Nicht mehr namenlos

Der Gemeinderat hat entschieden." "Der Bürgermeister hat mit Absprache des Gemeinderates entschieden." "Der Bürgermeister hat entschieden." Mit diesen Einträgen der Gemeinderatsprotokolle aus den frühen dreißiger Jahren wird eins klar: Jetzt hatte der Nationalsozialismus auch Essenheim erreicht. Die Demokratie wurde abgelöst und durch das Führerprinzip ersetzt. Doch wem nützt so eine Information heute? Reicht es nicht, zu wissen, dass Hitler 1933 die Macht übernahm und die Welt ins Chaos stürzte? "Nein!", sagen 45 Männer und Frauen aus dem 3000-Seelen-Dorf mitten in Rheinhessen. Sie vertreten den Standpunkt, dass jeder noch so kleine Ort eine Historie besitzt, die es wert ist zu erhalten und zu erforschen.

Angefangen hatte alles 1978 mit einem Ortsverschönerungsverein, der 18 Jahre später mit der Wahl eines neuen Vorstandes in einen "Dorf- und Geschichtsverein" umfunktioniert wurde. Die ursprüngliche Aufgabe trat in den Hintergrund, da die Erforschung der Dorfgeschichte an Wichtigkeit gewann. Mit der Verabschiedung der neuen Satzung etablierte sich der Gedanke, "das geschichtliche Gedächtnis Essenheims zu erhalten", wie der damalige Vorsitzende Emil Weichlein es formuliert.

Auch Stefan Mossel teilt diese Überzeugung. Der gebürtige Essenheimer hat bereits in seiner Jugend begonnen, Familienforschung zu betreiben. Er, der oft als "wandelndes Geschichtsbuch" bezeichnet wird, wurde 2009 Vereinsvorsitzender. Die Mitgliederzahl hat sich in nur sechs Jahren fast verdoppelt, die Vorträge werden von immer mehr Menschen besucht. Mossel ist es wichtig, neben mündlich überlieferten Geschichten auch Dokumente und Gegenstände aus früherer Zeit für die Nachwelt zu sichern. Was Weichlein mit Erzählrunden begann, führte Mossel fort, indem er anfing, alles aufzuschreiben. Vor drei Jahren gab der Diplom-Verwaltungswirt das 300 Seiten dicke Buch "Essenheim. Geschichte und Geschichten" heraus. "Die Leute waren überrascht, dass ein Geschichtsverein etwas so Modernes auf die Beine gestellt hatte", sagt Rudolf Blank vom Verein.

Dem Buch folgte zwei Jahre später das erste "Essenheimer Heft", in dem weitere spannende Geschichten niedergeschrieben wurden. "Und es wird nicht das letzte sein", prophezeit Weichlein. "Im Moment haben wir Stoff für mindestens zehn weitere Ausgaben."

Darunter ist zum Beispiel die abenteuerliche Reise des Essenheimer Bauern Jakob Schmahl XVI. zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71. Wie viele andere wurde auch er von den deutschen Truppen dazu verpflichtet, die Soldaten bei ihrem Marsch gegen Frankreich mit Pferd und Karren zu begleiten und zu unterstützen. So passierte es, dass er mit seinem Gespann mehr als 500 Kilometer zurücklegte und es bis kurz vor Paris schaffte, ehe er wieder umkehren durfte, um in seine Heimat zurückzukehren, wo er alles niederschrieb.

Doch das Sammeln und Erhalten solcher Informationen ist nicht das einzige Ziel, das der Verein verfolgt. Besonders den kürzlich Zugezogenen sei es wichtig, "die Struktur des Ortes und die Haltung der Menschen besser verstehen zu können", sagt Blank. Sowohl er als auch Weichlein sind vor ein paar Jahrzehnten nach Essenheim gekommen und vertreten die Meinung, dass es einem durch die Aufarbeitung der Ortsgeschichte gelingen kann, dort heimisch zu werden. Was erhoffen sie von ihrer Arbeit? Mossel will herausfinden, "wie Leute Geschichte erlebten, die sie nicht gestaltet haben, sondern von der sie betroffen waren". Dem ehemaligen Juristen Weichlein verhilft es zu einem Wissens- und Erkenntnisgewinn für sich selbst. Durch Zeitzeugenberichte werde Geschichte "viel persönlicher" und fast "greifbar", erklärt Blank.

So ist auch das jüdische Essenheim ein Thema, das viele Mitglieder des Vereins beschäftigt und berührt. Durch Nachforschungen hat man herausgefunden, dass entgegen der alten Behauptung im Ort, alle jüdischen Bewohner hätten rechtzeitig fliehen können, eben doch einige von den Nazis deportiert und umgebracht wurden. Aber es sind nicht mehr Namenlose unter den mehr als sechs Millionen Holocaustopfern, sondern Hermann Stern, Hauptstraße 28, oder Johanna Strauß, geborene Mayer, die das Naziregime nicht überlebten. Aus diesem Grund war es auch der Geschichtsverein, der anregte, sich für das Projekt der "Stolpersteine" einzusetzen, um der Opfer des Nationalsozialismus auch in dem kleinen Ort Essenheim zu gedenken.

Zum Schluss aber noch ein kleines Rätsel: Was haben der Geschichtsverein Essenheim und Bertolt Brecht gemeinsam? Es sind die Fragen, die sie stellen. "Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?", so steht es in Brechts Gedicht "Fragen eines lesenden Arbeiters". Es sind also nicht die Fragen nach dem großen Ganzen, sondern nach dem Kleinen. Oder wie der ehemalige Journalist Blank sagt: "Um die große Geschichte zu verstehen, muss man sie im Kleinen betrachten."

Informationen zum Beitrag

Titel
Nicht mehr namenlos
Autor
Elias Ben
Schule
Matlik Gymnasium , Nieder-Olm
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.05.2016, Nr. 107, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180