Noch ist der treue Hubert nicht museumsreif

Nicht die Bohne? 73 Milliarden Tassen im Jahr. Morgens zum Wachwerden, mittags zum Kuchen und abends gemütlich nach dem Abendessen. Schwarz, mit Milch oder Zucker: Kaffee. Doch wie kommt das "schwarze Gold" in unsere Tassen? In dem beschaulichen Eifelstädtchen Mayen produziert Elsbeth Flink in ihrer Kaffeerösterei aromatischen Kaffee von der Bohne bis zum fertigen Getränk.

In dem offenen, gemütlichen Raum sitzen Gäste bei einer Tasse "Mayener Jung" oder "Costa Rica", es duftet ganz zart nach Kaffee und Backwaren. Rustikale Tische und Stühle sind zu kleinen Sitzgruppen zusammengerückt und laden zum Verweilen ein. Die Dekoration im Café ist größtenteils selber genäht, Kissen aus alten Kaffeesäcken zieren einen Sims. In selbstgebauten Holzregalen stehen exotische Figuren von Kaffeeplantagenarbeitern zwischen Naschwerk und Pralinen. Der Kunde bestellt seinen Kaffee an einer hohen Marmortheke, die mit Törtchen, Keksen und anderen Leckereien bestückt ist. Richtig interessant wird es erst im Hinterzimmer, bei Hubert. So nennt die Betreiberin liebevoll ihren altmodisch grün lackierten Röster aus dem Jahr 1936. Mit viel Aufwand restauriert, bildet er das Herzstück der Mayener Rösterei. Schon oft hat die Herstellerfirma angeboten, Hubert gegen ein brandneues Exemplar zu tauschen und im hauseigenen Museum auszustellen, doch trennen konnte und wollte sich die Röstmeisterin nie von ihm.

"Bis zu 12 Kilogramm grüne Kaffeebohnen aus der ganzen Welt röstet er in einem Durchgang in einer schonenden Langzeitröstung. 17 bis 30 Minuten dauert diese, bei 140 bis 200 Grad, anders als in der Großindustrie, die bei sehr hohen Temperaturen in nur wenigen Minuten röstet", erklärt Flink und schüttet die rohen Kaffeebohnen aus einem Blecheimer in Huberts Schlund. Bei der industriellen Röstung bleibe den Kaffeebohnen fünf Prozent Wasser erhalten. So können sie mit mehr Gewicht, also rentabler, verkauft werden. So etwas gibt es hier in der Mayener Rösterei nicht, alles ist gerecht gehandelt. Die Kaffeebohnen bezieht sie über das Tor zur Welt, Hamburg, von Kleinplantagen rund um den Äquator. Über die Zustände dort ist die resolute Dame am Kaffeeröster bestens informiert, manche der Plantagenbesitzer kennt sie sogar persönlich. Hawaii, Äthiopien, Indonesien..., die Welt zu Gast in Mayen.

Es wird laut, unaufhörlich werden die Kaffeebohnen im Röster gemischt. Durch ein kleines Fenster sieht man die Bohnen in der Maschine tanzen. Noch sehen sie blassgrün aus und je nach Herkunftsland verschieden in Größe, Form und Farbe. "Jetzt geht es los", gibt die Rösterin den Startschuss, und tatsächlich, es beginnt zu duften. Aber nicht nach Kaffee, sondern nach frisch gebackenem Brot. Ab jetzt entnimmt die Rösterin immer wieder Stichproben und überprüft den Röstungsgrad, des Kaffees, im Sekundentakt wird er dunkler. "Der Columbia hier ist pflegeleicht beim Rösten", erzählt Elsbeth Flink gelassen, und doch ist bald höchste Konzentration gefragt. In den letzten Minuten des Röstvorgangs muss genau gearbeitet werden, da die Bohnen sonst verbrennen und anfangen zu schwitzen. Der Kaffee erreicht den gewünschten Röstungsgrad und Flink öffnet schnell eine Klappe. Der frische und heiße Kaffee ergießt sich in einen Auffangbehälter und wird sofort luftgekühlt. Eine beachtliche Leistung bei der mittlerweile herrschenden Raumtemperatur von 30,8 Grad. Erst wenn die Bohnen komplett erkaltet sind, also nach etwa zehn Minuten, können sie zu Lagerung umgefüllt werden.

Auch das sogenannte Verlesen, also das Aussortieren der ungeeigneten Bohnen, das Mahlen und Verpacken findet in dem kleinem Laden statt. Lediglich ein paar Helferinnen nehmen ihr ein wenig Arbeit beim Bedienen der Gäste und dem Verkauf ab. Diese sind äußerst zufrieden mit den edlen Tropfen der Kaffeerösterei Flink, 80 Prozent der Kundschaft kommt regelmäßig, vor allem wegen des Kaffees der Woche. Jede Woche ist ein anderer Kaffee im Angebot und lädt dazu ein, das ganze Sortiment durchzuprobieren.

Man muss das Kaffeerösten schon im Gefühl haben, denn ein Ausbildungsberuf ist es nicht. Es gibt die Möglichkeit, ein eintägiges Seminar zu belegen, oder man macht es wie Elsbeth Flink und lernt direkt vom Profi. Zwei Jahre lernte sie aus privater Initiative in einer Kaffeerrösterei in der Nähe von Hamburg. Und das mit Erfolg: Sie beliefert nicht nur lokale Restaurants und Hotels mit Spezialmischungen, sondern liefert unter anderem auch nach Bremen, Denver, Little Rock und nach Spanien. Vor allem aber erfreut Flink die Mayener mit ihren hauseigenen Mischungen. Auch wenn es, wie sie selber sagt, nicht leicht war, diese an die Kaffeekultur heranzuführen. "Man muss verrückt sein", erklärt sie, "und doch ist es ein interessanter Beruf, in dem man niemals auslernt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Noch ist der treue Hubert nicht museumsreif
Autor
Liza Burgard
Schule
Megina-Gymnasium , Mayen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.06.2016, Nr. 135, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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