Von starken Frauen und schönen Schatten

Er kann anwachsen zum Riesen und wieder zum Zwerg zusammenschrumpfen", sagt Rainer Reusch über den Schatten. Der grauhaarige, bärtige Mann mit goldener Nickelbrille holt eine Taschenlampe. Der Mittsiebziger in rotem Rollkragenpullover und grauer Strickjacke setzt sich auf das verblasste grüne Sofa und macht die Stehlampe aus. Draußen ist es dunkel. Nur der Lichtstrahl der LED-Taschenlampe strahlt bis an die Decke. Reusch hält seine Hand davor: Dies sei nun, wie er erklärt, eine Silhouette, etwas, was genau einem Gegenstand oder einer Person entspreche und sich nicht bewege. Reusch muss aufstehen und seine Hand genau an die Decke halten, damit die Silhouette seiner Hand scharf und klar erkennbar ist. Um den Unterschied zu zeigen, schraubt er den Reflektor aus der Taschenlampe, schaltet diese erneut ein und hält wieder seine Hand davor. "Das ist jetzt ein echter und scharfer Schatten mit einer klaren Kontur", betont er und starrt an die Decke.

Nun bewegt Reusch die Hand von der Taschenlampe weg und wieder hin: Je mehr sich die Hand der Taschenlampe nähert, desto größer wird der Handschatten an der Decke. Der Schatten bleibt scharf, und man kann seine Konturen klar erkennen. "Der Schatten ist veränderbar und lebendig", begeistert sich Reusch. "Das kleine Punktlicht der LED-Diode ohne den Reflektor ermöglicht ein ungemein dynamisches Schattenspiel."

Alles könne man begreifen auf der Welt, doch der Schatten sei das Einzige, was man nur sehen könne. Beim Betrachten eines Schattens "sind alle anderen Sinne wie ausgeschaltet", erklärt der leidenschaftliche Schattenspieler. Vor allem Kinder seien davon fasziniert, weil sie sich das nicht erklären können. Für Reusch ist das der Grund, weshalb es das Schattentheater im Westen der Welt schwer habe. Der Westen sei eine "verkopfte Gesellschaft", anders als in der östlichen Welt, in der ein ganzheitliches Denken herrsche. "Schattentheater ist eine Bauchfigur, keine Kopffigur", betont der Autor mehrerer Fachbücher über das Schattentheater.

Er verwendet eine bislang einmalige Technik des Schattenspiels, denn es ist ihm gelungen, durch einen speziell entwickelten Tisch die Kunst des Schattentheaters und der Sandmalerei zu verbinden. Die Sandmalerei setzte er zum ersten Mal bei dem Stück "Josef und seine Brüder" ein, um die Träume Josefs darzustellen. Dieser Tisch ist eine Art Kasten mit zwei Glasscheiben. Diese sind mit Abstand voneinander angebracht, um so auf der unteren Glasscheibe in den Sand malen zu können, der den Hintergrund des Schattenspiels abbildet. So kann man auf der oberen, zweiten Glasscheibe mit den verschiedenen Schattenfiguren spielen. Man kann die Schattenfiguren also auf der Glasscheibe hin und her bewegen oder sie näher an die Scheibe halten oder weiter von ihr weg.

In dem Stück hat er den Tageslichtprojektor durch eine Kamera ersetzt. Diese nimmt die Bilder, die auf diesem Tisch entstehen, auf und gibt sie an den Beamer weiter. So muss der Schattenspieler nicht mehr direkt vor der Leinwand sitzen, sondern ist mobiler.

