Wie Hockey in der Luft

Elaine Kenny hat zwei Lieben: Camogie und Mathematik. Wenn man an einen typischen Lehrer denkt, fällt einem selten ein sportlicher Mensch ein. Und bei jemandem, der Irland-Meisterin in Camogie geworden ist, würde einem kein Lehrer in den Sinn kommen. Aber genau das trifft auf Elaine Kenny zu. Mit ihrem lockigen Haar und freundlichen Gesicht sieht sie aus wie eine Sportlerin, die arbeiten muss. Sie ist Ende 20, hat helle, wache Augen und viel Humor. Im Unterricht trägt sie stets Laufschuhe mit Jogginghose und einem Pullover. Camogie ist die weibliche Form von Hurling. Es ist der schnellste Feldsport der Welt. Ein wenig sieht das Spiel aus wie Hockey in der Luft.

Camogie und Hurling gehören neben Handball, Rounders und Gaelic Football zu den Gaelic Games. Hurling wird schon seit mehr als zweitausend Jahren gespielt, die weibliche Variante Camogie gibt es seit 1903. Es wird auf einen Feld, das 130 bis 145 Meter lang und 80 bis 90 Meter breit ist, gespielt. An jeder Seite des Feldes steht ein H-förmiges Tor. Ein Tor zählt drei Punkte, und wenn man den Ball über die Querlatte schlägt, zählt es einen Punkt. Camogie wird mit "Caman und Sliotar" gespielt, so nennt man die Schläger und den Ball. Zwei Mannschaften zu je 15 Spielern spielen zweimal 30 Minuten. Seit 2010 besteht Helmpflicht beim Spiel und im Training, denn Camogie ist ein extrem gefährlicher Sport. Wegen der schweren Holzschläger und der Schnelligkeit des Spiels sind Verletzungen nicht selten. Sogar Augen wurden schon ausgeschlagen. Nicht unbedingt der Sport, den man einem kleinen Mädchen nahelegt. "Ich war sieben Jahre alt, als ich begann. Ich hatte keine Chance, meine ganze Familie spielte Camogie oder Hurling", gibt Elaine lachend zu.

Kilkenny, die Grafschaft, in der sie geboren wurde, ist verrückt nach den Gaelic Games. Diese Spiele sind in der Geschichte Irlands unter der britischen Besatzung oft verboten worden, doch haben sie sich immer behauptet. Besonders stark wurden die gälischen Sportarten seit der Gründung der Gaelic Athletic Association for the Preservation and Cultivation of national Pastimes (GAA) 1884. Die Gaelic Games wurden zum Ausdruck des Widerstands gegen die Briten. Aus dem GAA sollten sich später die Männer rekrutieren, die zur Befreiung Irlands beitrugen.

Elaine Kenny, die für Piltown im Süden von Kilkenny spielt, sieht die Gaelic Games in den vergangenen Jahren populärer werden. "Camogie und Hurling sind zwar noch nicht ganz so beliebt wie gälisches Football. Das liegt wohl daran, dass man dafür weniger Ausrüstung braucht", sagt sie mit Augenzwinkern. Die Popularität von Camogie wächst jedoch. Elaine erklärt das mit der Irishness: "Es gibt jetzt Vereine in London und Dubai, in denen emigrierte Iren spielen, um sich irischer zu fühlen." Camogie und Hurling werden exportiert und zu globalen Sportarten, die Iren eine Heimat im Ausland geben.

Jedes Jahr im September wird in Irland von nur einer Sache gesprochen: von den "All Irelands". Das sind die Endspiele der besten Hurling-, Camogie- und Gaelic-Football-Mannschaften im Land. 2015 spielte Piltown das Finale des Mittelstufe-Camogieverein-Wettbewerbs in Croke Park, dem größten Stadion in Irland. Elaines Mannschaft wurde Ireland-Sieger. Für die Iren ist das All Ireland in Croke Park gleichbedeutend mit Maracanã für Brasilianer oder Wembley für Briten. 82 000 Fans kommen jeden September nach Dublin, um die Spiele zu sehen. Gibt es nach Elaine Kennys Sieg des All Ireland noch etwas, das sie in diesem Jahr gewinnen könnte? "Eigentlich nicht. Wir haben jetzt mehr als ein Jahr gespielt. Wir sind müde. Wir sind berufstätig, und wie alle Gaelic-Sportler werden wir nicht fürs Spielen bezahlt. Nächstes Jahr werden wir nochmal probieren, dasselbe zu machen, klar, aber dieses Jahr sind wir fertig", bekennt Elaine bescheiden.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Wie Hockey in der Luft
Autor
Nick Carswell
Schule
St. Kilian's Deutsche Schule Dublin , Dublin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.04.2016, Nr. 90, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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