Gemeinsam gegen den 90 Kilometer schnellen Hornuss

Wunderschön, die Kulisse der verschneiten Glarner Alpen. Sogar das Vrenelisgärtli und der Bächistock sind zu erkennen. Im Gossauer Ried im Zürcher Oberland sind für ein Hornusserturnier zwei Mannschaften zu je 18 Männern zusammengekommen. Die Turnierteilnehmer sind bunt gemischt: Jung und Alt, vom Enkel bis zum Großvater, vom Bauern bis zum Manager. Die Gossauer Mannschaft ist am Schlag. Walter Moser hält einen aus Jurahorn, Kohlefasern und Kunststoff gefertigten, zwei bis drei Meter langen, flexiblen Stecken in der Hand. Mit einer speziellen Technik schwingt er diesen geschickt durch die Luft und trifft das schwarze Flugobjekt, das durch die Luft ins Spielfeld geschlagen wird. Dieses Objekt, Hornuss genannt, ist eine aus Kunststoff gegossene, 78 Gramm schwere Scheibe, die mit voller Kraft aufs Spielfeld geschlagen wird.

Der Hornuss wird mit Lehm auf einer Abschlagvorrichtung, dem Bock, befestigt. Dieser dient als Führungsschiene für den Abschlag. "Kraft, Größe, Beweglichkeit sowie ein intensives Training sind wichtige Faktoren, um große Weiten zu erzielen", erklärt Moser aus Gossau, Spieler in der nationalen B-Mannschaft. Denn je weiter der Spieler den Hornuss schlägt, desto mehr Punkte erzielt er für seine Mannschaft wie auch für seine persönliche Einzelschlägerwertung. Die Schlagweite wird ab 100 Metern pro zehn Meter in einen Punkt umgewandelt.

Die gegnerische Mannschaft steht im trapezförmigen, 200 Meter langen Spielfeld dem Schläger gegenüber. Ihre Aufgabe ist das sogenannte Abtun, das Abfangen des geschlagenen Hornusses mit Hilfe einer Schindel innerhalb oder außerhalb des Spielfeldes. Die Schindel ist ein 60 mal 60 Zentimeter großes Brett aus Eschen- oder Ulmenholz, das etwa vier Kilogramm wiegt und an eine Bäckerschaufel erinnert. Der mit 90 Stundenkilometer heranfliegende Hornuss muss am Himmel gesichtet, seine Flugbahn richtig eingeschätzt und so früh wie möglich gestoppt werden. "Gemeinsamkeit, gegenseitige Unterstützung, Kondition, Reaktion und Mut sind die Voraussetzungen, um den heranfliegenden Hornuss abzutun", erklärt Moser.

Die Mannschaften treten wechselweise zum Schlagen und zum Abtun an. Wer beim Abtun weniger Hornusse ungestoppt zu Boden fallen lässt, kann, trotz niedriger Punktezahl beim Schlagen, das Spiel gewinnen. "Die Gemeinsamkeit der Mannschaft beim Verteidigen wird somit über die individuelle Schlagleistung gestellt." Die Gossauer Heimmannschaft hat heute klar gewonnen und spendiert in ihrer Hütte ein reichhaltiges Zvieri. Bei Süßmost, Bier und Käseplatten sitzen die Gegner beisammen und diskutieren über Hornussen sowie Gott und die Welt.

Das Hornussen gehört neben dem Schwingen und dem Steinstoßen zu den Schweizer Nationalsportarten. Die Geschichte des Hornussens begann im 19. Jahrhundert im Emmental im Kanton Bern. Grundlagen waren alte Schlagspiele und Kriegsspiele, bei denen einer schlägt und einer abwehren muss. Seit man zum ersten Mal gehornusst hat, hat sich das Spiel stetig verändert. Bis heute ist das Hornussen traditionell eine fast reine Männersportart geblieben.

Die Hornussergesellschaft in Gossau wurde im Jahre 1919 von Emmentalern gegründet. Damals war diese Sportart in der Region Zürich noch nicht bekannt. Nach und nach verbreitete sie sich. Schon bald gab es mehrere Hornussergesellschaften im Raum Zürich. "Heute nimmt die Zahl der Vereine leider immer mehr ab, und Gossau ist im Umkreis von 30 Kilometern das einzige Dorf mit einer eigenen Hornussermannschaft. Die Sportart hat viel Konkurrenz durch andere Sportvereine bekommen. Junge finden es viel cooler, Fußball zu spielen, als dem Hornusserverein beizutreten", sagt der 58-jährige Walter Moser etwas wehmütig. Daher haben die Hornusser Angst, dass ihre Sportart aussterben wird. "Die Anzahl Mitglieder nimmt jedes Jahr ab." Den Anfängern wird allerdings auch viel Disziplin und Durchhaltevermögen abverlangt; nur durch Einzelunterricht ist es möglich, das Hornussen zu erlernen.

Die Hornussergesellschaft in Gossau hat heute immer noch die stolze Anzahl von 55 Mitgliedern, wovon 40 aktiv mitspielen. Die Mitglieder sind nach Spielstärke in zwei Teams aufgeteilt. "Das Alter spielt im Hornussen keine Rolle. Bei uns spielen manchmal sogar drei Generationen im selben Team", sagt Moser. Eine Nationalliga-B-Mannschaft und eine 5.-Liga-Mannschaft sind in Gossau vertreten. Walter Moser ist seit 1992 der Präsident der Hornussergesellschaft Gossau. Er hornusst seit seiner Kindheit und ist bis heute leidenschaftlich dabei. "Die Finessen, die Technik und der Teamgeist faszinieren mich." Der Metzgermeister ist im Kanton Solothurn in einer Bauernfamilie aufgewachsen und arbeitet heute in Zürich. Sein Vater war selber Hornusser und verbrachte die Sonntage auf dem Hornusserfeld, wohin er oft auch seinen Sohn mitbrachte. Aktiv dabei ist Walter Moser jedoch erst, seit er 1990 ins Zürcher Oberland gezogen ist. "Ich habe von Anfang an sehr gut getroffen. Das motivierte mich, weiterzumachen." Heute wird er bei jedem Spiel als erster Schläger eingesetzt. "Walter schlägt immer den ersten Hornuss, treffsicher und mit einer guten Länge. Auf ihn kann man sich verlassen", loben seine Kollegen.

Neben den beiden Erwachsenenmannschaften gibt es in Gossau auch eine Nachwuchsmannschaft. Im Sommer wird zweimal die Woche auf dem Feld im Gossauer Ried trainiert, im Winter wird meist nur alle 14 Tage in einer Indooranlage gespielt. Da es in der Schweiz nur noch vereinzelte Nachwuchsmannschaften gibt, reisen die Gossauer Junioren im ganzen Land herum, um an Turnieren teilzunehmen. So zum Beispiel 2014 zum Hornusserfest der Junioren nach Biel, das die Gossauer für sich entscheiden konnten. "Unser Nachwuchs hat an der Hornusser Schweizermeisterschaft sogar die Bronzemedaille gewonnen", sagt Moser. Trotzdem freut man sich über jeden neuen Beitritt. "Die einfachen Regeln, der minimale Kostenaufwand, der Reiz des Mannschafts- und Einzelsportes machen das Hornussen zu einem attraktiven und niemals langweiligen Sport für jedermann", wirbt Walter Moser.

Informationen zum Beitrag

Titel
Gemeinsam gegen den 90 Kilometer schnellen Hornuss
Autor
Lynn Jenny
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.04.2016, Nr. 90, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180