In der St.-Ulrich-Kirche in Heubach am Fuß der Schwäbischen Alb trifft Rainer Reusch die letzten Vorbereitungen für die Schattentheater-Aufführung. Fast alle Reihen sind besetzt, alle Altersklassen sind vertreten. Alle starren gespannt auf das weiße Tuch, das in dem Altarbogen gespannt ist. Dahinter ist es dunkel. Zwischen den ersten Sitzreihen steht ein Beamer. Rechts neben dem weißen gespannten Tuch stehen zwei Tische, einer für den Sand, der andere als Ablage für die Schattenfiguren und die Tonanlage. Das Licht geht aus. Es erscheint der Titel des Stückes: "Starke Frauen". Aus dem Hintergrund ertönen Marimbaphonklänge. Eine Bibel kommt ins Bild, die die Textstelle der Geschichte zeigt, um die es geht: Sara, die Frau von Abraham aus dem 1. Buch Mose. Der Text wird näher zur Kamera geführt, bis die Schrift unschärfer wird und verschwindet. Nichts ist mehr auf der Leinwand zu sehen, als Rainer Reusch etwas in den Sand zu zeichnen beginnt: einen Frauenkopf. Daneben schreibt er in den Sand "Sara". Die Geschichte wird erzählt von den vom Tonband ablaufenden Stimmen zweier Schauspieler.

Erneut erscheint die aufgeschlagene Bibel, diesmal mit einer anderen Geschichte. Es wird ebenfalls ein Gesicht einer Frau in den Sand gezeichnet, "Ruth". Diesmal wird der Hintergrund durch Folien mit verschiedenen Motiven und schwarzen Schattenfiguren gestaltet. Die Folien hält Reusch zuerst ganz nah an die Kamera, so dass man zuerst noch nichts erkennen kann, und dann langsam immer weiter weg, bis ein vollständiges Bild entsteht. Ruth, "die Freundin Gottes", lebt freiwillig in Armut und Fremdheit, um ihrer ebenfalls verwitweten Stiefmutter beizustehen.

Eine dritte Geschichte gilt "Abigajil". In diesem Teil werden Sandmalerei und Schattenfiguren parallel angewandt. Die Schattenfiguren sind diesmal farbig, nicht wie davor schwarz. Abigajil rettet mit ihrer Klugheit das Leben vieler Menschen. Für sie wendet sich zum Schluss alles zum Guten, und sie darf ihre wahre Liebe heiraten. Als das Licht angeht, wird laut applaudiert, die Besucher sind begeistert von dem, was Rainer Reusch mit der Assistenz seiner Frau Heide geschaffen hat.

Um 1650 kam das Schattentheater aus Osten nach Europa, vor allem auf die Jahrmärkte. Den Höhepunkt habe es im Zeitalter der Romantik erreicht. Uhland, Mörike, Kerner, Brentano und Goethe hätten Schattenspiele geschrieben und aufgeführt. Zu jener Zeit habe das Handschattenspiel zum guten Ton der bürgerlichen Gesellschaft gehört. Mit der Aufklärung verlor das Schattentheater an Zuspruch, und mit dem ersten Film war es fast ausgelöscht.

Alle Geschichten Reuschs haben einen religiösen Hintergrund, weshalb seine Stücke hauptsächlich in Kirchen aufgeführt werden. Schon in jungen Jahren begann er Kasperletheater zu spielen. Diese Leidenschaft brachte er auch mit in seinen Beruf als Grund- und Hauptschullehrer ein. Er spielte mit seinen Schülern Kasperletheater und auch Marionettentheater. Der Schauspieler Alfred Peter Wolf brachte Reusch auf das Schattentheater. Mit seinen Söhnen und dem Jazzmusiker Dieter Seelow tingelten sie unter dem Namen "Das Gmünder Schatten-Trio" durch Österreich, die Schweiz, Frankreich und Deutschland und traten bei internationalen Puppentheater-Festivals auf. Seit seine Kinder studieren, assistiert Reusch seine Frau.

1988 rief Rainer Reusch das erste internationale Festival für zeitgenössisches Schattentheater in Schwäbisch Gmünd ins Leben. Angefangen hat das Festival mit sieben Bühnen, beim zweiten internationalen Schattentheater-Festival waren es bereits doppelt so viele. "Es ist ein Alleinstellungsmerkmal von Schwäbisch Gmünd", sagt Reusch stolz. Er verdiene dabei aber nichts. "Ich lebe eben zum großen Teil dafür, etwas Schönes zu schaffen." Sein neuestes Projekt ist ein Mitmachmuseum für zeitgenössisches Schattentheater.

Informationen zum Beitrag

Titel
Von starken Frauen und schönen Schatten
Autor
Jana Heselich
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2016, Nr. 141, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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