Kettenrasseln auf dem Turm

Ein Mann für alle Fälle", so beschreibt die Ehefrau den 71-jährigen Eduard Gockeln, der seit 1994 die Kirchturmuhr des Dorfes Borlinghausen in der Nähe von Warburg im Kreis Höxter betreut. Alle zwei bis drei Wochen steigt der Rentner, der sich schon immer für Technik begeistert hat, die knarrende Holzleiter von der Sakristei der Kirche St. Maria Hilfe der Christen hinauf. Überall liegt Staub, der Geruch nach jahrzehntealtem Sandstein hängt in der Luft und vermischt sich mit einem schwachen Weihrauchduft, der mit den Jahren in die Mauern eingezogen ist. In dem kleinen Raum, der mit vereinzelten Spinnenweben verhangen ist und durch eine Holzluke erreicht wird, ertönt gleichmäßiges, helles Ticken. In der Mitte befindet sich ein großer, kastenartiger Holzbau mit dem Uhrwerk. Zahlreiche Rädchen, Schrauben und Stangen verbinden sich und lassen die Uhr stetig laufen.

Fachmännisch erklärt der immer noch sportliche Landwirt die Funktionen einzelner Teile. Die Unruh sei zum Beispiel dafür verantwortlich, die Sekunden zu zählen und somit immer nach 60 Sekunden ein anderes Rädchen freizugeben und den Zeiger der großen Kirchturmuhr in Bewegung zu setzen.

Als Eduard Gockeln vor 22 Jahren anfing, die automatische Quarzuhr zu betreuen, lief sie nicht mehr richtig, so dass ein Angestellter einer Uhrenfirma kam, um sie sich anzugucken. Er machte ein Angebot für eine neue Uhr, da er der Meinung war, die alte könne nicht mehr repariert werden. Eduard Gockeln lehnte ab und hat sie "nicht mit Witz und Tücke, sondern einfach so zusammengebaut". Danach lief die damalige, automatische Quarzuhr wieder eine Zeitlang einwandfrei, erzählt der Borlinghausener mit einem Schmunzeln.

Dann aber war vor sieben Jahren eine Entscheidung zu treffen. Mit der Quarzuhr habe es zu viele Probleme gegeben. Da die Originalteile des alten mechanischen Uhrwerks in der Sakristei gelagert gewesen seien, habe er zusammen mit einem Uhrenspezialisten aus dem Nachbardorf Peckelsheim die alte Uhr zusammengebaut. Seitdem hört man wieder jeden Morgen und Abend auf dem Kirchturm das Rasseln von Ketten, wenn die Gewichte der Uhr nachgezogen werden. Dies geht automatisch. Die Gewichte treiben die Uhr an, genauso wie auch kleinere Uhren manuell aufgezogen werden müssen, um weiterzulaufen.

Es gibt immer Kleinigkeiten, bei denen der handwerklich interessierte Großvater kreativ werden muss. So hat er einmal Sand an bestimmte Teile des Uhrwerks gestreut, damit die Uhr vorübergehend wieder langsamer lief, bis sie mit einem Ersatzteil repariert werden konnte. "Es ist wichtig, dass die Kirchturmuhr korrekt läuft, denn sie steuert das Glockengeläut. Wenn die Uhr falsch läuft, läuten auch die Glocken falsch, und man kann sich nicht mehr auf diese Zeitangaben verlassen."

Neben seiner Arbeit mit der Uhr betreut der Mann in Jeans und Hemd auch die vier im Jahr 1945, also direkt nach Kriegsende, gegossenen Kirchturmglocken. Die großen, übereinander hängenden Glocken sind mit einer weiteren Holzleiter zu erreichen. Gockeln kontrolliert sie immer, wenn er die Uhr überprüft. Fachmännisch erklärt er, wie die Glockenschläge klingen und in welchen Intervallen sie schlagen müssen. Wenn etwas nicht passt, geht er sofort auf die Leiter, um den Grund für den Fehler zu suchen und möglichst direkt zu reparieren.

Der Rentner sieht seine Arbeit als "Dienst für die Allgemeinheit" und hat Freude daran, technische Probleme zu lösen. "Aus lauter Spaß haben wir uns dann einen Glockenturm auf unser eigenes Dach gesetzt", erzählt er stolz. Der original Tiroler Glockenturm steht nun seit mehr als 15 Jahren auf dem Dach seines Bauernhofs neben dem Wetterschwein, das Norden, Osten, Süden und Westen anzeigt. Solch ein Glockenturm, den früher fast jeder Bauernhof in Tirol hatte, diente als Verständigungshilfe zwischen den einzelnen, in verschiedenen Tälern liegenden Höfen. Bei Gefahr, wie zum Beispiel Feuer oder Räuberbanden, wurde die Glocke geläutet, um Hilfe herbeizurufen. Bei Familie Gockeln aber dient der Glockenturm als Willkommens- und Abschiedsgruß für Freunde und Verwandte.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Kettenrasseln auf dem Turm
Autor
Pia Nolte
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.05.2016, Nr. 123, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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