Als der Gauleiter im Grenzdorf Schweigen das Sagen hatte

Besucher bestaunen das Weintor in der Pfalz. Nur die wenigsten wissen, welch fatales Erbe aus Zeiten des Nationalsozialismus sich vor ihnen erhebt.

Es ist ein sonniger Tag, und wieder einmal sind Hunderte von Menschen da, um die schöne Landschaft zu genießen. Im Zentrum der beiden Dörfer Schweigen-Rechtenbach angekommen, steht der Tourist vor einem Tor, aus Stein gebaut, mit einer hölzernen Galerie in der Mitte. Er ist von beiden Seiten umgeben von eingeschossigen Flachbauten, zu seiner Rechten findet sich eine Vinothek. Vereinzelt ist das Klappern der Weinflaschen zu hören, wenn Besucher sie zu ihren Autos transportieren. Ein himmlischer Duft von Gebratenem kommt aus dem Restaurant zur Linken. Eine kleine Bimmelbahn fährt geradewegs auf das Weintor zu. Das weiß-rote Bähnchen verbindet Schweigen und Wissembourg. Jedes Jahr pilgern mehr als tausend Menschen hierher in die "süddeutsche Toskana", um den großen Monumentalbau und die umliegende Landschaft zu bestaunen. Doch nur die wenigsten wissen wirklich, welches fatale Erbe sie in dem Ort an der französischen Grenze bestaunen.

Vor 1933 lagen 80 Prozent des gesamten Weinhandels in der Pfalz in den Händen jüdischer Händler, und die Pfälzer Bauern seien gut damit gefahren, erklärt Oswald Neff, ehemaliger Zollbeamter aus Schweigen-Rechtenbach. Der 76-Jährige beschäftigt sich schon jahrelang mit der Geschichte der Deutschen Weinstraße und des Deutschen Weintors. Als die Nationalsozialisten den jüdischen Händlern verboten, ihre Berufe weiter auszuüben, blieben die Bauern auf dem gesamten Jahrgang sitzen, was zu erheblichen Unruhen führte. "Doch dann kam Gauleiter Josef Bürckel, der alles ändern wollte", sagt Oswald Neff und kann ein leichtes Schmunzeln nicht unterdrücken. Bürckel hatte die Idee, mit der Deutschen Weinstraße und dem Deutschen Weintor die Situation der Winzer in der Region wieder zu verbessern. Schweigen war bewusst gewählt worden, es ist der "Ort, der besonders den Geist der Grenze sprechen lässt", wie es in der Dorffestschrift "1200 Jahre Schweigen" heißt. "Obwohl Weinwerbung und Fremdenverkehrsförderung im Vordergrund standen, so sollte das Ganze aber auch eine Demonstration gegen Frankreich sein, dessen Verteidigungslinie aus Bunkern, auch Maginot-Linie genannt, seit 1932 fertiggestellt war", sagt Neff und erklärt weiter: "Als Tor des Friedens wurde es verkauft, eine gar schändliche Bezeichnung, wie ich finde, wenn man sich überlegt, dass die Kriegspläne 1936 schon in vollem Gange waren." Die Architekten Peter und Mittel aus Landau, die den Architektenwettbewerb gewonnen hatten, sahen zuerst eine weinlaubenartige Konstruktion vor, die die Weinstraße überspannen sollte. Jedoch griff Gauleiter Bürckel persönlich in die Gestaltung des riesigen Monumentalbaus ein. Als Erinnerung an eine mittelalterliche Trutzburg einigten sie sich auf ein großes, steinernes Tor, das die beherrschende Lage genau gegenüber dem Geisberg einnehmen sollte, auf dem am 4. August 1870 die deutsche Armee die Franzosen besiegte und Wissembourg einnahm.

"Das Tor ist offen!", titelte der Pfälzer Anzeiger, eine Zeitung der Nationalsozialisten, und stellte heraus, dass das Tor der deutsch-französischen Verständigung diene, nicht ohne das altbekannte Feindbild gegen Frankreich zu beschwören: "Gauleiter Bürckel ruft zur deutsch-französischen Verständigung auf und reißt den moskowitischen Giftmischern die Maske vom Gesicht", zitiert die erwähnte Dorfchronik die Zeitung. Als 1938 der Westwall gebaut wurde, lag das Tor auf einmal in der Hauptkampflinie. Zu dieser Zeit soll die Weintorgaststätte noch vom Bau des Westwalls profitiert haben, da viele Gäste gezählt wurden. Jedoch änderte sich das mit Kriegsausbruch schlagartig. Schweigen lag mitten in der "Roten Zone", einem rund 400 Kilometer langen und etwa zehn Kilometer breiten Gebiet entlang der deutsch-französischen Grenze im Vorfeld und zwischen den Wehranlagen des Westwalls. Alle Bewohner dieser Zone mussten ihr Dorf verlassen, und somit wurde das Weintor zum Sperrgebiet.

Erstaunlich, dass das Gebäude keine größeren Treffer erhielt. Zwar sehen wir heute noch die Einschüsse von Maschinengewehren, doch richtig zerstört wurde das Tor nie. Einzig und allein die Weintorgaststätte wurde von französischen Truppen mit Panzern niedergemacht, ausgeraubt und schließlich angezündet. Karl Scheib, ein längst verstorbener Bürger, der beim Bau des Weintors geholfen hat, konnte zu dieser Zeit noch Stühle und anderes aus dem fast zerstörten Gebäude mitnehmen und in Sicherheit bringen. Mit angekokelten Lehnen stehen diese Stühle heute noch in den Wohnzimmern einiger Einwohner, als Erinnerungsstücke an eine von Krieg, Leid und Zerstörung geprägte Zeit. Nach Ende des Krieges wurde das Weintor in die anlaufenden Maßnahmen zur Förderung des Fremdenverkehrs eingebunden. Es wurden schnell Maßnahmen getroffen, um Spuren des Nationalsozialismus aus dem Grenzdorf zu entfernen. Angefangen wurde mit dem Abschlagen des Hakenkreuzes durch die Amerikaner. Fremdenverkehr steht nun an oberster Stelle. So steigt der Tourist in die Bimmelbahn, eine Flasche Wein im Gepäck, und fährt nach Wissembourg, um vielleicht auch dort noch etwas über die Geschichte der deutsch-französischen Grenze zu erfahren.

Informationen zum Beitrag

Titel
Als der Gauleiter im Grenzdorf Schweigen das Sagen hatte
Autor
Lena Scheib
Schule
Gymnasium im Alfred-Grosser-Schulzentrum , Bad Bergzabern
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.05.2016, Nr. 107, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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