Verrückt nach K-Pop

Durchdrehen, kreischen, weinen, lachen und mitsingen. Das tun die Fans. Das tun sie nicht wegen Hollywood-Musik oder Bollywood-Musik, sondern wegen K-Pop. Knallig gestylte Boy- und Girlgroups, abstrakte und mit Choreographie gestaltete Musik-Videos und von Liebe, Freundschaft und Familie handelnde Themen sind kennzeichnend für K-Pop, was für Korean Popular Music steht und ein musikalisches Genre bezeichnet, das sich in den neunziger Jahren in der koreanischen Musikwelt entwickelte. Heute wird die Mischung aus Hip-Hop, Soul und Rock auf der ganzen Welt gehört.

Auch die Auszubildende Sinthu Selvaranjan ist verrückt nach K-Pop. Knallig, schwarz und weiß hängen überall an den Wänden ihres Schlafzimmers viele Poster von koreanischen Gruppen. Nicht eine kleine Lücke ist erkennbar. Von den Socken bis zu den Haarspangen ist alles mit Fotos und Namen der Gruppen versehen oder eingraviert. Aus dem weißen Kopfhörer, den Sinthus lange schwarze Haare verdecken, dringt laute Musik in den Raum. Die etwa 1,60 Meter große Tamilin arbeitet als Lehrling in Hirslanden, einem Spital in Zürich. Von montags bis mittwochs geht die 20-Jährige zur Arbeit und von donnerstags bis freitags zur Schule. An den Wochenenden muss sie für die bevorstehenden Prüfungen lernen.

Es sei alles nur stressig, K-Pop sei die einzige Erlösung aus ihrem überfüllten Alltag. "Ohne K-Pop weiß ich nicht, wie ich leben würde." Sie kommuniziert jeden Tag mit anderen Fans aus anderen Ländern, hauptsächlich geht es um K-Pop und die Neuigkeiten in der koreanischen Popmusik, doch ab und zu schreiben sie auch über ihr eigenes Leben, was sie heute so gemacht haben, und lernen sich so gegenseitig etwas näher kennen. Viele vereinbaren Termine, an denen alle Fans aus ihrem Land sich treffen und dann persönlich kennenlernen können. Einige reisen sogar extra nach Korea, um Konzerte zu besuchen und somit ihre Lieblingsgruppen live zu sehen.

Wenn man über K-Pop spricht, kommt einem der koreanische Sänger Psy in den Sinn, der für seine Single "Gangnam Style" und für seine verrückte Choreographie auf der Videoplattform Youtube berühmt geworden ist. Natürlich gibt es mehrere Gruppen, die die Welt mit ihrer Musik zu erobern versuchen. Dafür braucht man jedoch Geduld und viel Fleiß. So werden die Sänger und Sängerinnen bis zu sieben Jahre lang von einem koreanischen Unterhaltungsunternehmen ausgebildet. Sie werden in Sprachen, in Tanzen, in Singen und sogar in Manieren und Benehmen trainiert. Die Auszubildende bekommen in dieser Zeit Punkte für ihre Fortschritte. Erst wer viele Punkte erreicht hat, wird in eine Gruppe einbezogen und öffentlich als Sänger bekanntgegeben.

Auch nach der harten Probezeit ist es für die Sänger nicht einfach. Denn die zahlreichen Trainings, die sie absolvieren, werden von der Agentur bezahlt. Dieses Geld wird vom Lohn der Sänger abgezogen, so bekommen sie wenig Gage, müssen dafür aber hart arbeiten. Ob sie mehr oder weniger bekommen, hängt erst von den Fans ab.

Die zahlreichen Aufzeichnungen, die die koreanischen Gruppen und Sänger sich heimholen, zeigen die stetige Popularität von K-Pop. So gewann zum Beispiel die Boyband Exo vor drei Jahren den Titel "World's Best Song". Die Mädchenband Girl's Generation holte sich eine Auszeichnung für das beste Video des Jahres 2014.

"Die meisten von uns können weder flüssig Koreanisch sprechen noch verstehen, doch für uns ist die Musik die gemeinsame Sprache", erklärt Sinthu. Mit K-Pop kommen viele Fans auch mit koreanischer Kultur in Kontakt. Um die Songtexte zu verstehen, lernen sie Koreanisch, doch auch Englischkenntnisse werden verbessert. "Ich komme aus Sri Lanka", sagt Sinthu. "Meine Kultur ist ganz ähnlich wie die der Koreaner. Ich fühle mich wie verbunden mit ihnen durch Musik und durch Kultur." Aber für die Fans aus anderen Kontinenten ist die koreanische Tradition eine komplett andere Welt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Verrückt nach K-Pop
Autor
Suvathika Selvaranjan
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2016, Nr. 118, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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