Mitten in München die Welle machen

Auf dem Eisbach wird gesurft, und zwar ziemlich entspannt. Vielen geht es um den Sport und nicht darum, vor Publikum die große Show abzuziehen. So wie Wellenreiter Lukas Brunner.

Wie gebannt schaut der kleine Junge auf die Wasseroberfläche. Sein Vater hat ihn auf die Schultern gehoben, damit er besser sehen kann. Doch bei der großen Menschentraube, die sich auf der Brücke und um den Flussabschnitt herum versammelt hat, ist das gar nicht so einfach. Plötzlich geht ein Raunen durch die Menge. Einige Leute klatschen oder pfeifen, und man sieht die Blitzlichter einiger Kameras aufleuchten. Der Junge reckt den Hals. Während sich der Surfer nach einem spektakulären Trick rücklings in die Welle fallen lässt, springt der nächste auf sein Brett.

Die Surfer am Münchner Eisbach neben dem Haus der Kunst an der Prinzregentenstraße ziehen mit ihrem Können nicht nur die Touristen, sondern auch die Einheimischen in ihren Bann. Mit ihren Boards und Neoprenanzügen haben sich ein gutes Dutzend von ihnen zu beiden Ufern des schmalen Flusses aufgestellt und warten, bis sie an der Reihe sind, um auf der Welle ihr Talent zu zeigen. Männer und Frauen, aber auch Jugendliche und Kinder sind unter ihnen. "Es gibt mittlerweile bestimmt 2000 Surfer hier", schätzt Lukas Brunner. Der 19-Jährige steht wegen des Lärms etwas abseits der Welle, er selbst ist heute nicht zum Surfen da. Doch auch ohne das Board, das er neben sich ins Gras gelegt hat, sieht man ihm an seiner gebräunten Haut, den hellen Locken unter der Cap und dem dunklen Kapuzenpulli sofort an, dass er dazugehört. So wird Lukas von einem "Na, alles fit?" unterbrochen und wendet sich lächelnd zwei Männern zu, die für eine kurze Begrüßung herübergeschlendert sind.

Man merkt schnell: "Die Welle", wie sie in München genannt wird, ist kein Ort, an den die Surfer kommen, um im Alleingang eine Show für das Publikum zu bieten. "Ich geh ja hierhin, um zu surfen, und nicht, um irgendein Spektakel für die Leute zu machen", sagt Lukas. Vielmehr sehen es die meisten Surfer als Chance, Menschen mit dem gleichen Hobby zu treffen. Ein Hobby, das in einer Stadt, die so weit entfernt vom nächsten Meer liegt, eher ungewöhnlich ist. "Mein Vater hat zehn Jahre in Portugal gelebt und dort dann angefangen zu surfen, und so bin ich auch zum Wellenreiten gekommen", erklärt er. "Ich meine, jeder hat seine Hobbys, und meins ist halt das Surfen. Ist ein bisschen anders, aber natürlich trotzdem cool." Wenn er gerade Zeit hat, zieht es ihn regelmäßig zur Welle. Zwar gibt es noch zwei weitere Flusswellen im Stadtgebiet, die jedoch kleiner und harmloser sind, aber schon als Anfänger gefiel es ihm an der Eisbachwelle am besten. "Ich war auf den anderen Wellen einmal, aber da war's mir zu langweilig, dann bin ich gleich hierhergekommen", lacht er. Schon damals reizten ihn die immer neuen Herausforderungen und Möglichkeiten an der großen Welle, die sie auch für Surfer aus der ganzen Welt so interessant macht. Was das Flusssurfen angeht, gelten die Münchner und ihr Eisbach vielerorts als so etwas wie Vorreiter.

