Als die Haut platzte, musste gelesen werden

Viel Handarbeit, grober Hagel, dreiste Fliegen und anspruchsvolle Kunden: Weinanbau ist nicht nur für Familie Meyer in der Pfalz ein aufwendiges Geschäft. Sohn Nico hat schon seine eigene Serie.

Ein milder Tag in Klingenmünster, einem typischen Winzerdorf der Südpfalz. Das Laub der Weinberge leuchtet in bunten Farben. Doch die Idylle trügt. Meterhohe, monströs aussehende Vollernter donnern durch die Rebzeilen. Die Ungetüme machen enormen Lärm, man fühlt sich wie in einer Fabrik. Frank Meyer kommt dagegen mit einer handverlesenen Ernte Sauvignon Blanc in den Hof seines liebevoll renovierten Weinguts gefahren. Schon 1967 half der heute 54-Jährige als Schüler im elterlichen Betrieb, der damals ein landwirtschaftlicher Mischbetrieb war. Dies geschah nicht immer freiwillig. Heute bezeichnet er seinen Beruf als seinen Traumjob. Meyer besitzt sein eigenes Weingut, das er zusammen mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen betreibt.

Sie arbeiten individuell in jedem einzelnen Wingert, dem Weinberg. Vollernter benutzen sie nicht. Die Trauben werden selektiv geerntet. Das bedeutet, dass sie nach Reifestufe gelesen werden. Dadurch kommt es zu mehreren Ernten in einem Wingert, in der Folge also auch zu mehreren Qualitätsstufen, vom Qualitätswein bis zur Spät- oder Auslese. Ohne maschinelle Hilfe ist der Aufwand bei der Lese natürlich viel größer. Zum Herbsten, also zum Traubenernten, reisen schon seit Jahrzehnten Erntehelfer aus Polen an. Auf sie könne er sich Jahr für Jahr verlassen, sagt Meyer. Die Personalorganisation und -disposition wird lange im Voraus von seiner Frau Manuela Cambeis-Meyer gemacht. Auch Freunde helfen gerne mal aus, wenn Not am Mann ist.

Das Weingut gehört mit seinen knapp zwölf Hektar zu den eher kleineren Weinbaubetrieben der Pfalz. Meyer konzentriert sich bei den Weißweinen auf Rieslinge und Burgundersorten aus verschiedenen Lagen, aber auch Silvaner gehört zu seinem Repertoire. Sein 20-jähriger Sohn Nico hat über eine eigene Serie namens "Wild" mit den Rebsorten Sauvignon Blanc und Chardonnay eine ergänzende Linie auf den Weg gebracht. Nico Meyer hat seine Ausbildung 2014 beendet und tritt in die Fußstapfen seines Vaters. Sein Bruder Johannes macht Abitur, hilft aber ebenfalls fast täglich mit.

Bei den Rotweinen konzentriert sich Frank Meyer auf den sortenreinen Ausbau von Spätburgundern und Portugiesern. Darüber hinaus gibt es Rotwein-Cuvées "und mit einem Pinot-Sekt auch etwas Prickelndes", wirft seine Frau ein.

Die Einflüsse der Natur auf den Weinbau sind groß. "Jedes Jahr gibt es neue Bedingungen und Ergebnisse, jedes Jahr mache ich neue Erfahrungen. Man lernt nie aus, immer dazu", betont Meyer. So zerstörte ein heftiger Hagel einen Teil seiner Spätburgundertrauben. "Die Haut platzte auf, da war Handeln angesagt. Die Trauben mussten sofort gelesen werden, sonst hätte schnell Fäule einsetzen können." Meyer kennt die Extremsituationen, die den Winzer jedes Jahr aufs Neue vor große Herausforderungen stellen. "Durch die ungewöhnliche Hitze hatten wir kaum Probleme mit den Kirschessigfliegen, die uns die vorangegangenen Jahre plagten." Diese Fliege macht die Beeren unbrauchbar, indem sie sie ansticht und im Inneren ihre Eier ablegt. "Direkte Sonneneinstrahlung mag sie nicht, weshalb die kontinuierliche Laubarbeit bei uns so ernst genommen wird", sagt der Winzer, der inzwischen mit Familie und Betrieb in den Nachbarort Gleiszellen gezogen ist, um mehr Platz zu haben.

Die Trockenheit macht seinen Pflanzen weniger zu schaffen, da ein Großteil seiner Rebflächen bis zu 30 Jahre alt ist. Durch das Alter reichen die Wurzeln tief in das Erdreich hinab. Gute Bodenarbeit tut ihr Übriges. "Unsere Pflanzen hatten ausreichend Feuchtigkeit. Ich erwarte eine ausgezeichnete Qualität", sagt er.

Schon seit der Römerzeit wird in der Pfalz Wein angebaut. Schon damals gab es Weinberge und Kelterhäuser. Die Trauben wurden mit den Füßen zerstampft, der Most wurde gesammelt und zur weiteren Bearbeitung in Fässer gefüllt. Im Laufe der Jahrhunderte wurden der Ausbau einzelner Rebsorten und die Qualität des Weines zunehmend besser. Mischbetriebe, die neben Wein oft noch Getreide anpflanzten und Viehhaltung betrieben, fingen vor rund 50 Jahren langsam an, sich ausschließlich auf den Weinbau zu konzentrieren. Die, die diesen Schritt nicht taten, verschwanden nach und nach. An der Südlichen Weinstraße gab es in dieser Zeit noch sehr wenige Qualitätswinzer. Der eigene Anspruch und der Anspruch der Kunden waren nicht mit heute zu vergleichen. Wein herzustellen war deutlich unkomplizierter, man benötigte nicht einmal eine qualifizierte Ausbildung. Der Qualitätsanspruch stieg aber von Jahr zu Jahr und wächst bis heute.

Die Konsumenten erwarten immer etwas Neues. "Jede Woche wird eine neue Sau durch die Gasse getrieben", bemerkt Frank Meyer schmunzelnd. Mittlerweile gibt es im Weinbaugebiet Pfalz rund 5500 Weinbaubetriebe, davon 1520 selbstvermarktende Weingüter. Die Pfalz ist das zweitgrößte Weinbaugebiet Deutschlands. Daher herrscht große Konkurrenz. Als Spitzenweingut kann man es sich nicht erlauben, einen schlechten Jahrgang oder Ausfall zu haben. "Im Juni 2010 vernichtete ein Hagelsturm von 30 Minuten einen gesamten Jahrgang. Die Arbeit für mehrere Jahre wurde zunichtegemacht. Ich bin für so etwas zwar versichert, hatte aber für meine Kunden keinen Wein im Verkauf - sie mussten abwandern, und es war sehr mühsam, sie in den darauffolgenden Jahren wieder zurückzugewinnen", sagt er.

Neben der Qualität sei es wichtig, dass ein Wein erkennbar bleibe und eine persönliche Note habe. Man solle deswegen auch den eigenen Ansprüchen und nicht nur Trends folgen. Massenproduktion sei out, Individualität zähle, sagt der Winzer. Eine weitere wichtige Rolle spielt das Marketing. Vor allem Online-Medien gewinnen eine immer größere Bedeutung. "Ich habe schon immer die Wichtigkeit der ständigen Präsenz gesehen. Früher wurde ich dafür oft belächelt. Heute kommt man ohne eine Internetseite nicht mehr aus."

Informationen zum Beitrag

Titel
Als die Haut platzte, musste gelesen werden
Autor
Monja Richard
Schule
Gymnasium im Alfred-Grosser-Schulzentrum , Bad Bergzabern
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.06.2016, Nr. 135, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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