Im Aufwind gleiten

Wochenende. Die Sonne steht im Zenit. Der Flugbetrieb hat begonnen. Louis Ößwein schiebt mit seinen Flugkameraden ein Segelflugzeug aus der Halle des Aero-Clubs Landau in der Pfalz. Der Segelflugsport ist ein reiner Teamsport. Jeder hilft hier mit und packt kräftig an. Allein um ein Segelflugzeug in die Luft zu befördern, benötigt man mindestens fünf Personen. Auf der riesigen Landefläche angekommen, wird alles vorbereitet für einen Windenstart. Bei diesem Start wird ein Segelflugzeug ohne eigenen Antrieb auf eine ausreichende Höhe und Geschwindigkeit gebracht. Innerhalb von wenigen Sekunden ist das Flugzeug an der höchsten Stelle angelangt. Nun löst der Pilot eigenständig die Verbindung mit der Winde durch Ziehen an einem gelben Hebel zum richtigen Zeitpunkt. Der zweite Weg, ein Flugzeug in die Luft zu befördern, ist mit Hilfe eines Motorflugzeugs möglich. Das Motorflugzeug startet, an einem Seil fest angehängt hat es den Segelflieger im Schlepptau.

Segelflieger Louis, der Pilot werden will, hat vor jedem Flug Respekt, jedoch schon lange keine Angst mehr. "Es ist ein Gefühl der Freiheit und eine tiefe Verbundenheit mit der Natur." Ein Grund für den 16-Jährigen, jedes Wochenende auf dem Flugplatz zu verbringen, sind vor allem die engen Freundschaften mit seinen Kameraden. "Man lässt seine Gedanken einfach am Boden und konzentriert sich einzig und allein auf das Fliegen."

Schon im jungen Alter lernt man hier mit großer Verantwortung umzugehen und Gefahren einzuschätzen. Nach einem letzten Check geht es innerhalb weniger Sekunden auf eine Höhe von 500 Metern. Am höchsten Punkt der Bahn löst Louis die Verbindung zwischen Seil und Flugzeug. Ab diesen Zeitpunkt ist er allein dafür verantwortlich, den Segelflieger geschmeidig durch die Lüfte gleiten zu lassen. "Mit einem explosiven Gefühl von Glück genießt man einen tollen Blick über die Rheinebene", sagt er begeistert.

Da das Wetter die Flugdauer beeinflusst, weiß man nie, wie lange man einen Aufenthalt fern von der Erde genießen darf. Heute hat Louis Glück und nutzt den Aufwind von einer Wolke zur nächsten, immer höher in die Luft. Zu Fliegen ohne einen Motor bedeutet abwechselndes Steigen und Gleiten im Aufwind. Man versucht einen großen Höhenverlust zu vermeiden. Hier nutzt man die Thermik, die erwärmte Luft, die vom Boden aufsteigt: Durch stetiges Kreisen kann der Pilot in die Höhe aufsteigen. Dieses Zusammenspiel mit der Natur und die Herausforderung, ohne einen Motor möglichst lange in der Luft zu bleiben, macht die Faszination des Segelfliegens aus.

Louis ist seit zwei Jahren im Aero-Club Landau, unter den 70 Mitgliedern sind nur wenige Frauen. "Es ist für Familie und Freunde sehr belastend, da man viel Zeit auf dem Flugplatz verbringt", erklärt er. Im Jahr leistet jedes Vereinsmitglied 40 Arbeitsstunden auf dem Gelände. Nicht abgeleistete Arbeitsstunden werden mit zehn Euro dem Startgeldkonto belastet. Diese Arbeitsstunden kann man in der Werkstatt oder beim Verkauf von Kaffee und Kuchen im Clubheim absolvieren. Die Finanzierung trägt sich durch die Mitgliederbeiträge. Nach der einmaligen Aufnahmegebühr für Jugendliche von 210 Euro zahlt ein aktives jugendliches Mitglied jährlich einen Beitrag von 105 Euro. Als Mitglied hat man die Chance, entweder einen Motorflieger oder Segelflieger zu steuern im Wert von 60 000 bis zu 150 000 Euro. Der Aero-Club Landau Pfalz besitzt vier Motorflugzeuge und sechs Segelflieger, des Weiteren hat man die Möglichkeit, ein privates Flugzeug in den geräumigen Hallen abzustellen.

Ab einem Alter von 14 Jahren dürfen die Jugendlichen einen Flugschein machen. Im Winter gibt es Theorieunterricht, im Sommer die ersten Alleinflüge. Der Unterricht umfasst sieben Fächer, von Aerodynamik bis zur Meteorologie. Um den Schein ausgehändigt zu bekommen, ist ein Sprechfunkzeugnis erforderlich, ein Sehtest, ein ärztliches Tauglichkeitszeugnis, ein Führungszeugnis und bei Minderjährigen die Einverständniserklärung der Eltern. Louis hat die Theorieprüfung bestanden. "Ich musste viel lernen, über 3000 Fragen, doch es hat sich ausgezahlt. So komme ich meinem Traum näher, eine Reise an den Bodensee mit einem Segelflugzeug zu machen", sagt er freudig.

Informationen zum Beitrag

Titel
Im Aufwind gleiten
Autor
Sophie Wehr
Schule
Pamina-Gymnasium , Herxheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.06.2016, Nr. 147, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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