Frisches von Gestern

Frisch von gestern" steht groß auf einem Schild in der Niederdorfstraße. Neugierig betritt ein Passant den kleinen Laden unweit des Hirschenplatzes in Zürich. Ein großes Sortiment von Vollkornbroten über Käsesandwiches und Apfeltaschen bietet sich ihm. Er kann fast nicht glauben, dass all diese Backwaren von gestern sind, denn sie sehen alle noch lecker aus. "In Zusammenarbeit mit lokalen Bäckereien verkaufen wir qualitativ einwandfreie Produkte vom Vortag am nächsten Tag zum halben Preis." So beschreibt Rika Schneider die Geschäftsidee von der Äss-Bar, während sie eine dunkelblonde Locke aus ihrem Gesicht streicht.

2013 eröffneten vier Kollegen, die sich von der Mittelschule her kennen und als Manager, Ingenieur und im Finanzbereich arbeiten, die erste Äss-Bar in Zürich. Mittlerweile gibt es in Zürich zwei Filialen sowie eine in Winterthur und eine in Bern. Während die vier Besitzer des Non-Profit-Start-ups alle anderen Berufen nachgehen, ist Rika Schneider Angestellte der ersten Stunde und verantwortlich für die Geschäftsführung in Zürich und Winterthur.

Sie rekrutiert Personal, pflegt den Kontakt zu den Bäckereien, organisiert die Abholtouren und ist zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Zudem arbeitet die 39-Jährige etwa zweimal in der Woche selbst im Verkauf mit. "Mir gefällt die Arbeit sehr gut, weil ich das Konzept super finde. Es ist sehr einfach, aber trotzdem auch sehr überzeugend. Es ist eine Win-win-Situation, sowohl für die Angestellten als auch für die Bäckereien, denn sie sparen Kosten für die Entsorgung der nicht verkauften Backwaren und werden dazu noch mit einer kleinen Entschädigung belohnt", sagt sie.

Für die beiden Filialen in Zürich stellen etwa 30 Bäckereien ihre Backwaren vom Vortag bereit, damit ein Fahrer der Äss-Bar sie am Morgen direkt bei ihnen abholen kann. Wichtig ist, dass die Produkte immer gekühlt werden. Je Tag und Verkaufsstelle macht das etwa 70 Kisten voll von unverkauften noch einwandfreien Produkten der Bäckereien aus. Dadurch können etwa 45 Tonnen Brotabfälle im Jahr vermieden werden.

Auch die Äss-Bars können nicht alles verkaufen, sie legen jedoch Wert darauf, möglichst wenig zu verschwenden. Zum einen dürfen die Mitarbeiter am Abend noch übrig gebliebene Backwaren nach Hause mitnehmen und ganz selten, wenn die Angestellten nachmittags sehen, dass es noch viele Berliner gibt, geben sie den Kunden noch welche gratis mit. Brote, die sie nicht verkaufen konnten, werden zu Schweinefutter verarbeitet, und aus dem Rest entsteht Biogas. So wird am Endes alles weiterverwertet.

Rika Schneider wohnt im Zürcher Oberland und hat neben Ausbildungen in ganz anderen Bereichen mit 30 Jahren noch eine Lehre als Konditor-Confiseurin gemacht. In der Äss-Bar in Zürich arbeiten zehn Mitarbeiter, davon sind nur drei festangestellt und haben eine Verkaufslehre abgeschlossen; die anderen sind Studenten, die bis zu vier Einsätze in der Woche haben. Rika Schneider findet es wichtig, dass es nicht nur professionelle Verkäufer hat, denn es geht nicht nur ums Verkaufen, sondern die Verkäufer kommen ins Gespräch mit den Kunden, die von Studenten bis zu älteren Leuten reichen. Es hat sowohl Banker wie Bauarbeiter und Familien mit Kindern. Viele von den Stammkunden interessieren sich auch für das Thema Foodwaste, für andere ist es einfach wie eine Quartierbäckerei, mit dem Unterschied, dass sie selbst keine Produktion und deshalb auch immer eine andere Auswahl an süßen und salzigen Backwaren hat. Zudem gibt es zwar eine Kasse, die Verkäufer rechnen aber alles im Kopf zusammen.

Anfangs investierten die vier Besitzer viel in dieses Projekt. Mittlerweile ist es selbsttragend, somit bekommen auch alle Angestellten branchenübliche Löhne. "Es sollte mehr selbsttragende Projekte geben, wo man sich gegen Foodwaste einsetzen kann", findet Rika Schneider. "Wenn die Projekte zu sehr auf Stiftungsgelder abgestützt sind, haben sie oft nicht Bestand, sondern gehen wieder ein." Die Inhaber hier planen dagegen sogar eine weitere Filiale. Auch viele Touristen betreten die kleine Äss-Bar, obwohl der Eingang ein bisschen versteckt ist. Auch sie sind erstaunt, wie lecker die Waren aussehen und wie billig sie im Verhältnis dazu sind.

Informationen zum Beitrag

Titel
Frisches von Gestern
Autor
Leanna Schoch
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.06.2016, Nr. 129, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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