Schüler und Ziegenkäseproduzent

Die Hühner picken im Gras nach Nahrung oder plustern sich in ihrem Freilaufgehege unter einem wolkenlosen Himmel. Enten dümpeln im Bach, Ziegen grasen mit ihren Jungtieren auf der Weide hinter dem Hof. Auf dem Bauernhof der Familie Würtz in Dierbach im Landkreis Südliche Weinstraße in Rheinland-Pfalz ist das noch Realität. Hier lebt Felix Würtz, ein 16-jähriger Schüler und Ziegenkäseproduzent, mit seiner Familie. Äußerlich ähnelt der junge Mann in Jeans mit Brille und braunen Haaren seinen Altersgenossen. Nur die robusten Arbeitsschuhe fallen auf. Der Betrieb wird von seinem Vater Bernhard, der hauptberuflich Schulsozialarbeiter ist, im Nebenerwerb bewirtschaftet.

An seinem elften Geburtstag bekam Felix seine erste Ziege geschenkt und begann seit diesem Tag die Ziegenmilch zu Käse zu verarbeiten. Was als Rettung der nahrhaften Milch vor dem Wegwerfen begann, endete mit der Käseproduktion zur Aufbesserung des eigenen Taschen-gelds, erzählt der Schüler. Er hilft gerne auf dem Bauernhof mit, aber seine Hauptaufgabe ist die Versorgung seiner Ziegen. Täglich füttert, tränkt und melkt er sie. Im Sommer treibt er sie auf die Weide, und im Winter, wenn die Tiere im Stall stehen, mistet er diesen aus. Zu einer Art Sport scheint der junge Ziegenwirt das Melken auserkoren zu haben. In dieser Disziplin ist er einer der Schnellsten auf dem Hof. Nur eine Minute und 16 Sekunden benötigt er, um zwei Liter Milch von einer Ziege zu erhalten.

Fast jeder, der im Urlaub auf einem Bauernhof schon einmal selbst Hand anlegen durfte, weiß, wie schwierig das Melken sein kann. Felix' ebenfalls landwirtschaftlich interessierte Bekannten tauschen sich daher gerne mit ihm aus. Anders sei es in seiner Schulklasse, dort könne man seine Interessen oft nicht nachvollziehen. Über mitgebrachten Käse zum Klassenfrühstück würden sich trotzdem alle freuen. "Meine Klasse hat nie über mich gelacht, aber fragte öfters, ob die Arbeit mit den Tieren nicht zu viel für mich sei", berichtet Felix. Seine Begeisterung überrascht, da laut einer Umfrage des Internetportals Statista im vergangenen Jahr der Beruf des Landwirts mit 22 Prozent auf dem fünften Platz der zehn unbeliebtesten Berufe in Deutschland steht. Den Grund für die häufige Abneigung der jüngeren Generationen gegenüber diesen Berufen sieht Felix in Vorurteilen. Viele seien überzeugt, dass man als Land- oder Viehwirt den ganzen Tag arbeiten müsse und kaum Geld verdiene. Dass die Realität manchmal auch anders aussehen kann, verlieren besonders jüngere Menschen leicht aus den Augen.

Außerdem bemängelt der Schüler, dass dieser Beruf, der ein wichtiges Standbein unserer Gesellschaft bildet, oft geringschätzt wird und unter der Bezeichnung Bauer deklariert wird. Dieses Wort habe seit dem Mittelalter eine abwertende Wirkung, da zu dieser Zeit der Beruf mit einem niedrigen sozialen Stand verbunden war.

"Man muss für diesen Beruf mehr Werbung machen und über Vorurteile aufklären, um wieder mehr Interessenten zu finden", sagt Felix Würtz. In Rheinland-Pfalz gibt es immer weniger landwirtschaftliche Betriebe: Waren es 1950 noch 200 000 Höfe, waren es nach Angaben des SWR 2014 nur noch 19 000 Höfe, die Anzahl halbiert sich alle 20 Jahre. Diese Entwicklung birgt Herausforderungen. Eine davon besteht darin, immer mehr Menschen auf gleich bleibender Fläche zu ernähren. Laut Deutschem Bauernverband erzeugte ein Bauer im Jahre 2012 Nahrungsmittel zur Ernährung von 129 Menschen, wohingegen er 1950 nur Nahrung für 10 Menschen produzieren musste. Ein Hektar brachte vor etwas mehr als 100 Jahren etwa 18,5 Dezitonnen ein. Heutzutage liegt der Ertrag viermal so hoch bei 74,1 Dezitonnen.

Der Druck auf die Landwirte wird durch neue Auflagen und Anforderungen stetig höher, wohingegen der Preis oft nicht dem Arbeitsaufwand entspricht. Landwirte sind nun Manager ihrer immer professioneller werdenden Betriebe. Wer keine Nischen besetzen kann, wie zum Beispiel mit der Ziegentierhaltung, muss sich diesem ungeschriebenen Gesetz unterwerfen.

Felix lässt sich von solchen Fakten nicht beunruhigen. Für ihn steht der ganz besondere Reiz der Viehwirtschaft und die abwechslungsreiche Arbeit mit den Tieren im Vordergrund. "Klar sind sie Nutztiere, aber man baut trotzdem eine Beziehung zu ihnen auf. Das gibt es bei einer Pflanze nicht", sagt er. Wenn die Tiere zu alt für die jährliche Befruchtung sind, die die Milchleistung erhalten soll, werden sie geschlachtet. Das fällt Felix nicht immer leicht.

Seiner Meinung nach verkümmere das Wissen über die Land- und Viehwirtschaft und im Allgemeinen über die Natur zusehends in der Bevölkerung, das sei in der Stadt wie auch auf dem Land gleich. Dagegen setzt sich der "Lernort Bauernhof" ein, oft nehmen Schulklassen an diesen Programmen teil. Bei einer dieser Mitmachaktionen bestellen die Teilnehmer ihr eigenes Feld, um die Ernte einzubringen. Außerdem werden, wenn erwünscht, Erkundungstouren über den Hof gemacht. Begeistert berichtet Felix von einer Klasse, die den Hof im vergangenen Jahr besucht hat. Die Schüler sollten mit einer Schnur schätzen und abmessen, wie viel Raum einem Schwein in der konventionellen Masthaltung und wie viel auf dem Hof der Familie Würtz zur Verfügung steht. "Da haben sich aber einige ganz schön verschätzt." Die Schüler würden so lernen, woher ihr Essen stammt und mit welchem Arbeitsaufwand die Produktion verbunden ist.

Ein weiterer Programmpunkt für kleinere Gruppen ist die Ziegenmilchverarbeitung. Den Ziegenkäse stellt Felix selbst von Hand in der hofeigenen Küche her. Die aufwendige Produktion nimmt mehrere Stunden in Anspruch, erfordert Geduld und präzise Einhaltung der Arbeitsschritte. Nächsten Herbst kommt Felix seinem Traum vom eigenen Betrieb wieder einen Schritt näher. Dann beginnt er eine Ausbildung zum Land- und Viehwirt an der Landwirtschaftsschule in Ettlingen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Schüler und Ziegenkäseproduzent
Autor
Anna Fribiczer
Schule
Gymnasium im Alfred-Grosser-Schulzentrum , Bad Bergzabern
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.04.2016, Nr. 84, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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