Faltenbildung mit Gelatineschaum

Friederike Harder ist das Gesicht hinter der Maske. Nach ihrer Ausbildung klebt die Maskenbildnerin an der Hamburger Oper Vollbärte und Glatzen, schminkt Wunden und formt ein Doppelkinn.

Sonnenstrahlen malen Schattenmuster auf das Gesicht der jungen Frau im Gartencafé. Sie streicht sich die schulterlangen, dunklen Haare zurück. Sie ist ungeschminkt. Kein besonderer Umstand würde man sagen, doch Friederike Harder ist Maskenbildnerin. Ein Beruf, der selten ist. Häufiger hört man Visagist. "Aber das ist bitte wirklich nicht das Gleiche", ruft sie aus. Denn der durchs Fernsehen bekanntere Beruf benötigt nur ein Jahr Ausbildung, der des Maskenbildners dagegen drei bis vier. Die Verwirklichung ihres Traumberufs und ihrer Festanstellung an der Hamburger Oper ist aber nicht nur deswegen durch Umwege gekennzeichnet.

Das künstlerische Interesse war Harder, mit einer Bühnenmalerin als Mutter und einer Tante als Maskenbildnerin, in die Wiege gelegt. Oft wurde sie als Kind mit ins Varietétheater in ihrer Heimatstadt Hamburg genommen. "Es faszinierte mich schon, als ich klein war, die Künstler, Schauspieler und Musiker zu beobachten. Alles war bunt, laut und so kreativ! Auch die riesigen Werkstätten der Maskenbildner fand ich toll. Eine ganz andere, eigene Welt." Kindheitsträume wie Tänzerin schlug sie sich wieder aus dem Kopf. Die Neugier auf die Kunst blieb, verlagerte sich jedoch. In der achten Klasse machte sie ein Praktikum in einer Maskenwerkstatt. Dort sah sie drei Wochen lang zwölf Maskenbildnern dabei zu, wie sie Bärte und Perücken knüpften, also einzelne Haare mit einer Knüpfnadel aufnehmen, sie durch einen Tüllstoff ziehen und festknoten. "Zwar durfte ich auch mal ein Ohr modellieren oder mein Glück im Maske-Machen versuchen, allerdings war mir das tägliche Knüpfen viel zu eintönig." Deshalb begann sie nach ihrem Realschulabschluss mit 16 Jahren eine Ausbildung zur Friseurin. "Was übrigens auch Grundvoraussetzung fürs Maskenbildner-Dasein ist", fügt sie hinzu.

Denn kaum war sie als Friseuse ausgebildet, bewarb sie sich mit neu erwachtem Interesse an allen drei staatlichen Theatern von Hamburg um einen Ausbildungsplatz als Maskenbildnerin. Diese waren jedoch alle überbesetzt. "Da hieß es nur: Kommen Sie doch in drei Jahren noch einmal wieder." Vier Jahre blieb sie im Friseursalon, machte den Meister, um ein Studium als Berufsschullehrer aufzunehmen.

Doch kurz vor Beginn des Studiums traf sie auf eine Bekannte, die mitten in der Ausbildung zur Maskenbildnerin steckte und ihr vorschwärmte, wie viel Spaß es machte, am kleinen Privattheater Hamburger Kammerspiele zu arbeiten. "Meine Freundin meinte, sie brauchte ein Modell für ihre Abschlussprüfung. Ich sagte spontan zu. Mir war sieben Jahre zuvor nicht einmal in den Sinn gekommen, dass dieses Theater auch ausbildet." Mit Hilfe ihrer Freundin wurde sie bei ihrer ersten Bewerbung angenommen. "Durch Zufall zum Traumberuf, mit 26. Endlich!", lacht sie. Das war vor vier Jahren. Die Ausbildung bei den Kammerspielen dauerte drei Jahre und forderte ihr einiges ab. Es gab den praktischen Teil, bei dem sie Bärte und Perücken knüpfen, schminken und frisieren, komplizierten Formbau, von zum Beispiel Doppelkinnen aus Silikon, lernte und wie man aus Gelatineschäumen, Gummimilch und Glatzan - ein flüssiger Kunststoff zum Erstellen von Glatzen - Wunden und Falten herstellt. Der theoretische Teil bestand aus Unterricht zu Stilepochen und Kunstgeschichte, in dem sie sich Kenntnisse zu verschiedenen Moden und Frisuren im Lauf der Geschichte aneignete.

