Eine eigene Welt erfinden ist toll, aber oft zermürbend

Wo es für den Schauspieler anfängt, ist für mich Schluss", sagt Bettina Meyer. Mit dem Betreten ihres rund 12 Quadratmeter großen Ateliers taucht man in eine andere Welt ein. Dutzende filigran ausgeschnittene und zusammengebaute Möbelstücke, Figuren und Wandbemalungen sind zu einem Puppenhaus arrangiert. Doch wird nie jemand mit Puppen darin spielen, sondern mit echten Menschen. Die Modelle, die die Frau mit den kurzen, braunen Haaren mit äußerster Sorgfalt baut, werden einmal realitätsgetreu nachgebaut und in einem Theater als Bühne aufgestellt. Ihr Atelier befindet sich im Schiffsbau in Zürich, der Theaterspielstätte im ehemaligen Industriebezirk, die für das Schauspielhaus erschlossen wurde.

Es ärgert die Bühnenbildnerin, dass viele Leute nicht wirklich wissen, was ihr Beruf genau ist, und ihn nicht wirklich verstehen. "Das haben sie mit einigen Theaterkritikern gemeinsam." Die Hamburgerin hat an der Hochschule der Künste in Berlin Bühnen- und Kostümbild studiert. Literatur, Architektur, freie und darstellende Kunst sind Teil dieses Studiums. "Bühnenbildner ist jedoch kein geschützter Beruf. Jeder kann sich so nennen und braucht dafür auch nicht unbedingt eine bestimmte Ausbildung." Die Zahl der Studienplätze ist gering. Nicht ohne Grund, denn Arbeitsstellen sind rar. Die Gagen sind von Theater zu Theater verschieden, davon leben können nicht alle Bühnenbildner, und es ist mit dem stetigen Risiko verbunden, keinen weiteren Auftrag zu bekommen. Der Auftrag verläuft folgendermaßen: Ein Theater sucht sich einen Regisseur, den es gerne für ein bestimmtes Stück hätte. Als Nächstes stellt dieser sich sein Team zusammen, das aus einem Bühnenbildner und einem Kostümbildner besteht. Lange bevor das Stück auf der Bühne geprobt wird, kommt Bettina Meyer ins Spiel. Sie entwirft ein Konzept, ein Modell der Bühne im Maßstab 1 zu 25 oder 1 zu 50, in dem die Innenausstattung aufgebaut ist. Sie bekommt Vorgaben des Theaters für die Kosten und die Zeit, in der die Bühne auf- und abgebaut werden können muss. "Es ist nicht immer ganz einfach. Der Beruf ist toll, aber er kann auch ziemlich zermürbend sein, wenn Ideen immer wieder aus verschiedenen Gründen verworfen werden müssen."

Für ein Bühnenbild braucht Meyer natürlich unterschiedlich viel Zeit. "Das ist Arbeitszeit, die man nicht messen kann, aber das ist auch das Tolle daran." Bei der Auseinandersetzung mit einem Stück ist es für sie von Bedeutung, dass es "eine Reibung" gibt. Es sei hilfreich, wenn das Stück eine Emotion, sei es Wut, Angst oder Enthusiasmus, auslöst. So kann sie sich besser damit auseinandersetzen und ein Bild ausdenken. Während der Arbeit treffen sich der Regisseur und die Bühnenbildnerin, um ihre Ideen wie in einem Pingpong hin- und herzuspielen und ein Konzept zu konkretisieren. Die Modelle baut Bettina Meyer meist selber. Assistenten fertigen technische Zeichnungen des Raumes an. Schließlich wird der Raum realitätsgetreu nachgebaut. "Der Beruf ist das Entwerfen und nicht das Konstruieren, wie viele meinen." Das endgültige Bühnenbild wird zwei Wochen vor der Premiere aufgebaut. Davor proben die Schauspieler mit einer markierten Probendekoration.

Während der Proben ist die Bühnenbildnerin teilweise anwesend. Bettina Meyer versucht den Schauspielern den Raum zu übermitteln, den sie sich vorgestellt hat. Im Beispiel des Stücks "Yvonne, die Burgunderprinzessin" von Witold Gombrowicz beginnt das Bühnenbild schon mit dem Eintreten in den Theatersaal selber, nicht durch einfache Saaltüren, sondern einen Tunnel. Er ist dunkel ausgekleidet. Durch ihn gelangt man in die Zuschauerarena, von der man wiederum direkte Sicht auf die Schauspieler hat. Der Raum ist bescheiden eingerichtet. Die Möbel stehen in direktem Kontrast zueinander: Designerstücke wie Schweizer Horgen-Stühle oder eine Mies-van-der-Rohe-Liege, verziert mit Gold, sowie ein Egg Chair. So bequem die Stühle sind, die Bühne wirkt alles andere als gemütlich.

Gepackt hat es die mit ihren drei Töchtern und ihrem Partner in Zürich lebende Bühnenbildnerin, als sie mit 17 Jahren Mozarts "Zauberflöte", inszeniert von Achim Freyer, in Hamburg sah. Nach ihrem Studium arbeitete sie eineinhalb Jahre lang als Assistentin einer Bühnenbildnerin am Hamburger Schauspielhaus. Nach Zürich kam sie mit der Regisseurin Barbara Frey, die sie von ihrer Zeit als Assistentin kannte. Hier ist Meyer für mindestens zwei Stücke im Jahr und somit am gleichen Ort für eine längere Zeit, was in ihren Berufskreisen selten ist.

An ihrem Beruf gefällt ihr besonders gut, dass man eine eigene Welt erfinden kann, die Bilder dafür finden muss und den eigenen Blick auf eine Sache vermitteln kann. Sie braucht diese Freiheit und Kreativität. "Theater ist immer auch eine Gemeinschaftsarbeit." Das gefällt ihr. In "Medea" zeigte sie ihre Vorliebe für abstrakte Räumlichkeiten. Wieder befindet sich ein Raum in einem Raum. Der innere Raum ist klein, und die Küche, Schlaf- und Wohnzimmer sind zusammengepfercht in einen Container. Das Ganze scheint nun mehr ein Puppenhaus zu sein, in dem Medea versucht, sich zurechtzufinden. Ist das Theater denn in der Welt der Technologie noch aktuell? "Gerade jetzt ist es wichtig, so etwas wie Theater zu haben." Das Zusammenkommen von Menschen, die gemeinsam ein Kunsterlebnis haben, bedeutet Bettina Meyer viel. "Ein Augenblick im Theater kommt nur ein einziges Mal vor und kann nicht mit einer Replay-Taste wiederholt werden. Es ist nicht das Gleiche, ein Fußballspiel live im Stadion zu sehen oder es zu Hause anzuschauen. Die Atmosphäre ist eine ganz andere, und so ist es mit dem Theater auch."

Informationen zum Beitrag

Titel
Eine eigene Welt erfinden ist toll, aber oft zermürbend
Autor
Sophie Vandebroek
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2016, Nr. 141, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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