Klingender Zauberberg

Eine halbe Stunde muss man für den Aufstieg rechnen, denn einen Bus gibt es nicht, um auf den 603 Meter hohen Tafelhügel oberhalb des Bieler Seelandes zu gelangen, doch nicht nur die Abgeschiedenheit macht den Jolimont zu einem magischen Ort. Am Anfang haben immer alle Lagerteilnehmer Respekt vor dem altehrwürdigen Gut, in dessen im holländischen Landhausstil gebauter Villa seit mehr als 50 Jahren Musikferienwochen stattfinden. Dann klingt von überall- her Musik, aus der Küche und dem Salon, aus dem Badezimmer, den Schlafsälen, von den Balkonen und aus dem Garten.

Es wird getanzt, Theater gespielt oder sogar ein Film gedreht. Die Gäste füllen das Haus mit Witzen, Streichen, Gelächter und bezaubernder Musik. Die zwanzigjährige Annina Bühlmann schwärmt: "Auf dem Jolimont gibt es keinen Leistungsdruck. Und egal, wie gut man spielt, jeder wird akzeptiert." Die ein Jahr jüngere Carla Vasella stimmt ihr zu. "Man kann total selbständig arbeiten, niemand wird gezwungen, irgendwo mitzumachen, und man kann selbst entscheiden, wann und wie oft man üben möchte, und trotzdem bekommt man immer Unterstützung, wenn man sie braucht." Die Musik ist beinahe ausschließlich klassisch. Es gibt keine E-Gitarren, aber fünf Klaviere und zwei Flügel. Man kann nicht in die Stadt. Aber wer die Freiheit hat, zu tun, was er möchte, verbringt die Nachmittage lieber am Bielersee oder im Salon. "Es ist einfach eine kleine Welt für sich, in der man vergisst, dass überhaupt noch etwas außerhalb dieses Bergs existiert", sagt die vierzehnjährige Mira Billeter.

Es gibt auch keine großen Lautsprecher oder gar einen Fernseher, nein, dafür gibt es aber im Sommerlager vier Ballabende, an denen manchmal bis vier Uhr morgens Walzer und Salsa zu selbstgespielter Musik getanzt wird. In Kostümen aus den letzten fünf Jahrhunderten sitzen dann Mädchen und Jungen da, warten, bis sich die Flügeltüren zum Cheminee-Zimmer öffnen, hinter denen die ersten Takte des Kaiserwalzers hervorklingen.

Die Familie Gex bewirtschaftet zurzeit in der vierten Generation das Jolimontgut, das im Besitz der Familie de Pury ist. Der Zufall wollte es, dass David Tillmann im Jahre 1961 in einer Gewitternacht die Zwillingsschwester der jungen Frau de Pury kennenlernte, als er mit einigen Kindern in einem ausgemusterten Hotel eines seiner ersten Musiklager veranstaltete. So entstand die Verbindung zum Jolimont, 1963 fand das erste Musiklager in der Villa statt. Kurz danach brachte David Tillmann seine Schulklasse ein paar Wochen auf den Berg und lernte dabei seine zukünftige Frau Regine Tillmann-Pfaehler kennen, mit der er eine Familie und die Jolimont-Schule gründete.

Kinder der sechsten Klasse, vor allem solche mit Schwierigkeiten in der Schule, konnten sich im Semester auf dem Berg neu orientieren, und herausfinden, auf was sie hinarbeiten möchten. Barbara Tillmann, Tochter von Regine und David, erzählt: "Die Kindheit, die wir erlebt haben, war für uns nichts Außergewöhnliches. Im Winter lebten wir in Zürich in der kleinen Wohnung im sechsten Stock und im Sommer auf dem Jolimont, im großen Haus inmitten von Bäumen, Feldern und dem Wald. Jeden Frühling packten wir unsere Sachen." 33 Jahre, bis 1997, bestand die Schule, bevor die Tillmanns sich entschlossen, nur noch Musiklager anzubieten. Geweckt werden die Schüler, damals wie heute, von der Morgenmusik; zu jener Zeit spielte David Tillmann selbst noch im Gang ein Stück auf der Geige, heute sind es die Leiter oder einer der rund 200 Teilnehmer, die in jedem Jahr aus allen Ländern, von Holland bis zu den Vereinigten Staaten, auf den Jolimont reisen.

Kinder und Jugendliche der Musiklager, die erst seit einem Jahr ihr Instrument kennen oder demnächst ihr Musikstudium beginnen werden, bezahlen je nach Lager 580 bis 1050 Schweizer Franken. Und bei jedem einzelnen Lager, egal, ob im Herbst für Kinder von sieben bis zwölf Jahren oder dem Musikwochenende für Erwachsene, die Tillmanns sind immer dabei. Die Warteliste ist ellenlang. Spätestens wenn die letzten Töne von Kreislers Liebesleid verklungen sind, das letzte Mal die Aussicht auf die Dreiseenlandschaft bewundert worden und die Zeit des Abschieds gekommen ist, kullern die Tränen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Klingender Zauberberg
Autor
Christiane Palm
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.04.2016, Nr. 84, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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