Bereits in den sechziger Jahren standen hier die ersten Wagemutigen auf selbstgebauten Brettern und versuchten sich so lange wie möglich auf der Welle zu halten. Aus dem Zeitvertreib zum Spaß entwickelte sich im Laufe der Zeit eine richtige Trendsportart. Und das, obwohl man anfangs sogar mit Surfverboten zu kämpfen hatte. Doch nicht nur die Stadt, sondern auch die Welle selbst bereitete oft Probleme. Es kam nicht selten vor, dass sie zu schwach zum Surfen oder überhaupt nicht vorhanden war. So planten die Surfer auf eigene Faust eine Konstruktion aus Holz und Eisenschienen, die die Welle konstant am Laufen hielt und die der sprichwörtliche Schlüssel zum Erfolg wurde. Denn von da an gab es für die Münchner Surfer kein Halten mehr. Wegen der Hingabe, die die Surfer in ihren Eisbach steckten, ist es kaum verwunderlich, dass viele von ihnen heute als richtige Surf-Legenden gelten. "Das ist ganz normal, dass man sich untereinander kennt, vor allem der innere Kreis."

Totale Anfänger findet man eher an den anderen Wellen. "Man sagt immer, dass der Eisbach die Leute abschreckt aber das ist eigentlich nur Spaß, wobei schon ernst gemeinter Spaß." Denn die Eisbachwelle sei selbst für erfahrene Wellenreiter gefährlich. Damit kennt sich auch Lukas aus: "Eine gute Freundin von mir ist fast gestorben. Da sind so große Steinklötze im Wasser, wenn man da drauf fällt, kann man sich schon schwer verletzen. Die Wahrscheinlichkeit, dass du im Meer ertrinkst, ist schon höher, aber hier hast du halt 'ne echt hohe Wahrscheinlichkeit, dir die Schulter zu brechen oder Platzwunden zu holen", erklärt er nüchtern. Trotzdem sieht er auch in den negativen Erfahrungen eine Chance: "Die sind wichtig fürs Surfen. Die muss man auch haben, sonst kommt man nicht voran."

Das Vorankommen allerdings scheint bei Lukas etwas zu sein, was ziemlich gut funktioniert. Er hat schon zweimal hintereinander die Europameisterschaft im Stationary Wave Riding, also dem Surfen auf einer stehenden Welle, gewonnen. Eine hohe Auszeichnung, die er auch noch in seiner Heimatstadt München bekommen hat. Klar, dass er bei so einem Wettbewerb dann auch einige Bekannte trifft. Auf die Konkurrenz untereinander angesprochen, muss er aber lachen: "Gar nicht! Im Finale haben wir trotzdem Späßle gemacht und uns kurz unterhalten. Man surft halt gegeneinander, eigentlich mehr zum Spaß und jetzt nicht, weil man unbedingt den Titel haben will." Am Eisbach selbst ist von so einem Konkurrenzkampf nichts zu spüren. "Jeder pusht sich gegenseitig, jeder unterstützt sich. Es ist eigentlich echt entspannt", sagt Lukas. Das liegt auch daran, dass es nicht wie in anderen Sportarten um viel Geld oder Ruhm geht. "Ich verdiene mir ein bisschen Taschengeld dazu und surfe zum Beispiel auf solchen Contests. Aber richtig beruflich kann man das nicht machen, da ist die Sportart zu klein für." Und vielleicht ist genau dieses ungezwungene Miteinander etwas, das die Welle zu einem Herzstück Münchens macht.

Trotzdem hat Lukas Pläne, die ihn für einige Zeit von seiner Welle fernhalten werden. "Ich geh sieben Monate auf Reisen", erklärt er. Davor hat er aber noch ein paar Dinge zu erledigen. Sein Blick wandert zu seinem alten Surfbrett, das immer noch hinter ihm auf der Wiese liegt. "Ich hab noch haufenweise Boards zu Hause, und ich verkauf die grad alle", lacht er. Schaden kann es wohl nichts, denn auf seiner Route liegen Ziele wie Indonesien, Australien, Neuseeland oder die Fidschi-Inseln. "Es zieht mich halt dorthin, wo die Wellen gut sind."

Informationen zum Beitrag

Titel
Mitten in München die Welle machen
Autor
Nele Klatt
Schule
Asam-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.04.2016, Nr. 90, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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