Obwohl sich nach den Jahren des Lernens und Ausprobierens viel Wissen ansammelt, dürfen die wenigsten Maskenbildner selbst Masken und Perücken zu den Stücken erfinden. "Dafür sind die Kostümbildner zuständig. Sie kommen oft Wochen bevor ein Stück aufgeführt wird mit einem Konzept für die Kostüme auf uns zu, wollen häufig auch unsere Meinung dazu hören, entscheiden aber eigentlich immer selbst, wie etwas schlussendlich aussehen soll."

Und wenn dann alles festgelegt ist, geht es ans Tüfteln. Wochenlang sitzen die Maskenbildner gemeinsam im Werkstattdienst, meist von 9 bis 18 Uhr, knüpfen und kreieren. "Für einen Vollbart braucht man circa drei Tage, für eine Perücke zwei bis drei Wochen. Oberlippenbärte haben wir dafür schon nach einer Stunde fertig." Sobald die Vorführungen beginnen, ändern sich die Arbeitszeiten der Maske meist. "Wenn eine Vorstellung um 19.30 Uhr beginnt, sind wir immer ab 14 Uhr vor Ort. Bei einer regulären Besetzung mit zehn bis zwölf Schauspielern sind wir drei bis vier Maskenbildner. Jeder von uns kümmert sich also um mehrere Akteure. Die männlichen Darsteller sind meist sowieso nach zehn Minuten fertig geschminkt, länger dauert es nur, wenn Glatzen angebracht werden müssen. Dann können es auch mal zwanzig Minuten werden. Bei Frauen brauchen wir im Schnitt 20 bis 45 Minuten, auch je nach nötigem Aufwand."

Über Bildschirme kann die Maske das Bühnengeschehen verfolgen. "Oft werden wir auch ausgerufen: Maske bitte linke Seitenbühne! Der jeweilige Maskenbildner hetzt dann zu dem Schauspieler, der gerade abgegangen ist und schnell nachgeschminkt werden muss oder einen Rollenwechsel vor sich hat."

Und obwohl man nach fast jeder Vorstellung zufrieden nach Hause fährt, hat der Beruf seine Schattenseiten: das ständige Arbeiten an Feiertagen wie Weihnachten und Ostern, die Wechselschichten von morgendlichen Werkstattdiensten zu abendlichen Vorstellungen, die geringe Gage, die kurz nach der Ausbildung nur 1600 Euro brutto beträgt und die niedrige Anzahl an freien Tagen. "Wir haben eigentlich nur in der Sommerpause frei. Das sind dann zwar sechs Wochen am Stück, aber es ist wirklich schwierig, nicht die Gelegenheit zu haben, seine Familie um die Feiertage herum zu sehen." Frieda Harder schüttelt bedauernd den Kopf.

Ihren Ehemann lernte sie an einem Theater in Hamburg kennen. "Er ist Schauspieler und saß plötzlich auf meinem Maskenstuhl. Wir haben viel gelacht, seit unserem ersten Gespräch kam er immer zu mir. Ich weiß nicht, wie er es geschafft hat, aber er hat sich vor jeder Vorstellung in meinen Zeitplan gequetscht, obwohl ich genügend andere Akteure zu betreuen hatte." Sie fasst sich lächelnd an den Ehering, den das Paar in einem Goldschmiedekurs gemeinsam herstellte. "Goldschmied war ja auch noch so ein kleiner Traum von mir. Aber auch in die Requisiten oder Restauration zu gehen, fände ich interessant."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Faltenbildung mit Gelatineschaum
Autor
Giuliana Marcus
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2016, Nr. 141, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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