Der Kraft der Musik vertrauen

Spielen, was ich bin. Das ist vielleicht mein Thema." Nachdenklich sitzt Ulrike Scheytt mit einer dampfenden Tasse Rooibos-Tee in einem lichtdurchfluteten Raum der Peregrinus-Herberge Görlitz. Die christliche Einrichtung ist Anlaufstelle für, wie das lateinische Wort "peregrinus" beschreibt, "fremde" Menschen, insbesondere für Pilger auf dem Jakobsweg. In dem großen Zimmer riecht es exotisch. Doch die junggebliebene 60-Jährige ist hier weder fremd, sondern vielmehr als leidenschaftliche Musikerin tätig. Die Orgel in der Herberge dient als Ausgangspunkt für ihren Orgelunterricht, wo sie ihren Schülern das Musizieren und Improvisieren vermittelt. In Schwäbisch Gmünd geboren, zog es sie nach Görlitz, nachdem sie bis 2006 Kantorin einer Eifelgemeinde war und für ein Jahr den Kantor in der Gemeinde Norden in Ostfriesland vertreten hatte. Mit ihrem Beruf ist sie in ganz unterschiedlichen Bereichen tätig. Scheytt selbst liebt dieses "komplexe Präsentsein".

Ihre Aufgaben beschreibt sie ganz genau: "Entwicklung von Konzepten der kirchenmusikalischen Arbeit im Kirchenkreis, Berichte schreiben, 65 Gemeinden betreuen und diese versuchen zu vernetzen, in Berlin präsent sein in meiner Funktion als Kreiskantorin." Da Görlitz zu dem Kirchenkreis Berlin - Brandenburg - Schlesische Oberlausitz gehört, ist Scheytt regelmäßig zu Tagungen oder Fortbildungen eingeladen. Sie kümmert sich enthusiastisch um die Ausbildung in der Popularmusik, spielt leidenschaftlich Konzerte und Gottesdienste an der Orgel. Sie veranstaltet Orgelseminare, Chorprojekte, Gesangsworkshops, Orchesterensembles und gibt musikalische Fortbildungen für Kita-Leiterinnen im Kirchenkreis. "Doch was mir besonders am Herzen liegt, ist das Unterrichten der Schüler an der Orgel, um den Nachwuchs an Organisten in der Zukunft zu fördern."

Nachdem die brünette Frau von 1975 bis 1981 Kirchenmusik, Cello und Klavier in Stuttgart-Esslingen studierte, krönte sie ihre Ausbildung danach mit einem fünfjährigen Psychologiestudium in Trier. "Musik ist vielleicht das Medium, das dem Wort voraus ist, Emotionen transportiert", sagt die kleine Frau entschlossen. "Deshalb kann Musik nicht nur über kognitives Lernen, sondern über das emotionale Erleben vermittelt werden. Sie ist überzeugt, dass, wenn man von Musik begeistert ist, sich der Lernwille und die Frage nach dem "Wie" von allein einstellt.

Zudem ist sie der Meinung, dass rein mechanisches Üben allein nicht ausreiche. "Das Talent sollte gefördert werden. Man muss darauf vertrauen, dass man aus einem Talent schöpft, da die Gefahr besteht, das technische Spiel überzubewerten." Lebendig erzählt sie von einem Kirchenmusiker, der, wenn er ein Konzert spielen muss, zehn- bis zwanzigmal die gleiche Stelle übe. "Da könnte ich so ein Konzert nicht mehr spielen, da fehlt mir der letzte Funken Leidenschaft." Ihr ist bewusst, dass man natürlich Fehler macht, aber sie ermutigt dazu, auf sich zu vertrauen, dass die Botschaft der Musik den Hörer erreicht. "Ich glaub', die meisten haben vor diesem Sprung Angst."

Bestätigt sieht sie sich in vielen Erlebnissen, Erfahrungen, auch im Zusammenhang mit Behinderungen jeglicher Art. "Inklusion ist für mich ein Riesenthema, weil ich ja durch mein Psychologiestudium auch viel mit Musik als Therapie gearbeitet habe und mit behinderten Kindern unwahrscheinliche Erlebnisse hatte."

Zum Beispiel unterrichtet Scheytt einen Schüler mit Legasthenie. Er verwechselt manchmal Buchstaben, aber er ist begabt, intelligent und eifrig dabei. "Ich denke, er profitiert durch das Orgelspiel. Dadurch, dass er Hände und Füße koordinieren muss, wird die Vernetzung der Hemisphären in seinem Gehirn gefördert. Ich habe durch ihn ganz viel gelernt. Denn das gehört auch zu meinem Unterrichtsmodell, dass ich als Lehrer von meinen Schülern lerne."

Weiter erzählt sie von einem Erlebnis nach einem Gottesdienst. Drei Kinder wollten unbedingt an der Orgel spielen. Diese drei Kinder waren so wissbegierig, dass Ulrike Scheytt zwei Stunden mit ihnen an der Orgel verbrachte. "Das mittlere Kind war ein emotional zurückgebliebenes Kind. Dieser Junge konnte vorher nichts, keinen Ton, kein Instrument. Er hat angefangen kreativ zu werden, ohne Druck und nichts, und da hab ich auch gedacht: Das ist es! Wenn du die Türe öffnest, wollen Kinder Perfektion von sich aus." Dabei sei ihr aber auch klar. "Es wird nicht jeder ein Orgelvirtuose, aber dieser Junge wollte immer weiterspielen, bis er es perfekt konnte. Das war einfach schön anzusehen."

Scheytts Modell trägt Früchte. Sechs ihrer Schüler spielen in ihrer jeweiligen Gemeinde im Gottesdienst Orgel. Das macht sie stolz, obwohl sie sicher nicht perfekt spielen. "Ich hab eine unglaubliche Chance hier, dass ich das Vertrauen genieße, dass ich so arbeiten kann, wie ich möchte. Das ist ein ganz großes Geschenk."

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Kraft der Musik vertrauen
Autor
Anna Kißmann
Schule
Augustum-Annen-Gymnasium , Görlitz
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.05.2016, Nr. 102, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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