Predigt auf der Scooterbahn

Der traditionelle Schaustellergottesdienst an der Wetzikoner Kirmes ist wieder gut besucht. Katharina Hoby hält ihre Predigt auf der Autoscooterbahn. Die Autoscooter, die als Kirchenbänke dienen, sind schon lange vor Beginn besetzt. "Das Wort ist mir bei meinen Predigten sehr wichtig", sagt die Pfarrerin. "Auf Kirche und Kanzel kann ich jedoch verzichten. Ich kann mir keinen Ort vorstellen, wo ich meine Predigt nicht halten würde."

Katharina Hoby wuchs in Bülach bei Zürich auf. Ihre Eltern waren Lehrer und erzogen ihre sechs Kinder nach christlichen Grundwerten. Sie engagierten sich sozial und nahmen Pflegekinder auf. Auch Katharina Hoby ist soziales Engagement wichtig. Für sie kam nur ein Beruf mit viel Menschenkontakt in Frage. Daher entschied sie sich, Theologie zu studieren. "Als Pfarrerin habe ich mit allen Menschen zu tun: mit Jungen und Alten, mit Reichen und Armen, mit Gesunden und Kranken."

Sie wurde früh Mutter und widmete sich nach dem Studium in erster Linie den fünf Kindern, zudem hat sie ein Pflegekind aus der Karibik aufgenommen. Das Mädchen aus St. Lucia besuchte mit dem ältesten Sohn den Kindergarten. "Sie ist bis heute ein Teil der Familie und bei allen Familienfesten mit dabei."

Katharina Hoby übernahm während dieser Zeit auf Anfrage vereinzelt Predigtvertretungen oder Hochzeiten und Taufen, war jedoch nie fest angestellt. 2002 wurde sie vom "Pfarramt für Chilbi- und Circus-Seelsorge" als Unterstützung ihres erkrankten Vorgängers eingestellt. Am Tag nach dem ersten gemeinsamen Gottesdienst am Zürcher Knabenschiessen, der größten Stadtzürcher Kirmes, verstarb ihr Vorgänger. Hoby wurde als Nachfolgerin vorgeschlagen. "Am Familientisch diskutierte ich zusammen mit meinen Kindern, ob ich diese Stelle annehmen sollte oder nicht." Der zeitliche Aufwand ist nicht zu unterschätzen, denn sie muss die Schausteller und Marktfahrer in der ganzen Schweiz betreuen. "Meine Kinder sahen natürlich vor allem, dass meine neue Stelle auch ihnen Vorzüge bringen würde: Freikarten für den Zirkus und freie Fahrten auf den Achterbahnen waren doch nicht zu verachten." Da auch Katharina Hoby seit ihrer Kindheit fasziniert ist von der Welt des Jahrmarkts, entschied sie sich, das Amt der Kirmes- und Zirkusseelsorgerin anzunehmen.

Sie hält zwölf Gottesdienste im Jahr, wie zum Beispiel auf der Chilbi in Wetzikon im Zürcher Oberland oder am ersten Advent im Zirkus Conelli in Zürich. Die Predigten im Zirkuszelt oder auf der Scooterbahn sind immer außerordentlich gut besucht. Die Leute lieben die ungezwungene Atmosphäre und den Duft von Zuckerwatte, gebrannten Mandeln und den Geruch von Sägemehl und Pferden.

Hoby versucht ihre Predigten so zu gestalten, dass sie von allen Zuhörern verstanden wird. Sie erzählt lebensnah. "Mit meinen Gottesdiensten gehe ich zu den Leuten und warte nicht, bis sie zu mir kommen. Ich kann die Kirche an einen Ort bringen, wo die Leute gerne sind." Ihre offene Art und die positive Energie, die sie versprüht, machen die charismatische 53-Jährige aus.

Zu Hobys Amt gehören auch Hausbesuche bei den Schaustellern, wofür sie mit dem Zug die ganze Schweiz bereist. Auch Abdankungen, Trauungen oder Taufen von Schaustellern, Marktfahrern und Zirkusleuten gehören in ihren Aufgabenbereich. "Natürlich ist es auch mein Job, neue Achterbahnen einzuweihen und die Menschen, die sie warten und benutzen, zu segnen." Die blonde Pfarrerin gehört zum Ministerium der reformierten Zürcher Landeskirche. Obwohl Katharina Hoby selbst reformiert ist, werden die Gottesdienste der Schausteller-Pfarrgemeinde ökumenisch gefeiert. "Welche Konfession ein Mensch hat, spielt für mich keine Rolle." Sie kann auf Wünsche eingehen und zum Beispiel eine Trauung auf einem Schiff halten. Diese Dienste werden immer häufiger gewünscht, da viele Menschen, die zwar gläubig sind, dennoch nicht mehr selbstverständlich einer Kirche angehören. Katharina Hoby bezeichnet sich als "die Pfarrerin der reisenden Gemeinde" und meint das auch im übertragenen Sinn: Sie begleitet Menschen auf ihrer Lebensreise von der Geburt bis zum Tod. "Das entspricht mir."

Informationen zum Beitrag

Titel
Predigt auf der Scooterbahn
Autor
Lynn Jenny
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.05.2016, Nr. 113, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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