Schrille Rollen spielen

Sie stecken in schrägen Kostümen und mögen japanische Comics: Cosplayer schlüpfen in die Rollen ihrer Helden. Zum Beispiel Abiturient Ali, der sich auf der Hanami in Ludwigshafen zeigt und dort auf Toleranz, Weltoffenheit und Gleichgesinnte trifft.

Der Himmel ist blau und klar. Die Sonne scheint auf eine bunte Menschenmenge hinab, die glücklich den Tag genießt. Auf jedem Gesicht tritt unter farbenfroher Schminke und skurrilen Verkleidungen ein Lächeln hervor. Die merkwürdigen Gestalten unterhalten sich lautstark miteinander, machen Bilder oder drängeln sich bis ins Innere des Gebäudes, vor dem sie stehen. Der Grund für diesen gewöhnungsbedürftigen Auftritt ist die Hanami, die jährlich im Mai in Ludwigshafen am Rhein stattfindet. In Japan ist die Hanami das traditionelle Kirschblütenfest, in Deutschland wurde der Begriff aufgegriffen und vereint die traditionellen Aspekte des Festes mit den modernen einer Convention, auf der sich Menschen mit ähnlichen Interessen treffen. In diesem Fall werden die unterschiedlichsten Persönlichkeiten durch die gemeinsame Leidenschaft für die japanische Lebens- und Comic-Kultur vereint. Der Grund für die schrillen Kostüme auf der Hanami sind Cosplayer, die Charaktere aus Filmen, Serien, Computerspielen, japanischen Comics und den dazugehörigen Serien durch Verkleidung und Verhalten möglichst originalgetreu darstellen.

Ein Beispiel hierfür ist eine füllige Frau, die lediglich eine enganliegende, neonpinke Weste trägt. Um das Nötigste zu verdecken, hat sie ihre Verkleidung als Ivankov aus One Piece mit einem hautfarbenen Badeanzug ergänzt, der mit einem violetten Totenkopf verziert ist. Ihren Hals ziert eine auffällig große, weiße Perlenkette. Die eigenen Haare der Frau sind gekonnt unter einer veilchenfarbigen Afroperücke versteckt, die Augenbrauen durch aufgemalte, dünne Striche ersetzt. Ihre großen Augen hat die Cosplayerin schwarz umrandet und vom beweglichen Lid bis zum Ansatz der vermeintlichen Augenbrauen in einem auffälligen Blauton bemalt. Die enorm langen Wimpern sind natürlich gefälscht. Die sogenannte Japankultur und der dazugehörige Cosyplay-Trend finden in der westlichen Kultur nur selten Begeisterte. In den letzten Jahren ist in Deutschland jedoch ein Anstieg der Anhänger zu beobachten. Deutlich wird dies an der Anzahl der Besucher der Conventions. 2006 interessierten sich noch 400 Menschen für die Hanami. Sechs Jahre später waren es an die 5200 Besucher. Es ist eine stetig wachsende Gemeinschaft, die für Toleranz und Weltoffenheit steht.

"Früher war ich homophob, habe alle gleich in eine Schublade gesteckt und kannte nur meine eigene arabische Kultur", erklärt der Zwölftklässler Ali Merhi aus Trossingen, der seit einem Jahr intensiv seinem Hobby als Cosplayer nachgeht. "Allein die Atmosphäre auf der Hanami war voll überraschend und positiv. Die Leute sind freundlich und tolerieren wirklich jeden. Man stößt überall auf Akzeptanz und kann mit jedem über alles reden. Durch mein neues Hobby hat sich mein Leben um 180 Grad gewendet."

In seinem favorisierten Cosplay ist er kaum zu erkennen. Die schwarzen Augenbrauen des Jungen sind grau übermalt. Seine Augen stechen durch grüne Kontaktlinsen stark hervor. Ein weites Gewand in der Farbe der weißen Langhaarperücke wird durch breite, grüne Streifen an den hängenden Ärmeln verziert. Ein goldener Gürtel, der an Schlangenhaut erinnert, hält die Kleidung zusammen. An Alis Hals hängt eine lange Eisenkette, an deren Ende eine schwarze Styroporkugel befestigt wurde, die an eine Eisenkugel erinnert. In seiner rechten Hand führt er ein geschwungenes schwarzes Schwert mit weißen Details mit sich. Da der Charakter Sharrkan aus Magi, der hier dargestellt wird, keine Schuhe trägt, verzichtet auch Ali darauf.

