zu drehen, um sie stolz dem Publikum vorzuführen. "Jedes Jahr wird ein Verein aus Bäretswil angefragt, als Laienjury die Kälber und Kühe zu bewerten und zu rangieren", erklärt Rüegg. Dieses Jahr sind es acht Hobbyköche, die miteinander über die braunen, roten und schwarzen Kälber diskutieren. Schließlich krönen sie das auffallend dunkelbraune, von einem Mädchen geführte Kalb, das als einziges der Tiere eine rot-weiße Rosette als Auszeichnung ans Halfter bekam. Beim nächsten Programmteil vergibt die Expertenjury den Schön-Euter-Preis an die Kuh mit der gleichmäßigsten Zitzenverteilung und einer korrekten Zitzenlänge, also einem Euter, das über der Kniebeuge ist.

Danach wählt die Laienjury die Miss Bäretswil. Jeder Bauer darf eines seiner Tiere in den Ring führen, und die Jury macht sich Gedanken, welches ihrer Meinung nach die schönste Kuh ist. Da es eine Laienjury ist, wird nicht groß auf das Euter oder den Körperbau der Tiere geschaut, sondern darauf, welche Kuh am schönsten aussieht. "Fast sicher wird eine Kuh mit Hörnern ausgewählt", ahnt Bauer Rüegg. Und prompt fällt der Sieg auf eine von den beiden gehörnten Kühen. Der Bauer im Edelweißhemd erklärt: "Wegen der Unfallgefahr und weil sich die Tiere zum Teil gegenseitig verletzen, enthornen heutzutage die meisten Bauern ihre Kühe."

Anschließend folgt der Mutter-Tochter-Cup. Grundsätzlich versuchen Bauern immer, durch gezielte Paarung Zuchtfortschritte bei jüngeren Generationen zu erlangen. Heute präsentiert jeder Betrieb jeweils eine Mutterkuh und deren Tochter, und die Experten rangieren die Kühe nach Ausmaß des Unterschieds zwischen der Mutter- und Tochterkuh. Die Tiere, bei denen die größte Zunahme bezüglich des Euters und des Körperbaus zu sehen ist, gewinnen eine rustikal verzierte Glocke. Zum Schluss wird noch die Champion-Kuh von den beiden Experten ausgewählt. Im Gegensatz zur Laienjury wird nicht einfach auf die äußere Erscheinung geachtet. Die Experten diskutieren lange miteinander und vergleichen die Euter, das Becken, wie die Kuh dasteht und viele andere Eigenschaften der einzelnen Kühe. Endlich entschließen sich die Experten und verkünden den Sieger: Marina.

Die Viehschau präsentiert der Dorfbevölkerung eine gelebte Tradition. Leider hat es von Jahr zu Jahr weniger Kühe an der Schau. "Die Tendenzen sinken", sagt Bauer Roger Scherer. "Das ist schade, denn der Anlass ist eine gute Sache für die Bevölkerung von Bäretswil."

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf der Suche nach dem schönsten Euter
Autor
Mirjam Rüegg
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.04.2016, Nr. 78, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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