Schwätzer in die Zungenzange

Es ist Nacht. Die Stadt schläft. Über der Bremer Wachtstraße spiegelt sich der Mondschein in den kalten Fensterscheiben. Am Straßenrand steht eine Gruppe eng zusammen, die Schultern hochgezogen. Plötzlich durchbricht das Schleifen von Eisen auf Stein die Stille. Schwere Schritte nähern sich. Am anderen Ende der Straße erscheint die mächtige Gestalt eines Mannes. Im Licht der Straßenlaterne erkennt man die schwere Lederschürze und das blutbefleckte Hemd. Um den Hals trägt er Galgenstricke, im Gürtel steckt eine große Zange, er schleift eine Eisenkette hinter sich her und trägt ein großes Beil. Die braune Schirmmütze tief in das Gesicht gezogen, baut er sich vor der Gruppe auf und eine dröhnende Stimme ertönt. "Hallo, meine Lieben!", ruft der Mann, der regelmäßig seine Gäste das Fürchten lehrt. Jens Neumann ist der "Henker von Bremen".

"Davor war ich vieles", erzählt der gebürtige Braker. Eigentlich wollte er Bäcker werden. Das hatte sich jedoch im Laufe der Ausbildung geändert. Danach arbeitete der 48-jährige Junggeselle als Industriemechaniker, Bauzeichner, "Mädchen für alles", Rausschmeißer und schließlich sechs Jahre lang als Darsteller im Bremer Geschichtenhaus. "Ich habe irgendwann festgestellt, das Schauspiel liegt mir, und dann bin ich da so reingerutscht", sagt Neumann. Die zündende Idee kam jedoch von seiner Chefin, die ihn anregte, in Bremen Werbung für das Geschichtenhaus zu machen.

Inzwischen ist der "Henker von Bremen" ein Vollzeitjob. Seit zwei Jahren führt Neumann seine Gäste an Wochenenden, auf Anfrage auch in der Woche, durch das nächtliche Bremen. Zwei Stunden lang werden sie durch dunkle Gassen gelotst und lernen die schaurigsten Kapitel der Geschichte der Hansestadt zwischen 738 und dem 19. Jahrhundert kennen. Gerade in den kälteren Monaten seien seine Führungen besonders beliebt. "Die Leute wollen leiden." Das ist es auch, was ihn reizt: "Den Schalk im Nacken zu haben und das richtig auszuleben." Gerne pickt sich der Henker ein paar Opfer heraus, die ihm bei der Demonstration seiner Geräte helfen. Ein unaufmerksamer "Schwätzer" wird mit drohender Stimme in die Mitte zitiert und hilft bei der Vorführung der "Zungenzange". Die Zuschauer lachen auf, der Schwätzer wird auf einmal leise, gesellt sich jedoch nur Sekunden später wieder lachend in die Runde zurück. Weiter geht es durch das Schnoorviertel, vorbei am ersten Badehaus der Stadt, wo "nicht nur gebadet wurde", zum kleinsten Hotel der Welt. Das "Hochzeitshaus" ist uralt und wurde früher von Brautpaaren vom Land benötigt, die seine Adresse angeben, um in der Stadt heiraten zu können.

Die fröstelnde Gruppe blickt zu den kleinen Fenstern hinauf, hinter denen sich heute ein Whirlpool befinden soll. Viel Zeit zum Träumen gibt es nicht, schon wartet die nächste Gruselgeschichte. Am Amtsgericht angekommen zückt der Henker einen riesigen, rostigen Bohrer. "Was hat man wohl damit gemacht?", fragt er hämisch grinsend. "Ein Loch in die Füße gebohrt?", versucht es ein Zuhörer. Der Henker hält die Spitze zwischen die Augen seines nächsten Opfers: "Ein, zwei Umdrehungen, und das Hirnwasser fließt raus", erklärt er mit funkelnden Augen. Auf diesem Weg wurden früher Kriminelle gefoltert, indem ihnen ein Loch gebohrt und sie danach mit den Füßen nach oben aufgehängt wurden. Nachdem sie durch den Verlust des Hirnwassers ihren Gleichgewichtssinn verloren hatten, wurden sie zum Laufen gezwungen, bis sie "mausetot" waren. "Und das hat irre Spaß gemacht", lacht der Henker dröhnend, während er den nächsten drei Probanden ein weißes Pulver in die Hände streut. "Probieren!", herrscht er sie an. "Was war denn das?", fragt einer der Männer zögerlich. "Arsenicum", lacht der Henker triumphierend.

Das Arsenicum, das verdächtig nach Mehl schmeckt, war im 19. Jahrhundert ein beliebtes Potenzmittel, das jedoch in größeren Mengen zum Tod führte. Die bekannte Mörderin Gesche Gottfried brachte auf diese Weise um 1828 mehrere Menschen um und wurde zum Tode verurteilt. Geköpft wurde sie von einem Henker aus Hannover. Den "Henker von Bremen" habe es in dieser Form nie gegeben, erklärt Neumann. Den habe er sich für seine Führungen ausgedacht. "Ich wollte etwas Blutrünstiges haben." Mittlerweile hat der Henker Kultstatus und plant sein Programm zu erweitern. "Ich steh' auf fiese Rollen", sagt Neumann. Deshalb müsse es etwas Gruseliges sein, vielleicht ein Pestarzt. Da der Henker früher auch Arzt gewesen sei, würde diese Rolle passen.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Schwätzer in die Zungenzange
Autor
Julia Kaiser
Schule
Gymnasium Lilienthal , Lilienthal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.05.2016, Nr. 123, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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