Deutsche Puppen erkennt man an ihren Pausbacken

Es regnet, und der Himmel ist bedeckt. Doch in der Puppenwerkstatt von Meinrad Röösli herrscht eine fröhliche Stimmung. Seit 1987 besteht das Bären- und Puppenspital an der Klosbachstraße 123 in der Nähe des Kreuzplatzes in Zürich. Über der gläsernen Tür steht auf einem schwarzen Schild mit goldener Schrift: "Meinrad's Puppenklinik". Etwa ein Dutzend Winnie-Puuh-Bären thronen auf einem Schrank. Ein knallpinker Teddybär sitzt zwischen zwei Puppen mit geflochtenen Zöpfen. Auf einem riesigen Regal sind Puppen in allen Größen und Hautfarben, von Schneeweiß bis Dunkelbraun. Darunter gibt es handgefertigte Puppenhäuser, die bis ins kleinste Detail der Realität nachempfunden sind. Auf dem Regal stehen vier Pokale, zwei große in Gold und Silber und zwei kleinere in Engelsform.

Die Puppen kommen von überallher aus der Welt. Jede Puppe ist verschieden und hat eine eigene besondere Mimik. "Deutsche Puppen erkennt man an ihren Pausbacken und französische Puppen an ihrer aristokratischen Handhaltung", erklärt Meinrad Röösli. Einige tragen schön verzierte Kleidchen, andere sind nackt. Die Lieblingspuppe des Puppendoktors, die er vor ein paar Jahren zu Weihnachten geschenkt bekommen hat, ist auch unter den Exemplaren. Sie hat rotes gewelltes Haar, meerblaue Augen und trägt ein hellblaues Kleid, das mit weißem Spitzenstoff verziert ist. Mit ihr hat er seine erste Goldmedaille gewonnen.

Im Raum steht ein Regal, gefüllt mit Büchern, und ein Schrank mit Stoffen. Eine Tür führt zu zwei Räumen. In einem davon gibt es ein Regal, auf dem sich Hunderte von selbstgebrannten Porzellanköpfen in allen Größen befinden. Einige sind schon bemalt und besitzen ein makelloses Gesichtchen. Im anderen Raum ist ein ganzes Wandregal voll mit Gipsvorlagen, mit denen ein Negativ hergestellt werden kann. Außerdem besitzt der 68-Jährige zwei Porzellanbrennöfen, die das Porzellan auf 1200 Grad erhitzen können. Beim Brennen wird das Volumen des Porzellans um zehn Prozent verkleinert und gehärtet. Meinrad Röösli trägt Hausschuhe und ein dunkelblaues T-Shirt. Er hat eine schwarze Brille und einen stolzen Schnurrbart. An seinem Kaffee nippend, blättert er in den vergilbten Seiten eines dicken Fotoalbums. Ab und zu huscht ein Schmunzeln über sein Gesicht, wenn er sich an eine spezielle Puppe erinnert, die er geflickt hat. Oder wenn er an die Ladeneröffnung vor mehr als zwanzig Jahren zurückdenkt.

Aus dem Radio tönt klassische Musik. Das Klingeln des Telefons unterbricht diese Melodie. Eine Kundin ruft an. Der gebürtige Luzerner nimmt in der Woche etwa vier bis fünf Aufträge an. Die Bandbreite seiner Kundschaft ist groß: Von halbjährig bis ins hohe Alter bringen die Kunden ihre Lieblinge in die Puppenwerkstatt. Sie reisen von überallher auf der Welt nach Zürich, um ihre Sammlerstücke in die Reparatur zu geben. Manche kommen auch mit der Post: "Manchmal ist das Porto teurer als die Reparatur", schmunzelt Röösli. Der Großteil jedoch kommt aus Europa. "Ich habe viele deutsche Klienten, die in den Ferien nach Zürich kommen. In ihren nächsten Ferien holen sie ihre Puppen dann wieder ab." Größtenteils reagiert die Kundschaft gut, wenn sie ihre Kindheitsbegleiter abholen. Manchmal wird der Puppendoktor sogar angefragt, ob es möglich wäre, die Puppe oder den Bären noch einzukleiden.

