Unterirdische Klangwelten

Es leiert, aber es funktioniert!", stellt Karl Becker zufrieden fest. Sein 52-jähriger Archivarskollege hat soeben mit Hilfe eines Librophons ein Buch "zum Singen" gebracht. Nun ertönt aus diesem Werk über die Geschichte der Populären Musik leise Boogie-Woogie aus dem 20. Jahrhundert. Till Neurath erklärt, dass ein Librophon wie ein umgedrehter Plattenspieler funktioniert, den man auf Mini-Schallplatten, die im Buch sind, legen kann. Allerdings hat sich diese multimediale Erfindung aus den siebziger Jahren nicht durchgesetzt und ist daher selten. Neurath und Becker arbeiten im Klaus-Kuhnke-Archiv für Populäre Musik, das seit 1991 in der Hochschule für Künste in Bremen beherbergt ist und als ein An-Institut übernommen wurde. Das Archiv wurde 1975 von seinem Namensgeber und zwei weiteren Redakteuren von Radio Bremen gegründet. Nach dem Tod Kuhnkes, der 1988 bei einem Badeunfall ertrank, wurde das Archiv stetig vergrößert.

Becker absolviert ein Praktikum im Archiv. Er schaltet einen flackernden Lichtstrahler an, der eine schmale Wendeltreppe beleuchtet. Im Untergeschoss lagern rund 100 000 Tonträger und mehr als 8000 Bücher und Zeitschriften, die sich mit verschiedenen Musikrichtungen befassen. Mit großen Schritten geht der 28-jährige Student der Musikwissenschaften herunter und betritt die langen, schmalen Gänge. Schallplatten in meterhohen Regalen, die bis zum Gewölbe ragen, unzählige Bücher sowie gestapelte Kartons mit Zeitschriften werden durch die hellen Lichtstrahler sichtbar. Von oben, dem Büro und Arbeitsbereich, klingt immer noch leise Klaviermusik, die aus den Musikräumen der Hochschule schallt.

Was auf den ersten Blick eher unübersichtlich wirkt, hat dennoch eine strikte Ordnung und Struktur. Alle Tonträger sind alphabetisch geordnet, so dass bei Bedarf alles zügig gefunden werden kann. Schließlich sei es, so sagt Neurath, schön, das alles zu haben, aber: "Man muss auch wissen, wo es steht." Entscheidend sei, eine Systematik aufrechtzuerhalten und den Platz optimal zu nutzen.

Becker geht zielstrebig durch die Gänge des Archivs zur "Worldmusic". Er greift in die hohen Regale und zieht eine Schallplatte aus Lateinamerika hervor. "Das ist schon das Besondere in diesem Archiv, dass wir so viele Platten aus der ganzen Welt haben." Interessierte können im Archiv sowohl in arabische Volksmusik von 1988 als auch in afrikanische Musik aus dem letzten Jahrhundert hineinhören. Neurath lacht: "Das ist hier manchmal wie in einem Museum."

Meist wird das Archiv zu Forschungszwecken genutzt. Besonders für Studierende ist es interessant, für ihre Arbeiten Einblick in Zeitschriften zu bestimmten Themen und Künstlern zu erhalten. Das Archiv ist an ein Bibliothekensytem angeschlossen, so dass man deutschlandweit Teile des Bestands anfordern kann. "In Hochzeiten, also während des Semesters, bekommen wir sogar jeden Tag Besuch", sagt Neurath.

Je weiter man den Gängen folgt, desto weniger hört man von der Klaviermusik und dafür umso mehr das Rauschen der Rohre, die am nackten Gewölbe entlanglaufen. Im hintersten Teil des Archivs, dem "Heiligtum", wie Neurath es nennt, lagern all die Tonträger, die noch archiviert und in die Datenbank eingetragen werden müssen. Der Archivar zeigt auf ein großes, schwarzes Gerät. "Das ist unsere Waschmaschine für die Schallplatten, die bekommen hier etwas Shampoo."

Während Becker sich die unzähligen Kartons mit Büchern, CDs und Schallplatten anschaut, stellt er fest, dass "hier die Arbeit nie aufhört". Neurath fügt hinzu, dass man ein Archiv ständig erweitern könne und es nie vollständig sei.

Becker erzählt, dass er sich gar nicht auf eine bestimmte Musikrichtung festlegen könne, sondern "so viele wie nur mögliche" Genres hört. Neurath habe ebenfalls einen vielfältigen Musikgeschmack, aber besonders der Punk-Rock in den achtziger Jahren habe ihn geprägt. Er ist überzeugt, dass man diese Arbeit nur dann machen könne, wenn man wirklich ein großer Musik-Fan sei. Sein Praktikant pflichtet ihm bei und betont, dass sie weitermachen: "Sonst gibt es irgendwann nur die Musik, die es im Internet gibt, wenn kein anderer es aufhebt!"

Informationen zum Beitrag

Titel
Unterirdische Klangwelten
Autor
Miriam Pfeil
Schule
Lilienthal-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.05.2016, Nr. 102, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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