Gefragt bei Diebesgut und Verstopfungen

Es gibt ihn seit mehr als 300 Jahren. Der Beruf fasziniert nicht nur die Freiburger: Bächleputzer werden bei ihrer Arbeit immer wieder viel gefragt. So geht es zum Beispiel auch Daniel Cartis.

Wer ins Freiburger Bächle tritt, muss eine Freiburgerin heiraten", ist ein allseits bekanntes Sprichwort. Daniel Cartis kennt es zur Genüge. Er tritt fast täglich ins Bächle. 15 Jahre lang ist er nun schon in markanter, orangefarbener Uniform und wasserfesten Arbeitsschuhen als Bächleputzer in Freiburg im südlichen Breisgau unterwegs. Mit seinen beiden Kollegen, Alain Stockmayr und Rudolf Schmelzle, sorgt der dunkelhaarige Rumäne, der in seinem Heimatland zuvor als Bahnarbeiter tätig war, mit Stahlbesen und Metallharken jeden Tag ab sechs Uhr morgens bis um 15 Uhr am Nachmittag für die Sauberkeit des fünfeinhalb Kilometer langen Freiburger Bächlenetzes.

Ein Gewerbekanal versorgt die Bächle mit Wasser, zusammen mit dem Verbindungskanal kommt das Netz auf eine stolze Länge von siebeneinhalb Kilometern. Um das notwendige Gefälle zu erreichen, hatte man die Altstadt im Osten um drei Meter erhöht - mit der Folge, dass bei diesen Häusern dann das Erdgeschoss zum Keller wurde.

Die Bächli, wie sie früher noch liebevoll alemannisch genannt wurden, existieren seit dem 13. Jahrhundert, sie dienten zur Wasserversorgung der Haushalte, waren nützlich, um die Wäsche zu waschen, und stellten eine gute Entsorgungsmöglichkeit für Fäkalien dar. Im Zweiten Weltkrieg, am 27. November 1944, retteten die aus Sand-, Kies- und Salzstein bestehenden Bächle sogar Teile der Freiburger Altstadt vor dem durch den Bombenangriff verursachten Brand, da ihr Wasser zum Löschen genutzt wurde. Zum Schutz vor Bombenangriffen hatte die Stadt Freiburg damals das Verdunkelungsgesetz eingeführt. Aufgrund dessen stieg bei Dunkelheit die Unfallgefahr: Die Bächle waren zu einem Risiko für nächtliche Passanten geworden, weswegen man sich darauf einigte, Geländer anzubringen, statt die Bächle einfach zuzuschütten. Die Freiburger wollten sich also auch in unruhigen Zeiten ihre Bächle nicht nehmen lassen.

Heutzutage erfüllen die Bächle keine ihrer ursprünglichen Funktionen mehr und stehen unter Denkmalschutz. Sie werden aber gerne für die Bierkühlung an heißen Sommertagen genutzt, und oft sieht man spielende Kinder, die ihre kleinen Holzboote auf den Wasserstraßen schwimmen lassen. Deswegen findet Bächleputzer Cartis bei der Reinigung auch regelmäßig Glasscherben und Flaschen, vor allem rund um den Augustinerplatz, da dieser ein beliebter Treffpunkt zum Feiern und Trinken ist.

Es gibt jedoch auch außergewöhnliche Funde: Von Schuhen, die vor lauter Wasser nur so triefen, bis hin zu T-Shirts und Socken ist alles dabei. Aber auch Geldbeutel, die von Taschendieben gestohlen und im Bächle "entsorgt" wurden, sowie Handys seien keine Besonderheit. "Mein erstaunlichster Fund war allerdings ein Ehering, den eine Frau verloren hatte, und sie war überglücklich, als ich diesen im Schacht in der Rathausgasse gefunden hatte", erzählt der 55-jährige Cartis. Erlebnisse wie diese machen den schon seit mehr als 300 Jahren existierenden Beruf für ihn zu dem, was er ist. Immer wieder kommen neugierige Kinder auf ihn zu, stellen ihm Fragen oder beobachten ihn nur bei seiner Arbeit. Er grüßt die einzelnen vorbeifahrenden Straßenbahnfahrer und unterhält sich mit interessierten Passanten, die ihn oft während des Einkaufens an der Kaiser-Joseph-Straße und der Rathausgasse entdecken. All das und den ganzen Tag an der frischen Luft zu sein gefällt dem kontaktfreudigen und freundlichen Bächleputzer besonders an seinem Beruf.

Jedoch müssen Daniel Cartis und seine beiden Kollegen zu jeder Jahreszeit und bei jeder Wetterlage arbeiten. Bei Verstopfungen mitten in der Nacht, die auch oft zu Überschwemmungen führen können, müssen sie erreichbar und schnell zur Stelle sein. Denn sie haben das ganze Jahr über Bereitschaftsdienst, sogar an Weihnachten und Silvester muss einer der drei im Notfall parat stehen.

Glücklicherweise wird im Sommer ihre Arbeit durch viele kleine Helfer, die Flusskrebse, die mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind, ein wenig erleichtert. Durch sie können die Bächle in kürzerer Zeit geputzt werden, da die Flusskrebse sich von den am Grund der Bächle wachsenden Algen ernähren. "Trotzdem ist es nötig, dass der Bertoldsbrunnen im Zentrum der Fußgängerzone täglich gereinigt wird, denn schon nach einigen Stunden ist er wieder verschmutzt", sagt Cartis, der seit seinem Umzug nach Freiburg vor 30 Jahren von den vielen Bächle begeistert ist. Damit ist er nicht allein, denn auch die Einheimischen wie die Touristen Freiburgs erfreuen sich täglich an den kleinen Wasserstraßen.

In der "Badischen Zeitung" vom 1. April 2015 wurde verkündet, dass der Großteil der Freiburger Bächle aus Sicherheitsgründen für Radfahrer und Fußgänger zugeschüttet werden soll. Ein Schock für alle Freiburger. Einen Tag später dann das große Aufatmen, die "Badische Zeitung" hatte sich nur einen Aprilscherz erlaubt. Zum Glück, denn was wäre Freiburg ohne seine Bächle?

Informationen zum Beitrag

Titel
Gefragt bei Diebesgut und Verstopfungen
Autor
Svenja Rommerskirchen, Janet Fliegauf
Schule
Max-Weber-Schule , Freiburg im Breisgau
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.05.2016, Nr. 123, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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