"Kinder sind meine heikelsten Kritiker. Sie sagen sehr direkt, was ihnen nicht passt", sagt er. Deshalb sollte man als Puppendoktor kritisch und perfektionistisch sein. "Man muss versuchen, das Bestmöglichste herauszuholen. Wenn die Puppe dem Original gleicht, bin ich zufrieden." Am schwierigsten sei es, die Farbe auszubessern. "Es braucht ein gutes Auge, um wieder genau denselben Farbton zu erhalten. Denn man muss beachten, dass sich die Farbe mit Lack wieder ziemlich stark verändert. Durch den Lack bekommt sie einen gelblichen Stich." Damit die Arbeit ordentlich wird, wendet Röösli genügend Zeit auf: "Ich arbeite nicht gerne unter Druck, deshalb nehme ich keine Massenaufträge an."

Manchmal kommt es auch vor, dass ein Auftrag abgelehnt werden muss. Wenn weniger als 50 bis 60 Prozent des Originals vorhanden ist, lohnt sich eine Reparatur nicht mehr. "Der Besitzer hat viele Erinnerungen durch den Teddybären. Wenn ich eine Kopie machen muss, ist es nicht mehr dasselbe für den Besitzer", meint Röösli. Der Preis für eine Restauration geht von hundert Franken an aufwärts.

Schon als Kleinkind ist er mit Puppen in Kontakt gekommen. Seine Mutter war Damenschneiderin und arbeitete in einem Kostümverleih. Er lernte von ihr zu nähen und kleidete die Ladydolls seiner Schwester mit seinen selbstgemachten Kleidchen ein. Deshalb ist das Nähen eine seiner größten Stärken. Der gelernte Schaufensterdekorateur war in seiner Jugend begeisterter Eiskunst- und Rollkunstläufer. Das habe ihn zum Perfektionisten gemacht.

Eine spezielle Ausbildung zum Puppendoktor gibt es nicht. Sein Wissen hat er sich durch Lehrbücher über die Jahre angeeignet. Früher gab Röösli Kurse, in denen er lehrte, wie man Porzellanpuppen anmalt. Auch nahm er oft in Amerika an Wettbewerben teil, bei denen er seine Kopien von antiken Puppen vorzeigte. Er besitzt an die zwanzig Auszeichnungen und war einige Jahre selber Juror in der Jury. Ein besonderer Auftrag war, als er das Maskottchen für die Lufthansa, den berühmten Kranich, entwerfen durfte. Auf diesen Auftrag ist er mächtig stolz. Jetzt arbeitet er nur noch in seiner Werkstatt oder gelegentlich im kleinen Verkaufsladen im Züricher Niederdorf, schräg gegenüber vom Neumarkt-Theater. "Wenn wir für jeden Menschen, der am Lädeli vorbeigeht und ein Foto macht, je einen Franken bekommen würden, bräuchten wir gar nicht mehr zu arbeiten", sagt er lächelnd.

In seiner Freizeit entwirft er gerne neue Sachen. Seine große Leidenschaft sind alte Schnittmuster. In der Werkstatt arbeitet er mit gewöhnlichen Werkzeugen wie mit einem Bohrer, einer Zange oder einem Draht. Er benutzt oft Perücken aus Kunst- oder Echthaar. Viele Perücken sind aus dem Mohairhaar der Angoraziege gemacht. Am häufigsten muss der Puppendoktor Teddybärpfoten nachstopfen oder den spröden Gummi in den Puppengelenken wechseln. Oft braucht er Ersatzteile, Puppenaugen zum Beispiel. Diese bezieht er von einem Glasbläser aus Lauscha in Thüringen. Röösli und sein Geschäftspartner werden "Meinrad's Puppenklinik" weiterführen, solange ihnen die Arbeit noch Spaß macht und es ihnen ihre Gesundheit erlaubt.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Deutsche Puppen erkennt man an ihren Pausbacken
Autor
Noëmi Meier
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.04.2016, Nr. 96, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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