Der Beruf des Flussfischers hat seine Haken

Ortstermin bei Fisch-Inge in Schweinfurt. Das traditionsreiche Familienunternehmen kämpft mit Schwarzfischern, die an Stellen angeln, wo die Dittmars ihre Netze und Reusen auslegen. Forellen, Saiblinge, Karpfen und Waller kaufen sie dazu.

Wenn man an einen Fischladen denkt, dann sieht man vor dem geistigen Auge eine Ladentheke mit viel Glas, die mit Eis gefüllt ist, darauf Fische aller Art. Beim Fischhaus Dittmar in Schweinfurt, gelegen am Fischerrain, nah am Main, ist dies ganz anders. Überall an den Hauswänden hängen oder stehen Angebotstafeln, die mit Kreide eng beschriftet sind. Wenn man in das Haus hineingeht, muss man durch einen typisch fränkischen, schmalen Flur, man entdeckt zwischen noch mehr Angebotsschildern und Zeitungsausschnitten Bilder, auf denen Waller, auch als Welse bekannt, von stolzen zwei Metern Gesamtlänge von Vater Gerhard oder Sohn Frank Dittmar in die Kamera gehalten werden.

Wendet man sich nach rechts, steht man im kleinen Verkaufsraum. Darin befinden sich eine Waage, die nach dem Wiegen selbstklebende Etiketten auswirft, die den exakten Preis für den Fisch angeben. Es gibt viele Regale zwischen den Kisten, in denen der Frischfisch aufbewahrt ist, und fast bis zur Decke gestapelt allerlei, zum Beispiel Plüschtiere und Süßigkeiten, was nicht zum Verkauf steht. Den Traum vom eigenen Ladenlokal machte ihnen, wie es Ingeborg Dittmar, die Chefin, nennt, die "Lebensmittelpolizei" zunichte. "Wir bekamen so viele Auflagen, dass mer g'sacht ham, danke fürs Gespräch." In der Stube sitzt also die in ganz Schweinfurt bekannte "Fisch-Inge". "Manche sagen auch Inge Fisch", stellt sich Inge Dittmar vor. Sie trägt eine rote Brille, auffällige Crocs und spricht mit fränkischem Akzent. Die Frau mit den schwarz-grauen Haaren ist 1950 geboren und hat Metzgereifachverkäuferin gelernt. In der Lehrzeit erzählt sie, habe sie selbst ausgebeint und verkauft: "Schweinemett konnt' ich machen. Das war ja kee Problem. Also hab' ich einmal Brotwürscht versucht zu machen. Ich hab etliche Schweinsdärme verreckt gemocht."

Mittlerweile dreht sich bei den Dittmars seit Jahrzehnten alles um Fische. Auf die Frage, ob sie alle Fische selber fangen, antwortet Frau Dittmar: "Nee! Wir kriegen a was g'liefert, beziehungsweise wir holen unner Fischli a selber." Lachsforellen, Forellen und Saibling beziehen sie aus der Rhön, Karpfen kommen aus dem Aischgrund und Waller aus Nordrhein-Westfalen. Andere Fische werden im Main gefangen, vom Gesamtangebot "vielleicht 15 Prozent".

Inge Dittmar war früher Korbballtrainerin, beim Korbball hat sie auch Ende der sechziger Jahre ihren Mann kennengelernt. Er war damals ihr Trainer. Sie erzählt mit Leidenschaft, wie sie ihre Mädchen trainiert hat: "Ich bin eine Honorartrainerin ohne Honorar." Ein ehemaliger Korbball-Trainer-Kollege kommt ins Geschäft und holt seinen Saibling ab. Beide fangen zu plaudern an und wetteifern darum, wer mehr Meisterschaften geholt hat. Inge Dittmar fängt an: "Sechs Meisterschaften in Folge." Sie blättert in einem Vereinsheft. Der Korbballtrainer: "Ja, ich hab aber insgesamt 13 Meisterschaften g'wonnen!" Inge: "Na . . . ich hab 11 Meisterschaften, jetzt kann ich dich aber nix mehr überhol'. Los! Hau Ab!"

Inge und Gerhard Dittmars Sohn, der mittlerweile 45 Jahre alt ist, übernahm vor wenigen Jahren die Flussfischerei. Eine Tochter hätte es nicht gekonnt, da Frauen das in Schweinfurt nach Zunftrecht immer noch nicht dürfen und der Betrieb auf den ältesten Sohn übergeben wird. Gerhard Dittmar bringt das im Grunde auf: "Die Frauen dürfen woanders des doch a. Am Chiemsee, am Bodensee. Es gibt überall Fischwirtinnen . . . nur hier ned. Des g'hört geändert!"

Der Sohn ist mittlerweile der letzte Flussfischer in Schweinfurt von ehemals rund zehn. "Er wollt' von Anfang an Fischer wer'n", versichert Inge Dittmar. "Ich hab zu ihm nur g'sacht, so doof kannst ned amol du sein." Der Beruf hat seine Haken, zum Beispiel die Schwarzfischerproblematik. Viele, die gerne Fisch essen, aber dafür nicht bezahlen wollen, gehen an Stellen, die Familie Dittmar bewirtschaftet, und fischen sie leer. Selbst Reusen werden gestohlen oder Netze gehen kaputt - Netze aus Handarbeit, in denen viel Zeit und Liebe stecken. Denn Gerhard Dittmar beherrscht das Handwerk noch, fachgerecht zu nähen und zu flicken.

An Kunden mangelt es nicht. Es ist ein stetes Kommen und Gehen im Verkaufsraum. Das Fischhaus liefert auch aus. Bis nach Veitshöchheim oder Escherndorf fährt der Pickup zu den Weinlokalen. Auch Dorffeste werden beliefert. Und wann wird gefischt? "Jeden Tag. Wir haben von Wipfeld bis nach Horhausen bei Hassfurt die Fangrechte. Ganz früher war's der ganze Mee, von Bamberg bis Mainz", sagt Gerhard Dittmar. Wie man es vom Wild kennt, gibt es auch eine Schonzeit beim Fisch. In der Laichzeit, je nach Fisch, wird nicht geangelt. Wenn Kunden fragen, wie alt der Fisch ist oder wo er herkommt, witzelt Inge Dittmar: "Der hat 389 Kilometer auf'm Tacho und is im Mee gschwomma."

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Beruf des Flussfischers hat seine Haken
Autor
Amelie Köhler
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.04.2016, Nr. 96, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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