Beethoven und Jazz am Zürichberg

Musiker aus aller Welt dürfen in seiner Villa üben und spielen. Ein großzügiger Schweizer Pensionär hat mehr als 770 Hauskonzerte ausgerichtet. Notfalls wäscht er nachts auch mal eine Tischdecke.

Das Publikum sitzt voller Vorfreude auf Klappstühlen und wartet gespannt auf die beiden Musiker. Als Irina Vardeli und Adam Mital das übergroße Zimmer betreten, wird es ruhig. Die Pianistin beginnt, und sogleich steigt Adam Mital mit seinem Violoncello ein. Ihre Leidenschaft für die Musik ist spürbar, und sie ziehen das Publikum schon von Beginn an mit der Sonate in F-Dur von Ludwig van Beethoven in ihren Bann.

Der 76-jährige Richard Irniger veranstaltet in seiner privaten Villa am Zürichberg regelmäßig erstklassige Hauskonzerte und unterstützt damit Musikstudenten und Tonhallenmusiker. Aufgewachsen ist der vitale ältere Herr im Nachbarhaus, lebt aber seit sechzig Jahren in dieser Villa und bezeichnet sich selbst als Mäzen. Schon früh hatte er mit Musik zu tun, denn sein Vater spielte leidenschaftlich gerne Klavier. Er selbst begann als kleiner Junge Geige zu spielen. Später war er Bassist in einer eigenen Jazzband. Irniger studierte Betriebswirtschaft und Elektrotechnik. Dank dem Doppelstudium hatte er gute Chancen auf dem Berufsmarkt und konnte beim Elektrokonzern Philips arbeiten. Seit seiner Pensionierung fördert er mit seinem Vermögen und viel Herzblut die klassische Musik. "Ich kann vielen Menschen eine Freude machen, und das ist auch mein Ziel", schwärmt Irniger.

Die Musiker kommen aus verschiedenen Ländern wie der Ukraine, Deutschland, Russland, Japan, China, Südkorea, aber es kommen auch Anfragen aus New York. Für die Musiker stehen im ganzen Wohnhaus Übungszimmer bereit, und es besteht auch die Möglichkeit zu übernachten. "Bei mir wird teilweise bis um Mitternacht geübt. Die Musiker können üben, wann sie wollen, das ist praktisch, denn in einer Wohnung wäre es kritisch, in der Nacht zu üben." Zusätzlich gibt es im Untergeschoss einen großen Raum, der fürs Tanzen und Singen, aber vor allem für Jazzkonzerte gebraucht wird. Die Konzerte finden in einem ehemaligen Wohnraum statt, der zu einem Konzertsaal umfunktioniert wurde. Platz gibt es für eine Hörerschaft bis maximal achtzig Personen. Im Sommer finden auch Serenaden im Garten statt, weshalb extra eine Beleuchtung angebracht wurde.

Am Ende des Konzerts besteht die Möglichkeit, mit anderen Musikbegeisterten und den Tonkünstlern ins Gespräch zu kommen. Irniger organisiert die Hauskonzerte allein, denn er hat keine Frau und keine Kinder. Dies ist zeitaufwendig, denn vor den Anlässen müssen die Daten bekanntgegeben, Einladungen verschickt und die Programme geschrieben werden.

Zudem bewirtet er alle Gäste nach dem Konzert mit einem reichhaltigen Buffet. So verwandelt sich der Konzertsaal kurzerhand in ein kleines Selbstbedienungsrestaurant. Die Gäste helfen beim Zusammenräumen der Klappstühle und Verschieben der Tische. Danach stellen sie sich in der Schlange an, um ans Buffet zu gelangen. Es gibt eine große Auswahl an Salaten, Käse- und Fleischplatten, Ratatouille und Pizza. Zum Dessert gibt es Torten und Mousse au chocolat, die ein Stammgast mitbringt. Obendrein stehen in der Villa sechs Kaffeemaschinen bereit, inklusive Bedienungsanleitung, und ungefähr dreißig unterschiedliche Teesorten. Die Vorbereitung ist zeitaufwendig, doch Irniger macht dies gerne. "Teilweise wasche ich die Tischtücher auch in der Nacht, wenn mehrere Konzerte hintereinander stattfinden."

Begonnen hat alles, als sein Patenkind vor zwanzig Jahren in seiner Villa ein kleines Konzert für ihn auf seinem Flügel gab. Bald darauf fand nochmals ein Konzert statt, dieses Mal jedoch in Begleitung einer Flöte. "Eine Woche später sprach mich meine Patentochter an und sagte, dass ihr Lehrer keinen Raum für eine Musikaufführung habe, und so standen plötzlich zehn Pianisten und Pianistinnen vor meiner Türe."

Mit der Zeit häuften sich die Anfragen. Insgesamt fanden schon 770 Konzerte statt. "Ich kann einfach nicht nein sagen und möchte alle spielen lassen", lacht Irniger, der auch Retter in der Not ist, wenn Musiker in großer Aufregung anrufen, weil sie sich dringend für einen Wettbewerb oder ein wichtiges Vorspiel vorbereiten müssen. Einmal war ein Konzert in der Kirche Fluntern mit einer Cellistin und einem Pianisten angesagt, doch es stand kein Klavier zur Verfügung. Ein Hilferuf genügte, und das Konzert wurde in die Villa verlegt. Zum Teil handelt es sich um Hauptproben vor Auftritten in der Züricher Tonhalle oder in Luzern. Vorbereitung ist für Musiker das A und O. Denn so bekommen sie mehr Sicherheit beim Vorspielen vor Publikum. Gleichzeitig können die Musiker sehen, wie sie und ihre Musik ankommen.

Die Größe des Publikums variiert zwischen zwanzig und achtzig Personen. "Ich habe viele Stammgäste und auch kranke Leute, die nicht mehr in die Tonhalle gehen können und deshalb zu mir kommen. Die Villa ist auch mit Rollstuhl zugängig." Die Anmeldung erfolgt durch eine E-Mail oder einen kurzen Anruf. Die Aufführungen und das nachfolgende Essen sind kostenlos. Am Ende des Konzerts freuen sich jedoch die Tonkünstler über eine großzügige Spende.

"Die Musiker sind für mich eine echte Bereicherung", sagt Irniger, "und sie haben mich jugendlicher gemacht. Ich kann jedem empfehlen, Musiker bei sich aufzunehmen, und für das braucht es keine Villa, denn die sind froh, wenn sie einen Platz zum Schlafen haben."

Informationen zum Beitrag

Titel
Beethoven und Jazz am Zürichberg
Autor
Fabienne Bonino
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.05.2016, Nr. 102, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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