Bereits im Kindesalter interessierte er sich für japanische Serien und entdeckte später im Internet viele Gleichgesinnte, die bereits einige Erfahrungen mit Conventions und Cosplays gesammelt hatten. "Ich habe beobachtet, dass viele, die sich mit Cosplays beschäftigen, familiäre oder Schulprobleme haben. Mir wird oft erzählt, was da los ist. Es hilft." Das außergewöhnliche Hobby schweißt Menschen jeder Altersgruppe zusammen.

Oft fallen die Anhänger der Japankultur auch im Alltag durch bunte Haarfarben oder Kontaktlinsen auf. Auch Ali erregt mit rot gefärbten Haaren als Südländer Aufsehen und muss schnell lernen, dass nicht jeder den Mut, anders zu sein, bewundert. "Meine Freunde aus der Schule finden es idiotisch", sagt der 18-Jährige. Unter anderem reagierte seine strenggläubige Mutter, die vor 20 Jahren aus dem Libanon nach Deutschland kam, mit Argwohn. Die schrillen Verkleidungen und farbenfrohen Perücken, die sich im Zimmer ihres Sohnes häufen, verband sie zu Beginn mit Satan und äußerte Ängste darüber, dass ihr Sohn vom rechten Weg abgekommen ist. Aber auch sie konnte nach einer ausführlichen Erklärung vom neuen Hobby ihres Kindes überzeugt werden. Alis Vater befasst sich nicht mit dessen Hobby und akzeptiert es, solange sein Sohn niemandem schadet. "Die Kritik an Cosplayern ist frech. Aber nicht alle finden das, was ich mache, schlecht", berichtet Ali. "Viele ältere Leute sind neugierig und sprechen mich darauf an, warum überall Verkleidete rumlaufen. Jugendliche sind meist eher auf Spott aus." Auf der Hanami machte Ali eine unverständliche Erfahrung mit einer Gruppe von jungen Männern: "Sie haben laut gelacht und sich deutlich über mich lustig gemacht. Aber komischerweise kannten sie den Charakter, den ich dargestellt habe, genau."

Für sein gewöhnungsbedürftiges Hobby verzichtet der Abiturient, der Biotechnologie studieren möchte, auf Freizeitaktivitäten mit seinen Freunden. Neben seiner Schule und seiner Arbeit in einer kleinen Firma, in der er Softwareprobleme an Computern repariert, bleibt ihm nicht viel Zeit für sich. Denn das Herstellen von Kostümen ist aufwendig. Das Material für Rüstungen und Waffen, das aus unterschiedlichen Stoffen, Holz, Perücken und Worbla-Masse besteht, kostet für ein Cosplay bis zu 400 Euro. "Das braucht verdammt viel Zeit. Mindestens 50 Stunden", sagt Ali. Einen materiellen Gewinn ziehen Cosplayer meist nicht aus ihrem Hobby. Für diejenigen, die wie Ali aus reinem Spaß cosplayen, gibt es Wettbewerbe auf Conventions. Hierfür müssen sich die Kandidaten zuvor anmelden und zu gegebenem Zeitpunkt einen selbst gestalteten Auftritt vor Publikum und Juroren vorstellen. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Die Teilnehmer dürfen singen, tanzen oder ein kurzes Theaterstück aufführen. Die Wettbewerbe erstrecken sich über mehrere Conventions, wobei ein Vorentscheid unter anderem auf der Hanami stattfindet. Das Finale ist schließlich auf der Frankfurter Buchmesse. Die Höhe des Preisgeldes ist zuvor nicht bekannt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Schrille Rollen spielen
Autor
Ezgi Cücü
Schule
Albert-Einstein-Gymnasium , Frankenthal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2016, Nr. 118, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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